Mit Vollbild (F11) noch schöner!


1. Februar

THOMAS BRASCH

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie bin.



2. Februar

PETER MAIWALD

Das Meer

Der Schiffer Paule liegt im Meer
Es ist kein Land in Sicht
Nur ein Stück Holz treibt noch vorbei
Das hält den Paule nicht
Es steigt die Flut erreicht den Mund
Paul sinkt oh große Not
Wenn jetzt kein Kahn vorüber fährt
Dann ist der Paul gleich tot
Nun sieht man nur noch Paules Schopf
Helft doch die Zeit verrinnt
Da greift die Mutter Paules Schopf
Weil der beim Baden spinnt



3. Februar

WILHELM BUSCH

Ach, ich fühl es!

Ach, ich fühl es! Keine Tugend
Ist so recht nach meinem Sinn;
Stets befind ich mich am wohlsten,
Wenn ich damit fertig bin.

Dahingegen so ein Laster,
Ja, das macht mir viel Pläsier;
Und ich hab die hübschen Sachen
Lieber vor als hinter mir.









4. Februar

ERICH WEINERT

Eine deutsche Mutter

Am Freitag holten sie den Jungen weg.
Er griff noch schnell nach ihrer Hand. „Nicht weinen!“
Sie weinte nicht. Sie stand ganz weiß vor Schreck,
Ganz weiß vor Schreck. Sie hatte nur den einen.
Sie lag im Fenster bis um Mitternacht.
Dann rannte sie zum Polizeirevier.
„Um sieben ist er aus dem Haus gebracht.“
„Hans Fischer? Jakobstraße sechs? Nicht hier.“

Sie lief zum Polizeipräsidium.
„Hans Fischer? Ist hier gar nicht eingetragen.“
„Nicht eingetragen?“ Lange stand sie stumm,
Ganz weiß vor Schreck. „Wo kann man das erfragen?“
Die lachten nur. „Das ist so eine Sache.
Vielleicht in Tempelhof, Columbiahaus.“
Sie lief dorthin. Da stand ein Posten Wache.
„Hans Fischer, lieber Herr, ist der schon raus?“

„Das weiß ich nicht. Es sind so viele hier.“
Sie fasste seine Hand. „Es ist mein Sohn!“
„Dann fragen Sie beim Polizeirevierl“
Sie stand ganz weiß vor Schreck. „Da war ich schon.“
Der Posten sagte: „Bitte weitergehn!“
Sie lief zurück zum Polizeirevier.
Es war schon Morgen. „Ach, Sie suchen wen?
Hans Fischer, Jakobstraße - der ist hier.“

Die Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Kann ich ihn sprechen? Kommt er nicht bald raus?“
Der Mann am Tische sagte: „Leider nicht,
Er ist gestorben. Sieht auch nicht gut aus.“
Ihr Mund stand offen. Doch es kam kein Wort.
Man führte sie behutsam vor die Tür.
Im kalten Morgen stand sie wie verdorrt
Und sank zusammen wie ein Stück Papier.

Vor tausend Türen tausend Mütter sterben ...
Doch einmal wird ein wilder Wind aufstehn,
Die kalte Asche ihres Grams verwehn
Und wird die bleichen Mütterwangen färben.
Und tausend Mütter stehen auf im Land,
Der toten Söhne Fahne in der Hand!










5. Februar

THEODOR STORM

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.



6. Februar

KARIN KIWUS

Im ersten Licht

Wenn wir uns gedankenlos getrunken haben
    aus einem langen Sommerabend
        in eine kurze heiße Nacht
wenn die Vögel dann früh
    davonjagen aus gedämpften Färbungen
in den hellen tönenden frischgespannten Himmel
wenn ich dann über mir in den Lüften
weit und feierlich mich dehne
in den mächtigen Armen meiner Toccata

wenn du dann neben mir im Bett
deinen ausladenden Klangkörper bewegst
dich dumpf aufrichtest und zur Tür gehst

und wenn ich dann im ersten Licht
    deinen fetten Arsch sehe
        deinen Arsch
            verstehst du
    deinen trüben verstimmten ausgeleierten Arsch
dann weiß ich wieder
    dass ich dich nicht liebe
            wirklich
        dass ich dich ganz einfach nicht liebe








7. Februar

Jacopino Del Conte Michelangelo Buonarroti KONSTANTIN WECKER

Jeder Augenblick ist ewig
wenn du ihn zu nehmen weißt.
Ist ein Vers der unaufhörlich Leben,
Welt und Dasein preist.
Alles wendet sich und endet
und verliert sich in der Zeit.
Nur der Augenblick ist immer.
Gib dich hin und sei bereit!
Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden.
Gönn ihm keinen Blick zurück.
In der Zeit muss alles sterben
aber nichts im Augenblick.

