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Sylvia Amstadt * 1984 Mainz, Poetin, Künstlerin und Autorin
Schreibt seit 1997. Ihre Texte würzige Mischung aus gesellschaftskritischer und gesellschaftsfähiger Poesie. Sie jongliert mit Worten, mal mit zarter Ironie, mal mit mitreißendem Tiefsinn. Betrachtet das Schreiben als Lebensaufgabe.
Ihre Freizeit verbringt sie mit Philosophieren, Diskutieren, Formulieren; lebt in Mellrichstadt
Allgemeine Beleidigung ohne Selbstmitleid



Ernst Moritz Arndt (1769–1860) * auf Rügen, studiert Geschichte und Theologie, Politiker und Dichter, Professur in Bonn, wo er mit 91 stirbt.
Reaktionär vom Scheitel bis zur Sohle, Antisemit, Nationalist, Wegbereiter der Fremdenfeindlichkeit folgender Jahrzehnte.
Am Anfang des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der Romantik, liegen die Wurzeln, die zum Österreicher Hitler und dem deutschen Ungeist der Himmlers und Goebbels führt. Diese romantische Tendenz von uns Deutschen, dieser Verlust der Wirklichkeit, dieses Zurückgehen ins katholische Mittelalter, diese Gefühlsduselei, dieser Idealismus, woran die anderen Völker uns so gut erkennen können, 'macht doch noch lang keine Welt' (Heine). Im Gegenteil, die Welt wurde zerstört dadurch.
"Wir würden am Ende mit unseren Israeliten wohl fertig, da so viele durch den Übergang zum Christentum sich allmählich in unserem Volke verlieren; aber die Tausende, welche die russische Tyrannei uns nun noch wimmelnder jährlich aus Polen auf den Hals jagen wird, das ist eine sehr ernste Frage und unsere Regierung müßte gegen solche Eindränge und Einschliche viel strengere und härtere Maßregeln ergreifen, als sie thut."
In spannenden Reiseberichten, aus Schweden, Frankreich, Ungarn schildert Arndt begeistert den Blick in fremde Kulturen. 1841 Rektor der Bonner Universität, sieben Jahre später zieht er als Abgeordneter der Nationalversammlung in die Frankfurter Paulskirche ein.
Interessant, dass Arndt sowohl von den Nazis als auch der DDR instrumentalisiert wurde. "Zwei deutsche Diktaturen haben dieselbe Person und teilweise dieselben Werke, dieselben Zitate und Ansatzpunkte verwendet, um ihre Ideologie zu rechtfertigen" (Hegewisch).
Die Universität Greifswald legt 2018 ihren Namen "Ernst Moritz Arndt" ab.
Vaterlandslied



Achim von Arnim (1781–1831) Schriftsteller, gilt - neben Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff - als wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik.
Arnims Vater wohlhabender Königlich Preußischer Kammerherr, Gesandter in Kopenhagen und Dresden und später Intendant der Berliner Königlichen Oper. Arnims Mutter stirbt drei Wochen nach seiner Geburt. Kindheit und Jugend bei der Großmutter in Zernikow und Berlin, 1798 bis 1800 Studium Rechts- und Naturwissenschaften und Mathematik in Halle. Noch als Student zahlreiche naturwissenschaftliche Texte, lernt Ludwig Tieck kennen, dessen literarische Arbeiten er bewundert. 1800 Göttingen, wo er Johann Wolfgang von Goethe und Clemens Brentano begegnet. 1801 Erstlingsroman 'Hollin’s Liebeleben'.
1801 bis 1804 eine Bildungsreise quer durch Europa mit Bruder Carl Otto. Nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt folgt Arnim dem geflohenen Königshof nach Königsberg, im Kreis um den Reformer Freiherrn vom Stein politische Vorschläge.
1807 zu Goethe nach Weimar, wo auch Clemens und Bettina Brentano sind. Gemeinsam nach Kassel, wo Arnim die Brüder Grimm trifft, mit ihnen lebenslang befreundet.
Bis Ende Heidelberg, ab 1809 in Berlin, erfolglose Bewerbung im preußischen Staatsdienst. Novellensammlung. 1811 Heirat Bettina Brentano, sieben Kinder. 1813 während der Befreiungskriege gegen Napoleon Hauptmann. 1814 bis 1831 (Gehirnschlag) überwiegend auf seinem Gut in Wiepersdorf, Frau und Kinder vor allem in Berlin. In seinen letzten Lebensjahren finanzielle Probleme.
Schreibt zusammen mit Clemens Brentano 'Des Knaben Wunderhorn'. Goethe: »Von Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, am Fenster, unterm Spiegel, oder wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein, um aufgeschlagen zu werden in jedem Augenblick der Stimmung oder Unstimmung.«
Schwere Brombeeren



Hans (Arnfrid) Astel (1933-2018) Lyriker und Journalist. Ursprünglich Arnfrid Astel, Vornamen Hans nimmt er 1985 nach Suizid des Sohnes an. Pseudonym Hanns Ramus.
„Dichten läßt sich nicht unterrichten. Literatur ist das, was du gegen den Rat aller Leute schreibst.“
Sohn des Nazi-Rasseforschers und Rektors der Universität Jena, Karl Astel. Abitur 1953 Gymnasium Windsbach in Bayern. Studium Biologie und Literaturwissenschaft, Hauslehrer in einem Internat. 1958 bis 1966 mit Schriftstellerin Eva Vargas verheiratet. Verlagslektor, Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk. Während der 68er-Zeit sein erster politisch orientierter Gedichtband Notstand. 1971 fristlos entlassen, nach Arbeitsgerichtsprozess 1973 auf seiner alten Stelle im Rundfunk bis zum Ruhestand 1998. Im Roman Klassenliebe, 1973, von Karin Struck, Astel Protagonist Z. 1979 bis 1996 bietet er an der Universität des Saarlandes Schreibwerkstatt an ("Saarbrücker Schule").
Natürlich



Louise Aston (1814-1871) Schriftstellerin, Vorkämpferin für die demokratische Revolution und Frauenbewegung. * Berlin, als die jüngste Tochter des evangelischen Theologen und Konsistorialrats Johann Gottfried Hoche, als 17-Jährige mit dem 23 Jahre älteren englischen Fabrikanten Aston (der davor bereits mit drei Frauen vier uneheliche Kinder hatte) zwangsverheiratet, drei Töchter. Louise löst sich aus dieser Ehe (die Verbindung beschreibt sie im Roman »Aus dem Leben einer Frau« von 1846), schließt sich der Berliner Vormärzbewegung an. Propagiert und praktiziert freie Liebe, geht rauchend und in Männerhosen gekleidet Unter den Linden spazieren, gibt die Zeitschrift Der Freischärler heraus. Man verhaftet sie und verweist sie der Stadt. Sie geht nach Bremen, nimmt im Freikorps von Ludwig von der Tann am Schleswig-Holsteinischen Feldzug teil, heiratet den Chefarzt des städtischen Krankenhauses, bekommt in Bremen ähnliche Probleme, sie kehren nach Berlin zurück, die Polizei verhaftet ihren Mann als radikalen Demokraten, schiebt sie endgültig aus Berlin ab, Aston geht nach nach Bremen, wo sie weiter an Romanen schreibt. Ihr Mann 1855 aus dem Gefängnis entlassen, das ständig überwachte Paar verlässt Deutschland, um im Krimkrieg auf russischer Seite als Arzt und Pflegerin in der freiwilligen Krankenpflege zu arbeiten. Anschließend leben sie in der Ukraine, in Siebenbürgen, Ungarn und Österreich, bis sie 1871 wieder nach Deutschland zurückkehren. Bald darauf stirbt Louise Aston verarmt, politisch resigniert und von ihren Schriftstellerkollegen isoliert im Alter von 57 Jahren (ihr Mann stirbt 1873).
Nachtphantasien



Rose Ausländer (1901-1988) * in Tschernowitz, aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Lebt in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland.
Ihr Vater Sigmund Scherzer stammt aus der streng orthodoxen, von Chassidismus und Mystik des Ostjudentums geprägten Stadt Sadagora, bekennt sich aber zum Freidenkertum, ist Prokurist einer Import-Export-Firma. Rose Scherzer wächst in einem weltoffenen, liberal-jüdischen, auch kaisertreuen Elternhaus auf, das die wichtigsten Regeln der jüdischen Tradition bewahrt. 1916 flieht die Familie vor der zweiten russischen Besetzung der Stadt im Ersten Weltkrieg nach Budapest und zieht weiter nach Wien. 1920 Rückkher ins nun rumänische Czernowitz, Antrit einer Stelle in Rechtsanwaltskanzlei, studiert als Gasthörerin Literatur und Philosophie an der Czernowitzer Universität, bricht das Studium ab.
Mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer wandert sie 1921 in die USA aus. Buchhalterin, beginnt mit Schreiben. In dem von ihr bis 1927 redigierten Amerika-Herold-Kalender erscheinen ersten Gedichte. 1923 Heirat mit Ausländer in New York, wo sie Bankangestellte ist, Trennung 1926, geschieden 1930.
1927 8 Monate Bukowina, um erkrankte Mutter zu pflegen. Sie lernt Helios Hecht kennen, das Paar reist 1928 nach New York; Rose Ausländer veröffentlicht Gedichte und Feuilletons in deutschsprachigen-amerikanischen Zeitungen. 1931 kehrt sie mit Hecht nach Czernowitz zurück. 1935 Trennung von Hecht, Fremdsprachenkorrespondentin in Bukarest. 1939 wieder in die USA, kehrte aber im selben Jahr nach Czernowitz zurück, um schwer erkrankte Mutter zu pflegen. 1940 besetzen sowjetische Truppen Czernowitz und die nördliche Bukowina. Ausländer als angebliche US-Spionin verhaftet, nach viermonatiger Haft entlassen. Krankenschwester in Augenklinik.
1941 besetzen rumänischen Truppen Czernowitz. Sie sperren Rose Ausländer ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernt. Entgeht Zwangsarbeit und Deportation, überlebt in Kellerversteck.
1944 Einmarsch der Roten Armee in Czernowitz, befreit die wenigen überlebenden Juden. Rose Ausländer reist über Rumänien wiederum nach New York, Fremdsprachenkorrespondentin. Schreibt bis 1956 Gedichte ausschließlich auf Englisch. 1957 trifft sie in Paris Paul Celan. 1964 Wien, 1965 Düsseödorf. Als Verfolgte des NS-Regimes erhält sie Entschädigung und Rente. Zweiter Gedichtband Blinder Sommer (1965) ist der literarische Durchbruch. Bis 1971 ausgedehnte Reisen durch Europa, vor allem Italien und 1968/69 letztmals in die USA.
1972 Einzug sie ins Nelly-Sachs-Haus, Altenheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs. 1977 Fraktur Bein, sie verlässt ihr Zimmer nicht mehr, veröffentlicht bis zu ihrem Tod zahlreiche Gedichtbände mit hohen Auflagen.
Noch bist du da