Heit is so schee,
so schee scho a,
unbandig schee,
wias nia net woa.
Heit is so schee...
A´s Leb´n is schee...
Heit is so schee...
Weil i, i woaß net wia,
all mei Angst verlier,
und bin so frei und g´spür
nur Liab in mir.




8. Februar

GEORG WEERTH

Der alte Wirt in Lancashire

Der alte Wirt in Lancashire,
Der zapft ein jämmerliches Bier.
Er zapft' es gestern, zapft es heute,
Er zapft es immer für arme Leute.

Die armen Leut in Lancashire,
Die gehen oft durch seine Tür;
Sie gehn in Schuhen, die verschlissen,
Sie kommen in Röcken, die zerrissen.

Der erste von dem armen Pack,
Das ist der bleiche, stille Jack.
Der spricht: "Und was ich auch begonnen -
Hab nimmer Seide dabei gesponnen!"

Und Tom begann: "Schon manches Jahr
Spann ich die Fäden fein und klar;
Das wollene Kleid mocht manchem frommen -
Bin selbst aber nie in die Wolle gekommen!"

Und Bill darauf: "Mit treuer Hand
Führt ich den Pflug durch britisch Land;
Die Saaten sah ich lustig prangen -
Bin selbst aber hungrig nach Bett gegangen!"

Und weiter schallt's: "Aus tiefem Schacht
Hat Ben manch Fuder Kohlen gebracht;
Doch als sein Weib ein Kind geboren -
Goddam - ist Weib und Kind erfroren!"

Und Jack und Tom und Bill und Ben -
Sie riefen allesamt: "Goddam!"
Und selbe Nacht auf weichem Flaume
Ein Reicher lag in bösem Traume.







9. Februar

FRIEDRICH RÜCKERT

Du bist ein Schatten am Tage

Du bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find’ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.




10. Februar

NICOLAUS LENAU

Die drei Zigeuner



Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch die sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeife im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er von dem Erdenrund
Nichts zu dem Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Durch seine Seele ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten mutig und frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie's mir gezeigt,
Wie man das Leben betrachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Wie man es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Musst ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Nach den schwarzlockigen Haaren.



11. Februar

JOHANNES HEINRICHS

Drei Zigeuner

denen das Leben auch nachtet
nicht weil die Geige nicht klänge
nicht weil die Pfeife nicht schmeckte
nicht weil der Schlaf der Traum nicht behagte

Spotten sie der menschengemachten Geschicke
spotten die Machtverachtung verachtend
der Umnachtung gerechten Lebens
vergeigen verpennen verkiffen sie ihr vergeigtes Leben
trotzen sie den fletschenden Ungeheuern aus Gier

Seht diese geifernden Kiefernmäuler
zahnlose Ober- und oder Unterkiefer
über den Köpfen der Ahnungsvollen
und wie eine gewaltige Bestie
alles zermalmend rast übers Land
umglüht vom Abendland-Schein

Seht sie - entdeckt doch die Ungeheuer
im grauen Himmelsnegativ der Idylle
seht die Inter- und Nationalismen
für die auch die Unsern verbluteten
unsere Mehrheitsangehörigen auch wie unser Heinz
was er mit seinem noch heißen Blut malte

Bis heute aber blind für Baumkronenzeichen
schlafen genießen tanzen die Anderen anders
die gelehrten frommen mächtigen
Ehrgeizlinge Mitläufer Profiteure
denen das Leben nie nachtet

Geh unter schöne Sonne im schönen Schein
von Demokratie und Diskursgeschwätz
dem Fuhrwerk müder Qual in trockener Heide
sinke ins Blutbad dieser verdurstenden Erde
Wir warten auf deinen ganz neuen Aufgang
Nach den Gesichtern lange noch schaun
muss ich im Weiterfahren
im Weiterfahren
im weitern Erfahren


12. Februar





VOLKER VON TÖRNE

Frei wie ein Vogel

Ein Dichter bin ich und ich schreibe
mir die Dunkelheit vom Leibe,
damit ihr nicht, wie den von Kleist,
mich nackt in eine Grube schmeißt,
bevor aus deutscher Finsternis
ich mir ein Stückchen Leben riss.

Ich grüß, getrost auf Messers Schneide,
Herrn Walther von der Vogelweide,
der auch in diesem Vaterland
erst unterm Rasen Ruhe fand -
in Würzburg, wo ein Knecht hernach
des Riemenschneiders Hände brach.

Ja, Hochverrat und Hirngespinste
nennt dieses Volk die schönen Künste:
So zog in eines Feuers Rauch
von dannen Quirin Kuhlmann auch -
ach, endlos ist die Litanei
des Leids im Lande Vogelfrei.

Oh Land der Träumer und der Toten:
dem Tod sie ihre Stirne boten,
und mussten doch ins Dunkel fliehn
wie jener Friedrich Hölderlin,
der, dass er unter Deutsche kam,
sich doch zu sehr zu Herzen nahm.

Wie in Paris einst Heinrich Heine,
so lieg ich schlaflos nachts und weine.
Oh Volk, das sich bei Marschmusik
dreht um den Hals den eignen Strick:
Du hast die Freiheitsmelodien
den deutschen Dichtern nie verziehn.

Oh Volk der treuen Untertanen,
mit Hakenkreuz und Abgasfahnen,
im Land, das mir einst Heimat war,
mit Apfelbäumen, Mädchenhaar,
das meinen Mund mit Schweigen schlägt -
und das mir doch das Herz bewegt.



13. Februar

PAUL GERHARDT

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron, o Haupt,
sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

Du edles Angesichte, davor sonst schrickt
und scheut das große Weltgewichte:
wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht'?

Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen; des blassen Todes Macht
hat alles hingenommen, hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen von deines Leibes Kraft.
Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.
Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an.
Von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan;
dein Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost,
dein Geist hat mich begabet mit mancher Himmelslust.
Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.
Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben, an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben, wie wohl geschähe mir!
Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen, da du’s so gut gemeint.
Ach gib, dass ich mich halte zu dir und deiner Treu
und, wenn ich nun erkalte, in dir mein Ende sei.
Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.


   





14. Februar

ELSE LASKER-SCHÜLER

Die Verscheuchte










Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild ....
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm, bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? –
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja, ich liebte dich.

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt –?
– Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich –
Und ich – vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt,
Auch du und ich.

Und deine Lippe, die der meinen glich,
Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt –.


15. Februar

FRITZ GRASSHOFF                           

















16. Februar

JOSEF VON EICHENDORFF








Der Einsiedler

Komm, Trost der Welt, Du stille Nacht!
Wie steigst Du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst Du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, Du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
lass ausruhn mich von Lust und Not,
Bis dass das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.





17. Februar











HANNES WADER

Heute hier morgen dort

Heute hier, morgen dort
Bin kaum da, muss ich fort
Hab' mich niemals deswegen beklagt
Hab' es selbst so gewählt
Nie die Jahre gezählt
Nie nach Gestern und Morgen gefragt!

Manchmal träume ich schwer
Und dann denk' ich es wär'
Zeit zu bleiben und nun
Was ganz And'res zu tun
So vergeht Jahr um Jahr
Und es ist mir längst klar
Dass nichts bleibt
Dass nichts bleibt, wie es war!

Dass man mich kaum vermisst
Schon nach Tagen vergisst
Wenn ich längst wieder anderswo bin
Stört und kümmert mich nicht
Vielleicht bleibt mein Gesicht
Doch dem Ein' oder Ander'n im Sinn!

Manchmal träume ich schwer
Und dann denk' ich es wär'
Zeit zu bleiben und nun
Was ganz And'res zu tun
So vergeht Jahr um Jahr
Und es ist mir längst klar
Dass nichts bleibt
Dass nichts bleibt, wie es war!

Fragt mich einer, warum
Ich so bin, bleib ich stumm
Denn die Antwort darauf fällt mir schwer
Denn was neu ist wird alt
Und was gestern noch galt
Stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr!

Manchmal träume ich schwer
Und dann denk' ich es wär'
Zeit zu bleiben und nun
Was ganz And'res zu tun
So vergeht Jahr um Jahr
Und es ist mir längst klar
Dass nichts bleibt
Dass nichts bleibt, wie es war!