Ingeborg Bachmann (1926-1973), bedeutende Lyrikerin und Prosaschriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Ihr zu Ehren wird jährlich der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen.
Ingeborg Bachmann kam in Klagenfurt zur Welt. Ihr Vater war Hauptschuldirektor, das Elternhaus sehr kleinbürgerlich und reaktionär. "Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert. Der Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt. Es war so etwas Entsetzliches, dass mit diesem Tag meine Erinnerung anfängt: Durch einen zu frühen Schmerz, wie ich ihn in dieser Stärke vielleicht überhaupt nicht mehr hatte ... Diese ungeheuerliche Brutalität, die spürbar war, dieses Brüllen, Singen und Marschieren, das Aufkommen meiner ersten Todesangst." Sie war 12. Mit 18, 1944, macht sie Abitur, studiert Philosophie, promoviert 4 Jahre später in Wien über Martin Heidegger (vgl. Heidegger in Delos).
mit 24 Jahre erscheint "Die gestundete Zeit", sie bekommt den den Preis der 'Gruppe 47' und ihr Name ist in aller Munde. Ihre Bücher werden zu Bestsellern, was für Lyrik ungewöhnlich ist. Von Rundfunkanstalt zu Rundfunkanstalt gereicht, von Interview zu Interview; sie flieht dem Rummel, lebt ab 1953 in München, Berlin, Zürich, Rom. Sie schreibt neben Gedichten Hörspiele, Erzählungen, Essays und den Malina-Roman, später verfilmt. Aufsehen erregen ihre Opernlibretti für Hans Werner Henze, den sie 1952 kennen- und liebengelernt hat, doch private Probleme und Drogenprobleme lassen die Dichterin immer verzweifelter werden, ein halbes Jahr vor ihrem Tod verfasst sie den Rätselspruch mit der Unterzeile:
Mit 47 Jahre schläft sie in ihrem Bett mit brennender Zigarette ein, erleidet starke Brandverletzungen und stirbt drei Wochen später, nach unsäglichen Qualen.
Dem Abend gesagt



Johannes R. Becher (1891-1958) Geboren als Sohn eines Oberlandesgerichtspräsidenten wächst er in großbürgerlichem Hause auf, hasst den spießigen Vater, studiert in München Jura, in Jena und Berlin Medizin, Philosophie und Literatur. Mit 20 erscheint sein erster Gedichtband. Ist eine Zeit lang drogensüchtig, tritt der KPD bei. 1933 flieht er aus Deutschland, denn er war, obwohl Dichter, ein hart arbeitender Kulturfunktionär in der KPD. Zwei Jahre später, 1935, emigriert er in die Sowjetunion. Thomas Mann: „Als sein Wesen empfinde ich bei ihm eine Selbstlosigkeit, rein wie die Flamme, und verzehrend wie sie. Eine bis zum Leiden inbrünstige Dienstwilligkeit, die sein Dichten und Schreiben ganz und gar durchdringt. Ein Gemeinschaftsethos, das ihn seelisch zum Kommunisten vorbestimmt hat und im Politischen dann auch zum kommunistischen Bekenntnis geworden ist!“
Becher lebt bis 1945 im Exil in der Sowjetunion, wird 1954 in der DDR Kulturminister, dichtet ihre Nationalhymne:

Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muss uns doch gelingen,
Dass die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Glück und Friede sei beschieden
Deutschland, unsrem Vaterland!
Alle Welt sehnt sich nach Frieden!
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind.
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Dass nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint!

Laßt uns pflügen, lasst uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschland neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Heinrich Mann: „In Bechers Werk befinden sich einige der schönsten Sonette, die seit den klassischen Zeiten hervorgebracht wurden. Das ist viel: volkstümlich sein und humanistisch und ein Bildungs- und Erziehungsgesetz haben neben dem wirtschaftlichen.“
Lenin (Der an den Schlaf der Welt rührt)



Wolf Biermann * Hamburg 1936, Liedermacher und Lyriker. Siedelt 1953 in die DDR über und veröffentlicht 1960 erste Lieder und Gedichte. Gegen den Brecht-Schüler, später dann scharfen Kritiker der SED und der DDR, 1965 Auftritts- und Publikationsverbot und 1976 verweigert die DDR ihm nach einer Konzerttour in der Bundesrepublik Deutschland die Wiedereinreise, bürgert ihn aus, was in Ost- und Westdeutschland breite Proteste auslöst.
Seine Gedichtbände zählen zu den meistverkauften der deutschen Nachkriegsliteratur. Mit zahlreichen Literaturpreisen West-, später Gesamtdeutschlands ausgezeichnet.
Ermutigung



Nico Bleutge * 1972 München, studiert Neuere Deutsche Literatur, Rhetorik und Philosophie, seit 2001 Literaturkritiker, debütiert 2006 mit "klare konturen", Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland, u.a. Anna Seghers - und Erich Fried Preis. 2013/2014 als Stipendiat der Kulturakademie Tarabya in Istanbul, lebt in Berlin.
leichter Sommer






Johannes Bobrowski (1917-1965) * Tilsit, geht in Königsberg zur Schule, studiert Kunstgeschichte, leistet Arbeitsdienst, Wehrpflicht, Kriegsdienst, Gefangenschaft in Russland, Zwangsarbeit als Bergmann im Donezbecken. 12 verschenkte, geraubte Jahre. 1949 Rückkehr nach Friedrichshagen bei Berlin, Lektor, 1961 erster Gedichtband "Sarmatische Zeit". Die DDR hat Schwierigkeiten mit dem Christen Bobrowski, der als erklärter "Nichtmarxist" dennoch für sich die "Position eines Sozialisten" reklamiert. Zwischen 1961 und 65 Veröffentlichung seines schmalen Werks, begleitet von Ehrungen in ganz Europa.
1965, mit 48, stirbt Bobrowski, der in seiner Umgebung die Liebe vermisste, in Ostberlin an einem Blinddarmdurchbruch.
Die "Pruzzische Elegie" bezieht sich auf die Pruzzen, jene Volksstämme, die Tacitus "Aestii", also Esten, nannte, die zum baltischen Sprachzweig des Indogermanischen gehörten und von den deutschen Kreuzrittern und Kolonisatoren ausgerottet, nur noch in den Namen von Flüssen, Bergen und Wegen weiterlebten. Und im Namen des deutschen Staates Preußen. Es ist eine klagende und anklagende Dichtung, die das, wie Bobrowski sagt, "unglückliche und schuldhafte Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarvölkern bis in die jüngste Vergangenheit vor Augen führt."
Pruzzische Elegie



Wolfgang Borchert (1921-1947) Schriftsteller. Sein schmales Werk von Kurzgeschichten, Gedichten und einem Theaterstück macht ihn nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bekanntesten Autoren der Trümmerliteratur. Mit seinem Heimkehrerdrama 'Draußen vor der Tür' können sich in dieser Zeit weite Teile der Deutschen identifizieren. Seine Kurzgeschichten als musterhafte Beispiele ihrer Gattung häufig Schullektüre. Der Vortrag der pazifistischen Mahnung 'Dann gibt es nur eins!' begleitet viele Friedenskundgebungen.
Einziges Kind des Volksschullehrers Fritz Borchert und dessen Ehefrau, der plattdeutschen Heimatschriftstellerin Hertha Borchert, in Hamburg-Eppendorf geboren. Zeitlebens ein sehr enges Verhältnis zur Mutter, Verhältnis zum später kränkelnden Vater konfliktbeladen. Sehnsucht nach der Mutter als auch schwache und hilflose Vaterfiguren häufige Motive in Borcherts Werk. In Erikaschule in Hamburg-Eppendorf eingeschult, an der auch sein Vater unterrichtet, die Schule trägt heute den Namen „Wolfgang-Borchert-Schule“. 1940 Kirchenaustritt.
Mit 15 beginnt Borchert Gedichte zu schreiben - oft 5 bis 10 Gedichte am Tag. "Ich habe die Texte nie während des Schreibens erarbeitet oder erkämpft, sie entstanden eher als ein kurzer Rausch“. Er brauche „zu einem Gedicht kaum mehr Zeit, als nötig ist, die gleiche Menge Worte aus einem Buch abzuschreiben". In Anlehnung an sein großes Vorbild Rainer Maria Rilke nennt er sich „Wolff Maria Borchert“ Er trägt seine Lyrik den Eltern vor oder wirbt mit ihr um Frauen, schickt sie der mit seiner Mutter befreundeten Schauspielerin Aline Bußmann, später deren Tochter Ruth Hager, seiner unglücklich umschwärmten Jugendliebe.
Borchert strebt lange den Beruf eines Schauspielers an. Nach einer Schauspielausbildung und wenigen Monaten in einem Tourneetheater 1941 zum Kriegsdienst eingezogen, muss beim Angriff auf die Sowjetunion teilnehmen. An der Front zieht er sich schwere Verwundungen und Infektionen zu. Mehrfach wegen Kritik am Regime des Nationalsozialismus und sogenannter Wehrkraftzersetzung verurteilt und inhaftiert.
Auch in der Nachkriegszeit leidet Borchert stark unter Erkrankungen und einer Leberschädigung. Nach kurzen Versuchen, erneut als Schauspieler und Kabarettist aktiv zu werden, bleibt er ans Krankenbett gefesselt. Es entstehen zwischen Januar 1946 und September 1947 zahlreiche Kurzgeschichten und innerhalb eines Zeitraums von acht Tagen das Drama 'Draußen vor der Tür'. Während eines Kuraufenthalts in der Schweiz stirbt er mit 26 an den Folgen seiner Lebererkrankung. Sein Publikumserfolg setzt vor allem postum ein, beginnend mit der Theateruraufführung von 'Draußen vor der Tür' am 21. November 1947, einen Tag nach seinem Tod.
Abschied