18. Februar

GÜNTER GRASS

Pünktlich

Eine Etage tiefer
Schlägt eine junge Frau
Jede halbe Stunde
Ihr Kind.
Deshalb
Habe ich meine Uhr verkauft
Und verlasse mich ganz
Auf die strenge Hand
Unter mir,
Die gezählten Zigaretten
Neben mir.
Meine Zeit ist geregelt.






19. Februar

JOHANNES R. BECHER

Lenin (Der an den Schlaf der Welt rührt)

Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die Blitze waren.
Sie kamen auf Schienen und Flüssen daher
Durch alle Länder gefahren.

Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Brot,
Und Lenins Worte wurden Armeen
Gegen die Hungersnot.

Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Maschinen,
Wurden Traktoren, wurden Häuser,
Bohrtürme und Minen --

Wurden Elektrizität,
Hämmern in den Betrieben,
Stehen, unauslöschbare Schrift,
In allen Herzen geschrieben.







20. Februar

MARTIN LUTHER

Ein feste Burg ist unser Gott

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind,
mit Ernst er´s jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nichts seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott;
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie saur er sich stellt,
tut er uns doch nichts;
das macht, er ist gericht:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut,
Ehr, Kind und Weib,
lass fahren dahin!
Sie haben's kein Gewinn;
das Reich muss uns doch bleiben.











21. Februar



W.G.SEBALD

Erinnertes Triptychon

Weinberg bei Sankt Georgen
Leben des Franz von Assisi
Ezras hängender Garten nah Meran

Schlachtfeld von Waterloo
Marie-Luisen des Empereurs Bonaparte
Yoknapatawpha
Breughel im Musée Royal
vorm Haus Auberginen
Fahr in die Ägäis
nach Santorin




22. Februar

BAS BÖTTCHER

Dran glauben

Häng deine Hoffnung
an ein Plastikschwein made in Taiwan
häng deine Hoffnung
an ein' Pflasterstein und andern Kleinkram
Zur Show gibt es Kitsch
zum Popstar das Image
zur Schönheit die Bräunung
zum Glück gibt's die Täuschung

Also:
Dran glauben!
Kram kaufen!
Augen schließen!
Den Schwindel genießen!

Häng deine Ziele
an den Masterplan von Microsoft
häng deine Ziele
an die Straßenbahn zum Luxusloft
Zum Reichtum gibt's Schätze
zum Brechen Gesetze
zur Unschuld die Leugnung
zum Glück gibt's die Täuschung

Also:
Dran glauben!
Kram kaufen!
Augen schließen!
Den Schwindel genießen!

Häng deine Träume
an die Funknetze der Telekom
häng deine Träume
an Goldschätze und Pokémon
Zur Ware gibt's Werbung
zum Blondieren die Färbung
zum Traum gibt's die Deutung
zum Glück gibt's die Täuschung

Also:
Dran glauben!
Kram kaufen!
Augen schließen!
Den Schwindel genießen!

Häng deine Wünsche
an die Serien auf ProSieben
häng deine Wünsche
an die Ferien und ans Verlieben
Zur Liebe gibt's Treue
zum Fremdgehen die Reue
zum Schmerz die Betäubung
zum Glück gibt's die Täuschung

Wir müssen dran glauben!
Kram kaufen!
Augen schließen!
Den Schwindel genießen!












23. Februar



STEFAN GEORGE

Entrückung

Ich fühle luft von anderem planeten.
Mir blassen durch das dunkel die gesichter
Die freundlich eben noch sich zu mir drehten.

Und bäum und wege die ich liebte fahlen
Dass ich sie kaum mehr kenne und du lichter
Geliebter schatten - rufer meiner qualen --

Bist nun erloschen ganz in tiefern gluten
Um nach dem taumel streitenden getobes
Mit einem frommen schauer anzumuten.

Ich löse mich in tönen, kreisend, webend,
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.

Mich überfährt ein ungestümes wehen
Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen:

Dann seh ich wie sich duftige nebel lüpfen
In einer sonnerfüllten klaren freie
Die nur umfängt auf fernsten bergesschlüpfen.

Der boden schüttert weiss und weich wie molke.
Ich steige über schluchten ungeheuer.
Ich fühle wie ich über letzter wolke

In einem meer kristallnen glanzes schwimme - -
Ich bin ein funke nur vom heiligen feuer
Ich bin ein dröhnen nur der heiligen stimme.


24. Februar

AUGUST VON PLATEN

Das Grab im Busento








25. Februar



BROTHERS KEEPERS

Adriano (Lezte Warnung)

Jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort
Heute ist die Nacht, Torchmann hat das Wort
Denk' ich an Deutschland in der Nacht
Bin ich um meinen Schlaf gebracht
Mein Bruder Adriano wurde umgebracht
Hautfarbe - schwarz; Blut - rot; Schweigen ist Gold
Gedanken sind tiefblau. Ein Bürger hat Angst vor seinem Volk
Ein Wintermärchen aus Deutschland. Blauer Samt
Als Kind schon erkannt - ich bin hier fremd im eigenen Land
Operation Artikel 3 - da habt ihr gelacht
Jungs, das ist mein Leben, das ha'm wir uns nicht ausgedacht
In all den Jahren in denen wir airplay verschwendet haben
Man könnte denken, wir Rapper hätten nichts zu sagen
Doch es rächt sich, ihr werdet sehen, es holt uns ein
Einigkeit macht stark - Adriano starb allein

Hängt dein Leben auf einmal am seidenen Faden
Dann blitzen die Warnsignale über die bebenden Leiterbahnen
Die Zeit ist reif, wenn Köpfe keine Preise mehr haben
Wir müssen aufhören zu labern und auf jeden Fall strategisch verfahren -
Den Feind beobachten und dann ganz langsam enttarnen
Wörter sind wie der Wind und laut sprechen die Taten
Wir werden nicht warten, graben Löcher mit Spaten
Seid euch im Klaren - das Karma, das wird euch beraten

Dies ist so was wie eine letzte Warnung
Denn unser Rückschlag ist längst in Planung
Wir fall'n dort ein, wo ihr auffallt
Gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt
Denn was ihr sucht ist das Ende
Und was wir reichen sind geballte Fäuste und keine Hände
Euer Niedergang für immer
Und was wir hören werden, ist euer Weinen und euer Gewimmer

Denk' ich an früher war der Widerstand noch eher müde
Heut gibt's genügend Brüder mit der rechten Attitüde
Geben sich Mühe um den Sprung zur Macht zu schaffen
Indem sie VWL, BWL, Jura zur Berufung machen
In allen Sprachen, den Erleuchteten gefriert das Lachen
Ist das Erwachen die Veränderung im Jahr des Drachen
60 Millionen Sklaven von denen es 8 Millionen schafften
Die besten sind jetzt unter euch; ich hoffe für euch zu verkraften

How many more men must die pass by the public eye
On both sides of the atlantic watch the panic multiply
Walk on by we divided supposed to coincide
Side line observers disturbers trying to stay alive
I realised at a young age lifes design maze like
But its amazing the way hate spreads when it's been raised right
Without day light the truths often hard to swallow
Why we sending out our love to Amadou and Adriano
Mord