Bas Böttcher * Bremen 1974, Schriftsteller und Slam-Poet. Studium Weimar Mediengestaltung, zieht nach Berlin. 1991 Gründung der Band Zentrifugal, die sich 2001 auflöst.
Böttcher gilt als der erste deutsche Slam-Poet, Gedichte erscheinen in Schulbüchern und Anthologien deutschsprachiger Lyrik. Neben Tourneen durch Kanada, die USA, Großbritannien, Frankreich, die Schweiz, Italien und Südamerika programmiert und entwickelt er lyrische Ausdrucksformen für das Internet (Looppool). 2004 Roman "Megaherz" und Diplomarbeit über Poetry Clips. Für die Frankfurter Buchmesse 2006 entwickelt und baut Bas Böttcher die Textbox, eine Sprecherkabine aus Plexiglas, in der Poeten auftreten. Über Kopfhörer kann das Publikum den Texten in Studioqualität lauschen. Seit 2012 Gastdozent am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
In Bas Böttchers Texten spiegelt sich die Jetztzeit mit ihren Abgründen und abstrusen Facetten. Neue Zürcher Zeitung: „Seine Lieder gehen ob ihrer sanft spielerischen Souveränität sofort ins Ohr, wozu einerseits der Hang zu Stab- und Binnenreimen, anderseits die Schilderung inniger Lebensmomente beiträgt. Etwa das ‚Sommersonnengefühl‘: ‚Jedes Jahr, so im Juni Juli / summen Unsummen von Hummeln in der Luft rum. / Ich seh, wie sie über Liegewiesen fliegen oder über Gras rasen.‘ Seine mit real existierenden Markennamen jonglierende Konsumkritik und gewitzte Exposition diverser Jargons verzichtet auf jene Aggression, mit welcher sich der harte Rap profiliert. «Google mal Babylon! Babel mal Googylon, / Bubblegum, Goody, Booty, Party on, Babylon!» lautet der zungenbrecherische Kommentar zur medialen Sprachverwirrung, welcher eine reisserische Presse ‚mit Auflage und Headline / Aufhänger und Deadline‘ nicht minder zuarbeitet als die televisionären und ‚internetten‘ Produkte der Kulturindustrie.“
Dran glauben



Timo Brandt * 1992, aufgewachsen in Hamburg, Studium der Sprachkunst Wien. Rezensent und Berichterstatter für Medien und Zeitschriften, Mitherausgeber von JENNY (Jahresanthologie des Instituts für Sprachkunst). 2017 Gedichtband "Enterhilfe fürs Universum", 2019 "Ab hier nur Schriften".
Brandt setzt sich vor allem mit traditionellen Formen und Auffassungen des Gedichts auseinander und transformiert sie durch den Kontakt mit zeitgenössischen Ansätzen.
Kritiker attestieren ihm wahre Leidenschaft, wenn seine Notation bisweilen auch etwas manieriert erscheinen mag. Seine Gedichte müsse man mehrfach lesen, um darin „die Wahlverwandtschaften der Wörter, die Lust am Spiel mit ihnen, aber auch die Klüfte zwischen ihnen zu erkennen.“ Brandt lebt in Wien.
Lieber Sprachkünstler in Wien, bitte kläre uns auf:
Warum sollten wir den unvergessenen Lorca vergessen?
Warum und wie perlt im Abendlandvogelbecken was ab?
Warum ist das maskuline Tropf Neutrum?
Warum und wie gondeln Schneisen Sonnenlicht?
Warum und wie klingt eine Kaltschale?
Warum hat eine Wolke einen Auftakt?
Warum hat Bö ein E?
Warum und wie humpelt der Herbst abwärts?
Warum und wie gibt es in der Natur Demokratie?
Warum und wie bewahren Wildvögel Weißheit?(ß?)
Warum Tropf, Kropf, Lynnz (Linz?) in Abfolge? Usw, usw ...
Lorca nicht vergessen



Thomas Brasch (1945-2001). Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Regisseur und Lyriker. In England als Sohn jüdischer Emigranten geboren, die 1947 in die sowjetische Besatzungszone übersiedeln. Vater Horst Brasch (1922–1989) steigt auf bis zum stellvertretenden Minister für Kultur der DDR. 1956 bis 1960 NVA-Kadettenschule in Naumburg/Saale. Praktische Tätigkeiten, Studium Journalistik. Wegen „Verunglimpfung führender Persönlichkeiten der DDR“ exmatrikuliert, arbeitet u. a. als Kellner und Straßenbauarbeiter.
1966 verbieten die Behörden sein Vietnamprogramm 'Seht auf dieses Land', 1967/68 Studium Dramaturgie. Wegen Flugblattverteilung gegen Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR 1968 (gemeinsam mit Frank Havemann, Florian Havemann, Rosita Hunzinger, Sanda Weigl, Erika-Dorothea Berthold, Hans-Jürgen Uszkoreit und Bettina Wegner - mit ihr zusammen ein Kind) Verurteilung zu 2 Jahren und 3 Monaten, nach 77 Tagen auf Bewährung entlassen, als Erziehungsmaßnahme Fräser im Berliner Transformatorenwerk Oberspree (TRO).
1971/1972 Arbeit im Brecht-Archiv an Arbeit, die die Strukturelemente des Westerns mit denen des russischen Revolutionsfilms vergleicht. Seitdem freier Schriftsteller. Mehrere Dramen 1970 bis 1976 wegen Thematik und häufig experimentellen Form nicht aufgeführt.
1976 unterzeichnet Brasch die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann mit. Staatliche Stellen verbieten Publikation von Prosatexten, Brasch stellt Ausreiseantrag, übersiedelt mit Freundin Katharina Thalbach und deren Tochter nach West-Berlin. Prosaband "Vor den Vätern sterben die Söhne" großer Erfolg. 1983 1 Jahr in Zürich, ab 1986 Übersetzung von Shakespeare-Stücken.
Nach dem Mauerfall verstummt Brasch für Jahre, Gerüchte über Alkohol- und Drogenmissbrauch. 1999 überrascht er mit "Mädchenmörder Brunke", entstanden aus einem 10 000seitigen Manuskript. 2011 erscheint "Die Kinder der preußischen Wüste", Schlüsselroman über Braschs Leben des langjährigen Freunds Klaus Pohl.
Was ich habe



Bert Brecht (1898-1956). 1917 Kriegsnotabitur auf einem Augsburger humanistischen Gymnasium, vier Semester Medizin und Philosophie in München erfolglos studiert, steht mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt auf der Bühne, wird Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, geht nach Berlin, hat unzählige Liebschaften hinter sich, auch zwei Kinder gezeugt, heiratet Marianne Zoff, Scheidung (sie heiratet Theo Lingen), er heiratet Helene Weigel, die bei ihm bis zu seinem Tod treu bleibt, mit ihr hat er zwei Kinder.
Seine "Hauspostille", erschienen 1927, ist sicher eines der wichtigsten Gedichtebücher des 20. Jahr-hunderts, vergleichbar dem Buch der Lieder Heines. Brecht räumt spielerisch und ganz unangestrengt Symbolismus, Expressionismus und Surrealismus beiseite und öffnet die Lyrik der heutigen Zeit, versehen mit einer neuen Sprache, wird zum bedeutendsten Lyriker nach Goethe und Heine. Brecht versucht nicht wie etwa Rilke Goethe sprachlich zu überbieten und nicht wie Benn kühl-rationale Geschäftssprache literarisch werden zu lassen, sondern geht zurück zu Hans Sachs und Martin Luther - und ist außerdem auch lustig.
1927 ist das Jahr seines Welterfolgs mit der Dreigroschenoper und dem weltweit sicher bekanntesten deutschen Gedicht von Mäckie Messer.
Brecht politisiert sich im und nach dem Krieg, wird kurze Zeit Mitglied der USPD, beschäftigt sich mit Karl Marx. Die Nazis bürgern ihn aus, nehmen ihm Heimat und seinen gesamten nicht unerheblichen Besitz. Er geht mit Frau und Kindern ins Exil. 1933: Prag, Wien, Zürich, Paris. 1934-38 Svendborg, Schweden, Finnland, Moskau, Los Angeles, Monica bei Hollywood, Zürich. Nachdem 1948 die Alliierten die Einreise in die Westzone ablehnen, geht er mit einem österreichischen Pass nach Osteberlin. Es entstehen viele Theaterstücke, sein bedeutendstes Stück "Das Leben des Galilei".
In den Jahren 1949-1956 kümmert Brecht sich fast ausschließlich um sein Theatermodell. Im ehemaligen Theater am Schiffbauersdamm, wo Brechts Dreigroschenoper 30 Jahre zuvor Premiere hat, entsteht das Brecht-Ensemble, auf der ganzen Welt gefeiert. Helene Weigel leitet das Theater. Nach Buckow bei Berlin, wo Weigel-Brecht ein Sommerhaus besitzen, heißt ein schmales Bändchen Gedichte "Buckower Elegien", erschienen 1954.
In der DDR herrscht laut Brecht nicht Marxismus, sondern Murxismus und so ist Brecht am Ende seines Lebens verzweifelt, dass nicht die Einsicht, die Vernunft, uns Menschen ändert, sondern: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und zu fressen gab es im Kapitalismus mehr. Wenn auch nicht für alle.
An die Nachgeborenen



Clemens Brentano (1778 - 1842), bezeichnet als der 'romantischste' der deutschen Dichter.
* Ehrenbreitstein, Vater ein reich gewordener italienischer Kaufmann, der in 3 Ehen 20 Kinder zeugt, Mutter Maximiliane von La Roche, die Jugendliebe Goethes und Tochter der Schriftstellerin Sophie von La Roche, in die Martin Wieland verliebt war. Mit 19 sterben die Eltern, Brentano erbt riesiges Vermögen, sodass er sein Leben lang versorgt bleibt. Studium abgebrochen, lernt an der Uni in Jena Achim von Arnim kennen, tritt dort in die poetischen Kreise um Tieck und die Brüder Schlegel ein, lernt die 8 Jahre ältere Dichterin Sophie Mereau kennen, Mitarbeiterin Schillers, die sich scheiden lässt, um den 25-Jährigen zu heiraten und bei der Geburt des fünften Kindes stirbt. Nach weiterer kurzer Ehe und vielen verschlungenen Wegen von Heidelberg über München, Prag und Wien, nach Literatursatiren, Romanen wie Godwi, in dem sich das Gedicht von der Liebeszauberin Lay mit Vornamen Lore befindet, die sogar den Bischof zur Liebe verführt, und Theaterstücken wie dem von Goethe gelobten Ponce de Leon, kommt Brentano nach Berlin, wo sich durch die unglückliche Liebe zu der tief religiösen Pfarrerstochter Louise Hensel, die das Gebet-Gedicht 'Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu... ' schreibt, sein Leben komplett ändert: »Mein ganzes Leben habe ich verloren, teils in Sünde, teils in falschen Bestrebungen. Meine dichterischen Ambitionen habe ich geendet. Sie haben zu sehr mit dem falschen Weg meiner Natur zusammengehangen.«
1817 legt Brentano die Generalbeichte ab, konvertiert zum Katholizismus und an diesem Tag schreibt er ein Gedicht, das er allerdings zu Lebzeiten nie drucken lässt, wie er überhaupt an einer Mitteilung seiner dichterischen Werke nicht interessiert ist: »Ich habe zu wenig eine öffentliche Basis, als dass ich meine Werke veröffentlichen könnte. Ich zittere vor dem Gedanken des Geschwätzes darüber. Meine Gedichte sind doch nur geschminkte, duftende Toilettensünden einer unchristlichen Jugend.«
Hier das Gedicht vom Tag seiner Generalbeichte:
Einsam will ich untergehn
Keiner soll mein Leiden wissen.
Wird der Stern, den ich gesehn,
Von dem Himmel mir gerissen,
Will ich einsam untergehn,
Wie ein Pilger in der Wüste.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste.
Wenn der Stern, den ich gesehn,
Mich zum letzten Male grüßte,
Will ich einsam untergehn,
Wie ein Bettler auf der Heide.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide.
Gibt der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht weiter das Geleite,
Will ich einsam untergehn,
Wie der Tag im Abendgrauen.

Einsam will ich untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen.
Will der Stern, den ich gesehn,
Nicht mehr auf mich niederschauen,
Will ich einsam untergehn,
Wie ein Sklave an der Kette.

Einsam will ich untergehn
Wie der Sklave an der Kette.
Scheint der Stern, den ich gesehn,
Nicht mehr auf mein Dornenbette,
Will ich einsam untergehn,
Wie ein Schwanenlied im Tode.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode.
Ist der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht mehr ein Friedensbote,
Will ich einsam untergehn,
Wie ein Schiff in wüsten Meeren.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren.
Wird der Stern, den ich gesehn,
Jemals weg von mir sich kehren,
Will ich einsam untergehn,
Wie der Trost in stummen Schmerzen.

Einsam will ich untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen.
Soll den Stern, den ich gesehn,
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn,
Wie mein Herz in deinem Herzen.
Brentano geht nach Dülmen, um Visionen und Worte der stigmatisierten Nonne Emmerick bis zu deren Tod aufzuzeichnen, und sie anschließend bis zu seinem Tod in drei Büchern zu veröffentlichen. Sie hatten und haben einen unglaublichen Erfolg und machen Brentano in Kirchenkreisen zu einem der berühmtesten katholischen Erbauungsschriftsteller überhaupt.
Heine: »Seit fünfzehn Jahren lebt Herr Brentano entfernt von der Welt, eingeschlossen, ja eingemauert in seinen Katholizismus. Gegen sich selbst und sein poetisches Talent hat er am meisten seine Zerstörungssucht geübt. Sein Name ist in der letzten Zeit fast verschollen und nur wenn die Rede von den Volksliedern ist, die er mit seinem verstorbenen Freund Achim von Arnim herausgegeben hat, wird er noch zuweilen genannt« und Eichendorff: »Die Leute haben Brentano zu seinen Lebzeiten kaum gekannt und ihn nach seinem Tode nicht vermisst.«
Brentanon schreibt zusammen mit Achim von Arnim 'Des Knaben Wunderhorn'. Goethe: »Von Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, am Fenster, unterm Spiegel, oder wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein, um aufgeschlagen zu werden in jedem Augenblick der Stimmung oder Unstimmung.«
Schwere Brombeeren



Brothers Keepers Zusammenschluss von hauptsächlich afrodeutschen Soul-, Hip-Hop- und Reggaekünstlern, eine Initiative gegen Rassismus und Fremdenhass mit 80 Mitgliedern. Der Verein ist nicht mehr aktiv.
Adriano (Lezte Warnung)



Fritz Brügel (1897-1955) Journalist, Diplomat, Dichter, Übersetzer (aus Altgriechisch).
Geboren in Wien als Sohn des sozialdemokratischen Journalisten und Historikers Ludwig Brügel, Jude, den die Nazis 1942 im Ghetto Theresienstadt ermorden.
Fritz Brügel wächst in Prag auf, studiert in Wien Geschichte, Promotion. In der sozialdemokratsichen Bildungsarbeit aktiv, Journalist. 1933 Mitbegründer der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller, KPÖ-Mitglied, nimmt am Februaraufstand von 1934 teil, flieht nach Prag. Im Außenministerium tätig. Nach dem Münchner Abkommen 1938 Emigration nach Frankreich. Flüchtet 1941 gelang ihm die Flucht über Spanien und Portugal nach Großbritannien, für die tschechoslowakische Exilregierung tätig.
Nach Kriegsene zurück nach Prag in den Diplomatischen Dienst, den er aus Protest gegen die Willkürjustiz in der CSR 1950 quittiert und über Deutschland und Schweiz nach London emigriert, wo er stirbt.
Eines der bekanntesten Werke das Kampflied „Die Arbeiter von Wien“.
Flüsterlied



Günter Buch w.u.
Was ist geschehen?



Gottfried August Bürger (1747-1794)
Heinrich Heine: »Bürgers Gedichte atmen den Geist unserer Zeit. Sie sind die gewaltigen Schmerzlaute eines Titanen, den eine Aristrokratie von hannövrischen Junkern und Schulpedanten zu Tode quälten. Ein genialer Mensch, der als armer Dozent in Göttingen darbte, verkümmerte und im Elend starb. Der Name 'Bürger' ist ein Ehrentitel und im Deutschen gleichbedeutend mit dem Worte 'citoyen'.«
Sein Geburtsort ist Molmerswende, ein kleiner Harzort, in eine ärmlichen Pfarrersfamilie geboren. Jura- und Theologiestudium, untergeordnete Amtmannstelle und später Dozent ohne Gehalt an der Uni Göttingen. Mit 27 Heirat - wenige Tage nach der Hochzeit merkt er, unsterblich in die 16jährige Schwester der Frau, Auguste, verliebt zu sein, ein Skandalverhältnis in der damaligen Gesellschaft.
Nach 10jähriger Ehe Tod der Ehefrau, Bürger heiratet Auguste, die zwei Jahre später, 28jährig, ebenfalls stirbt. Von beiden Frauen hat er mehrere Kinder, er heiratet ein drittes Mal, kurz darauf Scheidung.
Bürger übersetzt das Buch eines Deutschen, der es in London auf Englisch erscheinen ließ, zurück ins Deutsche, fügt nicht unerhebliche Teile hinzu: Die Geschichten vom Freiherrn von Münchhausen. Er stirbt mit 47.
Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen

Charles Bukowski (1920-1994), geboren als Sohn des amerikanischen Besatzungssoldaten Henry Bukowski und der Deutschen Katharina Fett in Andernach. 1923 zieht die Familie Bukowski nach Los Angeles, in die Geburtsstadt des Vaters. Nach Wehrdienst arbeitet der Vater als Milchlieferant, die Familie lebt zeitweise in ärmlichen Verhältnissen. Regelmäßig betrügt er die Mutter mit anderen Frauen, betrinkt sich und misshandelt seinen Sohn körperlich.
In der Pubertät leidet Bukowski an starker Akne, hat am ganzen Körper Pusteln, weshalb er ein ganzes Jahr nicht die Schule besuchen kann (dargestellt in Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend).
Nach der Schule studiert Bukowski zunächst Journalismus am Los Angeles City College und versucht sich bereits in jungen Jahren – zunächst ohne großen Erfolg – als Schriftsteller. Alkohol hat früh in seinem Leben Bedeutung. Viele Jahre lang lebt er wenig sesshaft, hat zahlreiche Jobs, sitzt wegen Trunkenheit im Gefängnis und in der Psychiatrie. Stationen u. a. New Orleans, Miami Beach, New York, Atlanta, Chicago und Philadelphia. 1943 stuft ihn der Musterungsarzt als physisch und mental untauglich für den Militärdienst ein.
1947, zurück in L.A., lernt Bukowski Jane Cooney Baker kennen, mit der er bis Anfang der 1950er Jahre zusammenlebt. 1952 arbeitet er für etwa drei Jahre bei der amerikanischen Postbehörde als Briefzusteller. 1954 erleidet er eine beinahe tödlichen Magenblutung, Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus beginnt er, Gedichte zu schreiben. Ende 1955 Heirat mit Barbara Frye (vermögend, Schriftstellerin), 1958 Scheidung. Ab 1958 arbeitet Bukowski wieder bei der Post (verarbeitet in Post Office).
1962 Tod von Bukowskis früherer Lebensgefährtin Jane Cooney Baker infolge übermäßigen Alkoholkonsums.
Im selben Jahr bringt die Literaturzeitschrift The Outsider eine Sonderausgabe über Bukowski und verleiht ihm den Titel „Outsider des Jahres“. 1964 wird Bukowski Vater einer Tochter, Marina Louise Bukowski. Mit der Mutter des Mädchens, Frances Smith, lebt Bukowski zusammen; sie waren nicht verheiratet. In einem Interview mit der Zeitung Long Beach Press-Telegram im Jahre 2000 beschreibt Marina ihn als einen liebevollen Vater. 1970 gibt Bukowski die Arbeit bei der Post auf und versucht, ausschließlich von der Schriftstellerei zu leben. Ermöglicht wurde ihm dies unter anderem durch eine regelmäßige Zuwendung seines damaligen amerikanischen Verlegers John Martin von Black Anfang der 1970er Affäre über mehrere Jahre mit der Bildhauerin Linda King (verarbeitet in Women).
Ab 1977 Beziehung zu Linda Lee Beighle, Besitzerin eines Bioladens. Sie beziehen ein Haus in San Pedro (Los Angeles). Georg Stefan Troller dreht dort 1982 Szenen bukowskischer Alltagsbewältigung in "Portrait des Künstlers als alter Hund". 1985 heiraten Bukowski und Beighle, er stirbt mit 73 an Leukämie.
Von 1960 bis zu seinem Tod ( Zum 20. Todestag -->) veröffentlicht Bukowski über 40 Bücher mit Gedichten und Prosa, z. T. auf Deutsch.
Genie