Am 14. Juni 2000 stirbt Alberto Adriano im Alter von 39 Jahren nach drei Tagen im Koma an den Kopfverletzungen, die ihm drei rechtsextremistische Skinheads im Stadtpark von Dessau zufügen.
Zwölf Jahre zuvor ist er als Vertragsarbeiter aus als Fleishermeiser aus Mosambik in die DDR gekommen. Den Job behält er auch nach der Wende. 1990 lernt er seine spätere Ehefrau Angelika kennen. 1992 wird Belarmino geboren, später zwei jüngere Geschwister. Er ist ein Kind mit 8, ihn die Mutter vor die vielleicht schwierigste Frage stellt, die es überhaupt gibt. "Meine Mutter kam aus dem Krankenhaus nach Hause und fragte mich, ob die Maschinen, die meinen Vater am Leben hielten, abgestellt werden sollten. Ich habe ,ja’ gesagt."
"Konsequent, immer nett, fürsorglich"– das sind die Adjektive, die dem ältesten Sohn zu seinem Vater einfallen. Mit seiner zierlichen Statur und dem Lächeln sieht der heute 18-Jährige seinem Vater auf den ersten Blick ähnlich. Die blassen Knasttätowierungen auf den Armen und der funktional-nüchterne Besucherraum im Maßregelvollzug, in dem der Teenager nach Worten für seinen Lebensweg sucht, zeugen davon.
"Ich wollte einfach weiter meine Kindheit leben", erinnert sich Belarmino Adriano an die Zeit nach dem Mord. Doch das war nicht mehr möglich. "Jeder kannte mich in Dessau."Bis er 13 Jahre alt war, sei er "immer nur der Sohn von dem Adriano aus dem Stadtpark gewesen". Er erzählt auch von dem Morgen nach dem Angriff. Davon, wie seine Mutter weinend am Küchentisch saß, umgeben von Freunden. Es sei ihnen schnell klar geworden, dass der Vater nicht überleben werde. "Ich wollte mich noch verabschieden", sagt der Sohn, "aber meine Mutter hat mich nicht mehr ins Krankenhaus gelassen."
Als Alberto Adriano stirbt, sind seine Mörder längst gefasst. Ohne erkennbare Gefühlsregungen legen sie Geständnisse abgelegt – und machen mit jedem Wort deutlich, dass in ihrer Weltsicht jene, die ihnen als "anders" gelten wie Schwarze, Juden, Behinderte, kein Lebensrecht haben. Der Mord an Alberto Adriano löst eine Welle der öffentlichen und medialen Empörung aus. 5000 Menschen demonstrieren in der drittgrößten Stadt Sachsen-Anhalts. Ein paar Wochen nach der Gewaltorgie besucht Bundeskanzler Gerhard Schröder einen am Tatort aufgestellten Gedenkstein. Und für Angelika Adriano und ihre Kinder beginnen Monate einer aus Neugier, Mitleid, Fürsorge und politischem Kalkül befeuerten Belagerung: Journalisten, Kommunal- und Landespolitiker, Repräsentanten von Migrantenorganisationen – "ständig sollte ich erzählen, wie ich mich fühle", sagt Belarmino. Und: "Alle wollten, dass ich meinen Vater würdig vertrete."
Doch die Erwartungen an Familienangehörige von Opfern schwerster Verbrechen, noch dazu rassistischer Gewalt, sich als "Aushängeschild" für Toleranz zu engagieren, sind groß. Sie überfordern den Jungen. Während das vom Trauerflor umrahmte Bild seines Vaters um die Jahrtausendwende zu dem Symbol neonazistischer Gewalt schlechthin wird, fühlt sich der Sohn von den damit einhergehenden Erwartungen erdrückt. Seine trotzige Reaktion auf die Erwartungen der Familie, deren Freundeskreis und Wohlmeinende war Ablehnung: "Ich wollte nicht zu multikulturellen Veranstaltungen gehen, mir politische Reden anhören."Und: "Ich wollte mir einen anderen Namen machen als mein Vater."
Während der Achtjährige sich immer mehr abkapselt, kämpft Angelika Adriano im Gerichtssaal mit den grauenhaften Details der Mordnacht – und um die Würde ihres Mannes. Anders als viele andere Angehörige der Opfer rechtsextremistischer Gewalt findet die 43-Jährige in den Richtern und der Bundesanwaltschaft Mitstreiter. Die oberste Anklagebehörde sieht in dem Mord an Alberto Adriano "eine Gefährdung der inneren Sicherheit" Deutschlands.
Der 10. Juni 2000 ist Pfingstsonnabend. Die Fußball-Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden läuft gerade an, und während Alberto Adriano das Eröffnungsspiel bei Freunden in Dessau anguckt, verpassen am Dessauer Hauptbahnhof drei junge Männer ihre Züge: Christian R. und Frank M., zwei 16-Jährige aus der nahen Industriestadt Wolfen, und der 24-jährige Enrico H. aus dem brandenburgischen Finsterwalde.
Was danach geschah, rekonstruiert das OLG Naumburg wie folgt:
An ihren damals szenetypischen Outfits – schwarze Springerstiefel, kurz geschorene Haare, bei M. zudem ein angedeutetes Hitlerbärtchen – erkennen sich die drei unschwer als "Kameraden". Sie betrinken sich, grölen das Afrikaner verhöhnende Afrika-Lied der Neonazikultband "Landser", die 2005 zur kriminellen Vereinigung erklärt wurde. Nach Mitternacht ziehen sie durch die Straßen der Dessauer Innenstadt. Unüberhörbar skandieren sie: "Hier marschiert der Nationale Widerstand", "Juden Raus"und "Heil Hitler". Niemand schreitet ein.