Wilhelm Busch (1832-1908), Maler und Lyriker, den wohl jeder durch "Max und Moritz" kennt. (»Ich bin geboren am 15. April 1832 zu Wiedensahl, das in der Nähe von Hannover liegt, als der erste von sieben. Mein Vater war Krämer. Klein, kraus, rührig, mäßig und gewissenhaft; stets besorgt, nie zärtlich; zum Spaß geneigt, aber ernst gegen Dummheiten. Meine Mutter, still und fromm, schaffte fleißig im Haus und Garten und pflegte nach dem Abendessen zu lesen. Beide lebten einträchtig und so häuslich, dass einst über zwanzig Jahre vergingen, ohne dass sie zusammen ausfuhren.«) Seine Schulbildung übernimmt Pfarrer Kleine, Bruder der Mutter.
Kunstakademie (die Polytechnischen Schule verlässt er eigenmächtig). Malakademie Antwerpen. Geld verdient er keines, kehrt krank zurück nach Wiedensahl. München. Mit 33 schreibt er Max und Moritz, wird weltberühmt. In seinen Bildgeschichten charaterisiert er die Deutschen: böse, aggressiv und zynisch. Geheiratet hat er nicht - jung und verliebt kein Geld, älter und Geld - nicht mehr verliebt.
Sehr lesenswert ist die Fomme Helene und Kritik des Herzens.
Er trinkt viel Alkohol und raucht manisch, drei Nikotinvergiftungen überlebt er, und wird doch 75.
Hochgeehrt und fürchterlich reich (Goldmark-Millionär) ist er sicher der erste Dichter, der sich mit seiner Dichterei ein kleines Vermögen erarbeitet.
Ach, ich fühl es!



Paul Celan (1920-) Eigentlich Paul Ancel, er verdreht seinen Nachnamen zu Celan
Sohn jüdischer Eltern der Bukowina, die bis 1918 österreichisch und danach rumänisch ist. Die Deutschen erschießen Celans Eltern 1942 im KZ. Er selbst überlebt, voller Gewissensbisse, Überlebender zu sein. Celan sprach rumänisch, stammt aus Czernowitz, lebt fast ein halbes Leben in Frankreich. Er schreibt finstere, schwer zugängliche Gedichte.
Sein wohl berühmtestes stammt von 1952 (1945 rumänisch):


TODESFUGE

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
Wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
Wir trinken und trinken
Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
Der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete Er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen
Die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
Er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in
Der Erde
Er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
Wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
Wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
Der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den
Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet
Und spielt
Er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen
Sind blau
Stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter
Zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
Wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
Wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
Er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch
In die Luft
Dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man
Nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
Wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
Wir trinken dich abends und morgens wir trinken und
Trinken
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist
Blau
Er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
Ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
Er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in
Der Luft
Er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein
Meister aus Deutschland

Dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

Er wiederlegt damit Adornos Satz, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden können. Paul Celan war verheiratet mit der Grafikerin Gisèle Lestrange, sie haben einen Sohn Eric. Celan lebt von Übersetzungen, später als Lehrer an einer École Normale Supérieure in Paris. Unbegründete Plagiatsvorwürfe am Werk Yvan Golls, eines Freunds, verfolgen ihn zeitlebens. Celan wird mehrmals in psychiatrische Kliniken eingewiesen, 1965, weil er im Wahnzustand seine Ehefrau mit einem Messer töten wollte.
Gegen Ende seines kurzen Lebens reduziert sich seine Sprache immer mehr und entzieht sich oft dem Verstehen, so wie sich Celan durch seinen Freitod 1970 in der Seine uns entzogen hat.
Sulamith: Vorname des geliebten Mädchens aus dem biblischen Hohen Lied Salomos
Ein Blatt, baumlos/Gauner- und Ganovenweise des Paul Celan



Adalbert von Chamisso (1781 – 1838), ein Franzose, der zum deutschen Dichter wird. Geboren als Louis-Charles de Chamisso auf Schloss Boncourt in Frankreich. Wegen der Französischen Revolution flieht die Familie nach Berlin. Chamisso wird Page der preußischen Königin, mit 17 Soldat. 1801, als die Familie nach Frankreich zurückkehrt, bleibt er in Deutschland, möchte Deutsch lernen und Deutscher werden, quittiert den Militärdienst, studiert und ist verzweifelt über die politische Lage, den Kampf zwischen Deutschen und Franzosen. Er geht wieder nach Frankreich, kommt wieder zurück, beginnt zu pendeln, hält sich ein paar Jahre bei Madame de Staël auf, der heimlichen Königin Frankreichs, der großen Gegenspielerin Napoleons, die einen literarischen Männerharem um sich schart in ihrem Schweizer Exil. Chamisso: »Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adeliger. Ich bin nirgends am Platz, ich bin überall fremd. Ich bin unglücklich.«
In der Botanik findet er sein Glück, kehrt nach Deutschland zurück, schreibt Peter Schlemihls wundersame Geschichte, ein Kunstmärchen, das ihn weltweit berühmt macht.
1815 umsegelt Chamisso drei Jahre mit einer russischen Expedition die Welt Zum Logbuch des Törns. Nach Rückkunft findet er Anstellung, heiratet. Mit 57 stirbt er an einer Lungenkrankheit, ein Jahr nach seiner geliebten Frau.
Recht empfindsam



Ada Christen 1839-1901, österreichische Schriftstellerin
Als Tochter Christiane Rosalia des Wiener Großkaufmanns Johann Friederik geboren. Wächst in Wohlstand und gesicherten Verhältnissen auf. Wegen Beteiligung an der Revolution 1848 wird der Vater zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt, an deren Folgen er später stirbt. Die Familie gerät in Elend, Christen muss Unterhalt selbständig verdienen, zunächst als Blumenmädchen und Näherin, dann als Angehörige eines Wandertheaters, mit dem sie einige Jahre durch die österreichisch-ungarische Provinz tingelt. 1855 bis 1858 am Meidlinger Theater.
1864 Heirat mit Ungarn Siegmund von Neupauer, Großgrundbesitzer und Stuhlrichter von St. Gotthardt bei Ödenburg. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, der 1868 in geistiger Umnachtung stirbt, gerät Christen erneut ins Elend. Nach dem Tod ihres Kindes kehrt sie nach Wien zurück, wo sie als Schauspielerin arbeitet, versucht, als Schriftstellerin ein Einkommen zu finden.
1868 erste Buchveröffentlichung unter Pseudonym Ada Christen "Lieder einer Verlorenen", die durch Kombination von erotischem Freimut und sozialer Anklage zur Provokation des Bürgertums wird und entsprechend hohe Auflagen erreicht. Weitere Gedichtbände, Erzählungen, Romane und Dramen.
1878 Heirat mit Adalmar von Breden, Unternehmer, Rittmeister a. D., Militärschriftsteller, zunächst der materiellen Sorgen enthoben führt Salon, in dem sich bedeutende Schriftsteller der Zeit treffen, darunter Ferdinand von Saar und Ludwig Anzengruber. Durch wirtschaftliche Misserfolge ihres Mannes gegen Ende der 1880er erneut wirtschaftlich schwierige Situation.
Uraufführung ihres Volksstückes "Wiener Leut" 1894 Wien Misserfolg. Dann völliger Rückzug aus der Öffentlichkeit wegen Verschlimmerung eines Nervenleidens. Kuraufenthalte und Reisen nach Venedig, Menton und Berchtesgaden bringen keine Besserung. Stirbt auf dem Gut Einsamhof bei Inzersdorf.
Elend



Matthias Claudius (1740–1815)
Abgebrochener Student, Anwalt der bäuerlichkleinbürgerlichen Menschen, poetisch-erbaulicher und pädagogisch-moralischer Schriftsteller, lebt seit dem 28. Lebensjahr bis zu seinem Tode 1815 in Wandsbeck bei Hamburg. Gibt 4 Jahre den Wandsbecker Boten heraus – eine Zeitschrift, die viermal wöchentlich erscheint und in der sich die Literatur der gesamten Zeit wiederfindet, auch sein "Abendlied".
Abendlied



Tobedias Danger w.u.
Mit dir



Franz Josef Degenhardt (1931-2011) genannt „Karratsch“, Liedermacher, Schriftsteller und Rechtsanwalt. Geboren am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets und in katholischer Familie aufgewachsen. Nach Jurastudium am Institut für Europäisches Recht der Uni Saarland. Promotion. Rechtsanwalt, verteidigt Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe. 1961 Eintritt SPD, 1971 Ausschluss (weil er zur Wahl der DKP aufgerufen), 1978 Eintritt DKP.
Als Liedermacher Stimme der 68er-Bewegung, engagiert sich für Ostermarschbewegung, Proteste gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und Radikalenerlass. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern macht ihn berühmt.
Mehrere Romane mit autobiografischem Bezug.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern



Dieter Dehm * 1950 Frankfurt/M. (bürgerlich: Jörg-Diether Wilhelm Dehm-Desoi) Musikproduzent, Liedermacher und Politiker (SPD/PDS/Die Linke). In den 1970er Jahren IM.
Sohn eines Schlossers und Fußballspielers, Studium Sonder- und Heilpädagogik, Dr. phil. Geschäftsführer des Musikverlags „Edition Musikant GmbH“, Unternehmer und MdB. Lehrbeauftragter an der Hochschule Fulda.
In den späten 1960er Jahren beginnt Dehm, Protestlieder zu schreiben und vorzutragen.
Vor Beginn des Jugoslawien-Kriegs zunehmend in Konflikt mit der SPD-Spitze, tritt dehm 1998 zusammen mit 24 weiteren Frankfurter Sozialdemokraten aus der Partei aus und in die PDS ein.
Wachbuchaffäre: Dehm bestreitet, einen Wachmann der Parteizentrale angewiesen zu haben, dass Bartsch keine Unterlagen aus dem Haus schaffe.
Dehm nennt Gauck „Brunnenvergifter“ und „Hexenjäger“, dessen Reden „rufmörderisches Gequäke“. Bei der Bundesversammlung 2010, wo man Christian Wulff und Joachim Gauck als aussichtsreichste Kandidaten nominiert: „… Was würden Sie denn machen, Sie hätten die Wahl zwischen Stalin und Hitler? Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen Pest und Cholera haben? Das sind hypothetische Fragen. Warum soll ich mich zwischen etwas entscheiden, was beides Krieg und sehr viel Leid für Hartz-IV-Empfänger und sehr viel Leid übrigens auch für Gewerkschafter in diesem Land bedeutet?“
Dehm beschäftigt den ehemaligen RAF-Terroristen und 1985 wegen mehrfachen Mordes verurteilten Christian Klar als freien Mitarbeiter im Bundestag.
Dehm zur Flüchtlingskrise: "Leute", „die Rüstungsindustrie“, hätten „enorme Geschäfte gemacht mit den Ursachen der Flüchtlingskrise“. Man müsse „diejenigen, die Bomben auf Syrien geworfen haben“, deshalb „zur Kasse bitten“. Betreffen würde dies ihm zufolge die USA und die deutsche Rüstungsindustrie.
2018 bezeichnet Dehm Außenminister Heiko Maas als „gut gestylten NATO-Strichjungen“.
Wir schwören ab!



Rainer Dimmler (1951-2018) Komponist, Musiker und Dichter. Spielt seit dem 12. Lebensjahr Gitarre, studiert an der Musikhochschule in Frankfurt/M. und macht sich als Virtuose der klassischen Literatur und eigener Kompositionen einen Namen.
Ab 1980 widmet er sich ausschließlich seiner eigenen Musik und schreibt Werke für Gitarre, Flöten, Cello, Violine, Dulcimer, Chor und Orchester, die Rundfunk- und Fernsehanstalten weltweit ausstrahlen. Ab 2002 schreibt er Gedichte, in denen er sich mit tiefreligiösen Fragen des Lebens beschäftigt.
Und heute will ich Blumen denken



Hilde Domin (1909-2006). Schriftstellerin jüdischen Glaubens, vor allem durch ihre Lyrik und ungereimten Gedichte bekannt. Nach ihrem Exil in der Dominikanischen Republik, der sie ihren Künstlernamen entlehnt, lebt sie ab 1961 in Heidelberg.
Ihre Eltern sind der Kölner Justizrat Eugen Siegfried Löwenstein und dessen Frau Paula. Ihre wohlhabenden Eltern lassen ihr eine gute Bildung angedeihen lassen: Haushaltsführung, Gesangs- und Klavierunterricht. 1929 beginnt sie Jura zu studieren, dann Ökonomie, wird Mitglied der SPD.
1931 Beaknntschaft mit dem jüdischen Studenten Erwin Walter Palm, seiner Italiensehnsucht nachgebend, beginnen beide im Herbst 1932 ein Auslandsstudium in Rom, das nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zur ersten Exilstation wird. 1936 heiraten sie.
Auch Italien erklärt die Juden zu Staatsfeinden. Das Paar flieht 1939 in letzter Minute nach Großbritannien. Wegen des drohenden Blitzkriegs verlassen sie England und gelangen in die Dominikanische Republik. Dort war Hilde Palm „eine großartige Sekretärin“: Sie übersetzte und tippte die Arbeiten ihres Mannes, dokumentierte seine Studien fotografisch und unterrichtete von 1948 bis 1952 Deutsch an der Universität Santo Domingo. 1946 beginnt sie mit der Schriftstellerei. 1954 Rückkehr nach Deutschlan. Ab 1954 veröffentlicht sie Gedichte unter dem Pseudonym Domin.
Alle meine Schiffe



Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) * auf dem Wasserschloss Hülshoff in der Nähe von Münster als 7-Monatskind, die Familie nennt sie 'Nette', sie unterschreibt 'Annette Droste'. Zeitlebens schwach und kränklich, der Vater ein versponnenes Vögelchen, die Mutter resolut und lebenstüchtig.
Droste veröffentlicht schon mit 12 Gedichte in Zeitschriften, schreibt Theaterstücke, beginnt mit 16, Opern zu komponieren, spielt hervorragend Klavier, spricht fließend Latein, Französisch, Holländisch und passabel Italienisch und Englisch, kennt sich in Mathematik und Naturwissenschaft ebenfalls aus, ihr riesiger, adeliger Familienclan betrachtet sie aber aufgrund dieser Fähigkeiten feindselig und voll Argwohn, auch deshalb, weil sie nicht glaubte, was so rechter Glauben heißt.
Sie sammelt Versteinerungen, findet um Münster herum auch viele, die allesamt Meerestiere gewesen sind. Es muss also in Münster ein Meer existiert haben. Nach christlicher Erkenntnis aber gibt es diese Welt erst seit 5000 Jahren. Sie nennt ihre Versteinerungen »prä-adamitisch«. 'Doch weltlich Wissen war die eitle Frucht! Oh bittre Schmach, dies Wissen musste meinen Glauben töten.'
Ein adlig' Fräulein dichtet nicht! Das schickt sich nicht! Was sollen die Leute sagen! Ihr Familie verbietet ihr das Dichten. Und Annette, die die Briefe an die Mutter immer mit »deine gehorsame Tochter Nette« unterzeichnet, fügt sich. Mit 23 hört sie auf zu schreiben, widmet sich über 10 Jahre lang nur noch der Musik. Sie hat das Glück, einer Frau und einem Mann zu begegnen, zu denen sie jeweils eine tiefe Zuneigung fasst. Zum einen war es Sibylle Mertens, die nach dem Tod ihres wohlhabenden Mannes eine Liebesbeziehung mit Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen, eingeht. Annette lernte sie in Bonn kennen, und Sibylle will, dass sie drei 'nach der Campagna Glut und Schweiß' ziehen sollen, nach Italien, damals ein armes, unterentwickeltes Land, ideal, um dort als gleichgeschlechtlich Liebende zu leben. Annette antwortet ihr mit diesem Gedicht:
An Sibylle
Die Abendröte war zerflossen.
Wir standen an des Weihers Rand,
Und ich hielt meine Hand geschlossen
Um deine kleine, kalte Hand. Ich sprach:
»So müssen wir denn wirklich scheiden?
Das Schicksal würfelt mit uns beiden,
Wir sind wie herrenloses Land.

Da wir von keines Herdes Pflicht gebunden,
Meint jeder nur, wir seien grad
Für sein Bedürfnis nur erfunden,
Das hilfsbereite fünfte Rad.
Was nützt es uns, dass frei wir stehen,
Auf keines Mannes Hände sehen?
Sie zeichnen dennoch uns den Pfad!

O hätten wir nur Mut, zu walten
Der Gaben, die das Glück beschert!
Wer dürft uns hindern? Wer uns halten?
Wer neiden uns den eignen Herd?
So leiden wir nach altem Rechte,
Dass, wer sich selber macht zum Knechte,
Nicht ist der goldnen Freiheit wert.

Zieh hin, wie du berufen worden,
Nach der Campagna Glut und Schweiß!
Und ich will ziehn nach meinem Norden,
Zu siechen unter Schnee und Eis.
Nicht würdig sind wir bessrer Tage,
Denn wer nicht kämpfen mag, der trage!
Dulde, wer nicht zu handeln weiß!«

So habe ich an Weihers Rand gesprochen,
Im Zorne halb, und halb in Pein.
Du, ich, wir hätten gern den Bann gebrochen
Aus all dem Sticheln, allen Tyrannein.
Doch als drauf Regenwolken stiegen,
Wühlten erst recht wir mit Vergnügen
Uns in den Ärger ganz hinein.

So lang die Tropfen einzeln fielen,
Wars Naphtaöl für unsern Trutz.
Auch eins von des Geschickes Spielen:
Zum Schaden uns und Keiner Nutz!
Doch als der Himmel Schlossen streute,
Da machten wirs wie andre Leute
Und suchten einer Linde Schutz.

Dort stand ein Häuflein dicht beisammen,
Sich schauernd unterm Blätterdach.
Die Wolke zuckte Schwefelflammen
Und jagte Regenstriemen nach.
Wir hörtens auf den Blättern springen.
Jedoch kein Tropfen konnte dringen
In unser laubiges Gemach.

Ein armes Häuflein Männlein war es,
Das hier dem Wettersturm entrann.
Ein hagrer Jud gebleichten Haares,
Mit seinem Hund ein blinder Mann,
Ein Schuladjunkt im magren Fracke,
Und dann, mit seinem Bettelsacke,
Der kleine, hinkende Johann.

Und alle sahn bei jedem Stoße
Behaglich an dem Stamm hinauf.
Rückten ihr Bündelchen im Schoße
Und drängten lächelnd sich zuhauf.
Denn um so ärger schlug der Regen,
So breiter warf, dem Sturm entgegen,
Die Linde ihre grünen Schirme auf.

Ich fühlte seltsam mich befangen.
Beschämt, mit hocherglühten Wangen,
Hab in die Krone ich geschaut,
Der Linde, die doch keinem Manne eigen,
Verloren in der Heide stand,
Nicht Früchte trug in ihren Zweigen,
Nicht Nahrung für des Herdes Brand.

Zur Freundin sah ich, sie herüber,
Wir dachten Gleiches wohl vielleicht,
Denn auch Sibylles Miene wurde trüber,
Auch ihre lieben Augen feucht.
Doch haben wir kein Wort gesprochen,
Vom Baum ein Zweiglein nur gebrochen
Und still die Hände uns gereicht.