Gegen 1.30 Uhr treffen sie auf Alberto Adriano, der auf dem Rückweg vom Fußball-Fernsehabend ist. 400 Meter sind es von der Wohnung seiner Freunde zur eigenen Haustür, quer durch den Dessauer Stadtpark, mitten im Zentrum der Bauhausstadt. Noch auf der Straße, kurz vor dem Park, versperren Enrico H., Frank M. und Christian R. ihm den Weg. "Die Angreifer finden ein Opfer ihres gemeinsamen Hasses", werden die Richter zwei Monate später in ihrem Urteil feststellen. "Der Ungeist des Afrika-Lieds entfaltet seine Wirkung."Mit unsagbarer Brutalität wird Alberto Adriano zu Tode gequält. Als er nach zahllosen Schlägen und Tritten ohnmächtig am Boden liegt, zertreten ihm die Angreifer mit den schweren Springerstiefeln den Schädel.
Am Ende eines außergewöhnlich zügigen Prozesses – zwischen Tat und Urteil lagen nur zwei Monate – ein bemerkenswertes Urteil: Erstmals stellt ein Gericht öffentlich einen Zusammenhang zwischen mörderischem Rassismus und Neonazi-Musik fest. Enrico H. wird wegen Mordes zur lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, seine jüngeren Mittäter zu jeweils neun Jahren Jugendhaft, sie sind inzwischen wieder frei.
"Reue", sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung, habe "keiner der Angeklagten im ernstzunehmenden Maße gezeigt". Inzwischen ist auch bekannt, dass der Haupttäter Enrico H. aus dem Gefängnis heraus an dem neonazistischen "JVA Report"mitarbeitete, das den "Austausch"zwischen inhaftierten Rechtsextremisten und "der Bewegung" draußen fördern soll. Angelika Adriano geht ohne ihre Kinder zur Verkündung des Urteils. Sie hat zuvor anonyme Morddrohungen erhalten. Diese Drohungen sind nur der Anfang. Zunächst spendieren Unbekannte Belarmino und seinen Geschwistern auf der Straße noch Eiswaffeln und tröstende Worte; doch gleichzeitig werden die Familie und ihre mosambikanische Freunde und Bekannte von der Dessauer Wohnungsbaugesellschaft mit Hausverboten und Kündigungen überzogen. Nachbarn hätten sich über Kinderlärm beschwert, hieß es zur Begründung.
Angelika Adriano zieht mit Baby, Klein- und Schulkind aus dem Stadtzentrum weg in ein anderes Viertel. "Meine Mutter wollte es alleine schaffen", auch ohne den Vater, sagt Belarmino Adriano, "und ich auch". Er findet im Alter von 14 Jahren ein Ventil für sein Unglück, seinen Frust, seine Trauer. Da entdeckte er "seine Jungs", gleichaltrige und etwas ältere Jugendliche türkischer, kurdischer und afrodeutscher Herkunft. Am Wochenende ziehen sie nachts nach Dessau-Süd und verprügeln Nazis – und solche, die es noch werden könnten oder die sie dafür hielten. Für Belarmino wird es ein privater Rachefeldzug: "Mein Vater konnte nachts nicht durch Dessau gehen – ich schon", sein wütendes Motto. In seinen Sätzen, seinem Leben spiegeln sich der Wunsch nach Anerkennung und nach Abgrenzung vom diesem fernen, toten Vater. Wäre der Vater heute stolz auf ihn? Ein eher verlegenes Lächeln. "Auf manches", sagt er, "aber auf vieles, was ich gemacht habe, vermutlich eher nicht". Erst jetzt, durch therapeutische Gespräche, beginnt für ihn ein Reflexionsprozess über den eigenen Umgang mit Gewalt.
Irgendwann bleibt es auch nicht mehr bei Prügeln für "die Rechten". Belarmino und seine Kumpels rauben sie aus, von dem Geld und den Wertsachen kaufen sie Drogen. Mit dem Trinken hat er schon als Zwölfjähriger begonnen, und nun häufen sich Festnahmen, Jugend- und Bewährungsstrafen. Als 16-Jähriger verliässt Belarmino das Haus nur noch nachts, die Schule hat er längst geschmissen, im Oktober 2008 erneut Verhaftung. Urteil für den Bewährungsversager: 2 J 10 M Jugendstrafe wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung und Raub. Unterbringung im Maßregelvollzug zum Drogenentzug. Er kommt in die JVA Raßnitz – dahin, wo auch jugendliche und heranwachsende Nazischläger wie die beiden jüngeren Mörder seines Vaters untergebracht sind. Im anschließenden Maßregelvollzug macht Belarmino Adriano seinen Hauptschulabschluss und bekämpft seine Sucht. Die Rückkehr nach Dessau ersehnt und fürchtet er zugleich.
Die 80.000-Einwohner-Stadt zählt zu den Schwerpunktregionen politisch-rechts motivierter Gewalt in Sachsen-Anhalt. Und es ist die Stadt, in der dunkelhäutige Männer berichten, dass sie sich mitten im Winter bei einer Polizeikontrolle auf offener Straße nackt ausziehen müssten, in der der Asylbewerber Oury Jalloh im Januar 2005 aus bisher nicht abschließend geklärten Gründen in einer Polizeistation verbrennt.
Trotzdem sagt Belarmino Adriano, dass es für ihn nicht in Frage komme, Dessau zu verlassen. Die Stadt sei der einzige Ort, an dem er sich sicher fühle. Eine paradoxe Sicherheit – verbunden mit der Angst vor dem Unbekannten und den Hoffnungen in Freunde und Familie. "Und ich kann zu dem Baum gehen, an dem mein Vater starb."