Annette Droste, schwach, kränklich und nur 1,50 m groß, weiß, dass sie keine Kinder zu gebären kann. Und so ist das zärtliche Verhältnis zu einer Frau für sie die einzige Möglichkeit, diesen Teil des menschlichen Lebens zu erfahren. Aber platonische Liebe zu einem jungen Mann ist ihr möglich. Er heißt Levin Schücking, der Sohn einer verstorbenen Freundin. Annette ist vierzig, Levin dreiundzwanzig und durch diese Beziehung entsteht die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Sie schreibt ihm:
Mein Talent steigt und stirbt mit deiner Liebe. Was ich werde, werde ich durch dich und um deinetwillen.
Fünf Monate leben sie in dem kleinen Ort Meersburg am Bodensee zusammen. Dort hat ihr Schwager das vollständig erhaltene frühmittelalterliche Schloss gekauft, und dort können die beiden unerkannt durch den westfälischen Familienclan zusammenleben. Nahezu das gesamte dichterische Werk Drostes entsteht dort vom Herbst 1841 bis Anfang April 1842 in gerade mal fünf Monaten. Wie im Rausch. Die 'Judenbuche', manch andere Prosa und 54 Gedichte – in fünf Monaten!
Im April 1842 verlässt Levin seine Dichterin, um eine Erzieherstelle anzutreten, die ihm sein Dichterfreund Ferdinand Freiligrath besorgt hat. Eine doppelt unglückliche Idee, denn einerseits wird diese Tätigkeit durch die dortigen Verhältnisse für Levin zum Alptraum, andererseits ist die Dichterin ihrer Muse beraubt. Schücking hat Annette zwar verlassen, ihr Schmerz zugefügt und ihre literarische Produktion weitgehend zum Erliegen gebracht. Aber schließlich weckt er durch den Abdruck der 'Judenbuche' und durch geschickte Veröffentlichungen ihrer Gedichte in verschiedenen Zeitungen doch soviel Aufmerksamkeit in der literarischen Welt für sie, dass ihr Gedichtband von 1844, den er betreute und beim angesehenen Goethe-Verleger Cotta unterbrachte, der alle ihre wichtigen Gedichte enthält und durch seinen geschickten Vertragsabschluss so viel Vorschuss einbringt, dass Droste zum ersten Mal in ihrem Leben eigenes Geld besitzt.
Doch die Depressionen melden sich wieder, ihre Gedanken kreisen um Levin. Sie steht am Balkon des Burggartens, schaut auf den See und die gegenüberliegenden Schweizer Alpen. Phalänen, Nachtfalter, schwirren umher. Sie erwartet den Aufgang des Mondes. In Wirklichkeit aber Levin, ihre Muse, ihren 'späten Freund, der seine Jugend der Verarmten eint', wie es im Gedicht 'Mondesaufgang' heißt.
'Ein fremdes, aber o, ein mildes Licht', so hat sie ihre Gedichte definiert. Ein 'fremdes Licht', weil diese Gedichte nirgendwo in der Literaturgeschichte der Männer einzuordnen sind und ein 'mildes Licht', weil sie eine Frau schrieb.
Die Veröffentlichung ihres Briefwechsels mit Levin Schücking am Ende des 19. Jahrhunderts wird zur literarischen Sensation. Und der Kulturkampf zwischen Protestanten und Katholiken, die sie auf ihren Schild heben, sie als katholische Dichterin missbrauchen, macht sie allmählich bekannt. Doch als sie 1848, zwei Monate nach der Revolution in Deutschland, auf der Meersburg mit nur 51 einem Herzinfarkt erliegt, kräht kein Hahn nach ihr.
Ihr Schwager nannte sie »ein entsetzlich gelehrtes Frauenzimmer«. Und der Grimmsche Märchen-Grimm, den sie veralbernd »Wilhelm Unmut« nannte, (was der gar nicht lustig fand), sagte: »Es war nicht gut fertig werden mit ihr« und träumte, »sie sei ganz in Purpurflammen gekleidet gewesen und habe sich die Haare ausgerauft und sie als Pfeile in die Luft geschleudert.«
Ganz anders Lutz Görner: »Annette Droste ist die Bedeutendste der über 40 Dichterinnen, die in meiner 'Lyrik für Alle'-Auswahl vorkommen«.
Blumentod



Bernice Ehrlich Freiberufliche Sängerin im Bereich Oper, Musical und Schlager.
Aus aktuellem Anlass schöpft sie im März 2020 das 'Coronalied' auf Leonhard Cohens weltberühmte "Halleluja"-Melodie.
Debütsingle „Einfach unbeschreiblich“ und 2019 „Nie wieder missen“.
Mit 5 beginnt Bernice Ehrlich Geige zu spielen, 1996–2000 Klavierunterricht, um sich auf klassische Gesangsausbildung vorzubereiten, die sie 2000 beginnt. 2005 Wechsel nach New York zu Tenor Franco Careccia, der sie bis 2013 ausbildet. Workshops bei Ruth Ziesak, Gary Holt, Anna-Maria Cerna und Ingeborg Danz.
Bereits während der Schulzeit singt Bernice an der Bonner Oper in Heinz Werner Henzes „Pollicino“ die Rolle des „Uhu“, ist Teil des renommierten Bonner Kammerchores. Auftritt im Teatro Sociale in Cittadella, im Goethe-Institut Paris und im Atlantis The Palm Hotel in Dubai.
Neben klassischem Repertoire von Mozart bis Verdi widmet sich Ehrlich im Besonderen der Musicalmusik. Schon während der Schulzeit Mitglied der Musical-AG einer Partnerschule. Ab 2016 tourt sie mit der „Musical-Operetten-Gala“ als Solistin durch Deutschland und begeistert ein breites Publikum.
Coronalied



Günter Eich (1907-1972), Hörspielautor und Lyriker. Ökonomie- und Sinologiestudium 1925 bis 1932 abgebrochen. Lebt in Lipzig, Berlin und Paris als freier Schriftsteller.
1940 Heirat mit Kabarettistin Else Burk, 1949 geschieden (sie nimmt sich - morphiumabhängig – 1951 das Leben). 1943 bei der Bombardierung Berlins fast alle Manuskripte Eichs vernichtet.
Zufallsfunde aus dem Nachlass lösen intensive Diskussion über Eichs literarisches Wirken und Leben in der NS-Zeit aus. In den Kriegsjahren dient Eich als Unteroffizier im Stab von Jürgen Eggebrecht, der ihn so bis 1944 vor einem Fronteinsatz bewahrt. Zeitweise arbeitet er für die literarische Zensurstelle beim Oberkommando der Wehrmacht. Er verfasst 150 Rundfunkmanuskripte. In der US-Kriegsgefangenschaft beginnt er 1945 wieder mit dem Schreiben. Nach Entlassung wohnt er bei Landshut.
Heiratet die österreichischen Schriftstellerin Ilse Aichinger.
Eich Lyrik zeichnet sich durch eine einfache, die Nachkriegsgesellschaft in ihrer ideellen Leere spiegelnde Sprache aus, die dennoch komplexe Assoziationen und Bilder evoziert. Er gilt als Schöpfer des poetischen Hörspiels.
Zum Vorwurf von Axel Vieregg, er habe „bewusst für den nationalsozialistischen Staat optiert“ sagt er: „Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun als ob, liegt mir nicht.“
Vorsicht



Josef von Eichendorff (1788-1857). Geburt und Kindheit auf Schloss Lubowitz in Schlesien. Schon als Kind tief religiös, behält den katholischen Kinderglauben unbeirrt bis ans Ende. Studiert in Halle und Heidelberg, in den Befreiungskriegen Lützower Jäger, zieht mit den deutschen Siegern in Paris ein, preußischer Staatsbeamter, ohne - wegen seines katholischen Glaubens - eine höhere Position im protestantischen Preußen zu erlangen. Heiratet, glückliche Ehe, stirbt 70jährig bei der Tochter in Neiße. Sein berühmtestes Werk Aus dem Leben eines Taugenichts.
In seiner "Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands" schreibt er, die Französische Revolution habe »innerlich verstümmelte Menschen hervorgebracht«, die protestantische Reformation habe uns »von der großen Vergangenheit geschieden und in die Irre geführt«. Seine Zeitenossen charakterisiert er als »den Veitstanz tanzende, freiheitstrunkene Subjekte«. Er will eine Poesie schaffen, »die auf das Ewige, das Unvergängliche und absolut Schöne« ausgerichtet ist. Für ihn sind Romantik und eigene Dichtung »keine bloße Erscheinung, sondern eine innere Regeneration des Gesamtlebens auf der Grundlage wahrer Religiosität«. Eichendorff tritt für eine konservative, bewahrende, rückwärtsgewandte Regeneration des Gesamtlebens ein, die es für ihn nur gibt, wenn wir zurück vor die Säkularisierung, die Verweltlichung des Glaubens durch die Reformation, gehen, nach Hause in den Wunderglauben des katholischen Mittelalters.
Schläft ein Lied in allen Dingen/Der Einsiedler



Carl Einstein (1885-1940) Kunsthistoriker und Schriftsteller. Zweites Kind Daniel Einsteins, Lehrer, aktives Mitglied der örtlichen jüdischen Gemeinschaft, Direktor des israelitischen Lehrerseminars. Carl ein Jahr jünger als seine Schwester Hedwig, bekannt als Konzertpianistin. Lebt die ersten 16 Jahre in Karlsruhe, Studium Berlin Philosophie, Kunstgeschichte, Geschichte und Altphilologie. 1908 Studiumsabbruch, macht fortan in literarischen Zirkeln von sich reden.
Theoretische und literarische Texte erscheinen ab 1912, sein Roman 'Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders' löst kleine philosophisch-literarische Sensation aus. 1913 Heirat Maria Ramm, Übersetzerin, Tochter 1915.
Parallel zur literarischen Arbeit zahlreiche kunstwissenschaftliche Studien. Pablo Picasso, „Kunst der Primitiven“ Afrikas, 1915 'Negerplastik'. Kubismus. Lernt Braque, Picasso und Juan Gris kennen. Russischer Konstruktivismus und Surrealismus.
1914 Kriegsfreiwilliger, erlebt in Brüssel den Aufstand, in Berlin Spartakusaufstand. Ist angeblich Mitglied der Kommunistischen Partei. 'Die Schlimme Botschaft über die Kreuzigung Christi' löst Skandal aus, Einstein und Verleger Rowohlt 1922 wegen Blasphemie Geldstrafe.
Ende 1922 Bekannntschaft mit Tony Simon-Wolfskehl, 1923 Scheidung.
Reisen durch Italien, geht nach Paris, Heirat Lyda Guévrékian, in Persien aufgewachsene Armenierin, Georges Braque Trauzeuge. Arbeit mit Jean Renoir am Skript für den Film Toni.
Im Spanischen Bürgerkrieg 1936 nach Barcelona, nach Francos Sieg 1939 Flucht nach Paris. Als Deutscher 1940 interniert, im Juni entlassen, nach der Niederlage Frankreichs Suizid.
Gebet