26. Februar

THEODOR KÖRNER

Frisch auf, mein Volk!

Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen,
hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.
Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen,
frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen,
die Saat ist reif, ihr Schnitter, zaudert nicht!

...

Der Himmel hilft, die Hölle muss uns weichen!
drauf, wackres Volk! drauf, ruft die Freiheit, drauf!
Hoch schlägt dein Herz, hoch wachsen deine Eichen,
was kümmern dich die Hügel deiner Leichen,
hoch pflanze da die Freiheitsfahne auf!
Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke,
in deiner Vorzeit heilgem Siegerglanz,
vergiss die treuen Toten nicht und schmücke
auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!





27. Februar

GÜNTER KUNERT

Unterwegs nach Utopia II

Auf der Flucht
vor dem Beton
geht es zu
wie im Märchen: Wo du
auch ankommst
er erwartet dich
grau und gründlich

Auf der Flucht findest du
vielleicht
einen grünen Fleck
am Ende
und stürzest selig
in die Halme
aus gefärbtem Glas ...




28. Februar

ERNST MORITZ ARNDT

Vaterlandslied

Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut, den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut, bis in den Tod die Fehde.

So wollen wir, was Gott gewollt, mit rechten Treuen halten
und nimmer im Tyrannensold die Menschenschädel spalten.
Doch wer für Tand und Schande ficht, den hauen wir zu Scherben.
der soll im deutschen Lande nicht mit deutschen Männern erben.

O Deutschland, heilges Vaterland. O deutsche Lieb und Treue!
Du hohes Land, du schönes Land; dir schwören wir aufs neue:
Dem Buben und dem Knecht die Acht! Der speise Krähn und Raben!
So ziehn wir aus zur Hermannsschlacht und wollen Rache haben.

Lasst brausen, was nur brausen kann, in hellen, lichten Flammen!
Ihr Deutsche alle, Mann für Mann, zum heil'gen Krieg zusammen!
Und hebt die Herzen himmelan, und himmelan die Hände,
und rufet alle, Mann für Mann: "Die Knechtschaft hat ein Ende!"

Lasst wehen, was nur wehen kann, Standarten wehn und Fahnen!
Wir wollen heut uns, Mann für Mann, zum Heldentode mahnen.
Auf, fliege, stolzes Siegspanier, voran dem kühnen Reihen!
Wir siegen oder sterben hier den süßen Tod der Freien.



29. Februar

HANS MANZ

Zahlenre4e
Kleiner Streit

"Ich bin 2fellos größer als du",
sprach zum Einer der Zweier.

„3ster Kerl, prahle nicht so!“
knurrte der größere Dreier.

„Und ich!“ rief der Einer, „bin zwar der kl1te,
aber dafür bestimmt auch der f1te.“

„Nein, mir gibt man sogar noch den Sch0ller“,
piepste der Nuller.