Hans Magnus Enzensberger * 1929, aufgewachsen in Nürnberg, studiert Geistes-wissenschaften, promoviert über Clemens Brentano, Rundfunkredakteur beim SDR. Dichter, Literat, Herausgeber, Lyriker. 1957 bis 1967, mit seiner Familie mehr im Ausland als in Deutschland. USA, Mexiko, Norwegen, Italien, UDSSR, Südamerika. Auch nach 2. Heirat mit der Enkelin des russischen Dichters Fadejew ist er unterwegs. Dozent in den USA, bereist Fernen Osten, lebt länger in Kuba. Gründet in Westberlin die Zeitschrift 'Kursbuch', die sich zur politischen Zeitschrift entwickelt. Hans Egon Holthusen: "Bürgerschreck, rabiater Randalierer, schäumender Hassprediger" und Alfred Andersch: "Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen". Enzensberger selbst: "Die diversen Seelen in meiner Brust sind weltpolitisch nicht von Interesse. Die moralische Aufrüstung von links kann mir gestohlen bleiben. Ich bin kein Idealist. Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Revolutionäres Geschwätz ist mir verhasst. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit."
Herausgeber der 'anderen Bibliothek', übersetzt Theaterstücke.
Lied von denen, auf die alles zutrifft und die alles schon wissen/Zwei Fehler



"O wär ich Der Kästner Erich! Auch wäre ich gern Der Christian Morgenstern! Und hätte ich nur einen Satz Vom Ringelnatz! Doch nichts davon! - Zu aller Not Hab ich auch nichts von Busch und Roth! Drum bleib ich, wenn es mir auch schwer ward, Nur der
Heinz Erhardt, geboren 1909 Riga, wo eine Fee an sein Bettchen trat, und als sie ihn fragte, was er denn werden wollte, sagte Klein Heinz in Hinblick auf seine nassen Windeln: "Dichter". Komiker, Musiker, Komponist, Unterhaltungskünstler, Kabarettist, Schauspieler und Dichter. Gestorben Hamburg 1979.
Drei Bären/Polyglott



Fredl Fesl * 1947 Grafenau, niederbayerischer Musiker und Sänger, gilt als Erfinder des bayerischen Musikkabaretts. Aufgewachsen im Bayerischen Wald, zieht im neunten Lebensjahr mit seinen Eltern nach Greding, wo sie das Gasthaus 'Zum Bayerischen' betreiben. Später zieht die Familie nach München. Gitarren spielen lernt er während seiner Zeit bei der Bundeswehr, wo er auch zum hintergründigen Spaßvogel der Gebirgsjägertruppe wird und seine Vorgesetzten etwas verärgert haben soll.
Seit 1997 Parkinson-Krankheit, lebt mit zweiter Frau Monika in der Einöde Häuslaign in Oberbayern, zwei Töchter. 2015 Autobiografie 'Ohne Gaudi is ois nix', Fesl bezeichnet seine Werke als „bayrische und melankomische Lieder“
Der Riesenneger im Nieselreg'n



Miriam Feuerlein Dozentin bei Studienkolleg München, Studiendirektorin.
Aufgewachsen an der „Quaste des Schwanzes des bayerischen Löwen“, überlebt Teenagerjahre in der Dekade von „Dallas“, pinkfarbenen Stulpen, Neuer Deutscher Welle, aussichtslosen Anti-Pershing-Demos und erster Öko-Bewegtheit.
Hat die folgende Zeit in Hörsälen und Bibliotheken, auf Amateur-Bühnen und Feten in einer fürstbischöflichen Stadt verbracht. Sie weiß heute, dass ein „echter“ Biergarten ohne Kies, Kastanien und mitgebrachten Radi undenkbar ist, und kann alle Kunstmuseen und Theater im Millionendorf auswendig hersagen. Sie hat - zum Glück - einen in jeder Hinsicht wortreichen Beruf, ist immer auf der Reise zu anderen Kulturen (und zu ihrer eigenen) – kommunizierend, lesend oder (idealerweise) ganz real.
Sie liebt es, Wechstaben zu verbuchseln sowie mit Bildzitaten und Metaphern zu jonglieren (daher auch der Frosch in all seinen Lebenslagen und Schicksalssprüngen) und braucht, um überhaupt genießbar zu sein, den heiteren Ernst des Spielens (was ein besonderer Mensch sehr gut weiß und anfeuernd unterstützt).
Aprilscherz



Paul Fleming (1609-1640). Der Arzt und Schriftsteller, einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur, Sohn des Stadtpastors von Hartenstein, kommt mit 14 auf die Leipziger Thomasschule. Dichterisch war Martin Opitz sein Leitstern. 1633 geht er nach Holstein, wo Herzog Friedrich von Holstein-Gottorf ihn als Hofjunker, Arzt und Truchsess engangiert, um seine Gesandtschaft nach Russland zu begleiten. Er reist dann weiter über Reval nach Persien. Als er dann Arzt in Reval werden will, stirbt auf dem Weg dorthin an Lungenentzündung.
Viele seiner Sonette beziehen sich auf Orte, die er während seiner Reisen besuchte.
Fleming schreibt sowohl in Latein als auch Deutsch. Etliche Werke erscheinen erst posthum.
An sich



Walter Flex (1887-1917) Schriftsteller und Lyriker. Geboren als Sohn des politisch und kulturell vielfach engagierten nationalliberalen Gymnasialprofessors Rudolf Flex. Karl-Friedrich-Gymnasium in Eisenach, verfasst bereits als Schüler poetische und dramatische Texte. 1906 Studium Germanistik und Geschichte Universität Erlangen, 1908 Straßburg, nebenher Erzählungen, Novellen und Gedichte. Ziel Gymnasiallehrer aufgegeben, 1910 nach Erlangen zurück, 1911 Promotion. Vom Militärdienst wegen Sehnenverletzung befreit. Hauslehrer bei Adelsfamilie in.
1914 Kriegsfreiwilliger, im selben Jahr fällt sein jüngster Bruder Otto in der Marneschlacht. Flex beteiligt sich an der Schwemme nationalistischer Kriegslyrik. 1915 Leutnant an der Ostfront, innige Beziehung zum Kameraden Wurche, dessen Tod einschneidendes Erlebnis. Literarisch verarbeitet in 'Der Wanderer zwischen beiden Welten', erfolgreichstes Buch eines deutschen Schriftstellers im Ersten Weltkrieg und eines der sechs erfolgreichsten deutschen Bücher im 20. Jahrhundert überhaupt. Völkischer Nationalismus verbunden mit passagenweiser Darstellung inniger Homoerotik, lautmalerisches expressionistisches Stakkato mit jugendbewegter Naturpoesie. Für mindestens zwei Generationen deutscher Jugend Kultbuch schlechthin und Walter Flex bis 1945 – auch literaturwissenschaftlich hoch geschätzter – Klassiker der Moderne.
Das im Wanderer enthaltene Gedicht "Wildgänse rauschen durch die Nacht" mehrmals vertont und eines der bekanntesten deutschen Gedichte überhaupt. 1917 nach Berlin abkommandiert, um im Auftrag des Generalstabs an Kriegspublikation mitzuwirken. Zurück an der Ostront verwundet und später im Lazarett gestorben.
Wildgänse



Theodor Fontane (1819-1898) Schriftsteller, Journalist, Kritiker und bedeutender Vertreter des Realismus, wohl Antisemit.
Sohn eines Apothekers aus Neuruppin, beide Eltern hugenottischer Herkunft. Ausbildung zum Apotheker in Berlin, 1841 Typhus, bis 1845 Einjährig-Freiwilliger, mit Dienstgrad Corporal entlassen. Englandreise, 1849 Apothekerberuf aufgegeben, freier Schriftsteller. Politische Texte in der radikal-demokratischen Dresdner Zeitung. Heirat. Reiseliteratur, Theaterkritiker. Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz. 1892 Erkrankung an schwerer Gehirnischämie. Effi Briest und weitere Romane erscheinen. Tod in Berlin.
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland



Erich Fried (1921-1988), aufgewachsen in Wien als einziges Kind einer jüdischen Familie, Vater Spediteur, Mutter Grafikerin. Er muss sich 16jährig von Wien nach London durchschlagen und überlebt, seinen Vater erschlägt die Gestapo bei einem Verhört. In London lebt er bis zu seinem Tod, wo er eine Selbsthilfegruppe gründet, der es gelingt, viele Gefährdete, darunter auch seine Mutter, nach England zu bringen. Gelegenheitsarbeiten als Bibliothekar, Milchchemiker, Fabrik-arbeiter, Mitarbeiter bei zahlreichen neu gegründeten Zeitschriften, 1952 bis 1968 politischer Kommentator für den German Service der BBC.
1944 erste Heirat, Trennung 1946.
In der Nachkriegszeit Hauptvertreter der politischen Lyrik in Deutschland. Bedeutender Shakespeare-Übersetzer, dem es als erstem gelingt, die Sprachspiele des englischen Dramatikers adäquat zu übertragen. Er übersetzt T. S. Eliot, Dylan Thomas, Graham Greene, Sylvia Plath und John Synge.
Teilnahme am politischen Diskurs seiner Zeit, Vorträge, Teilnahme an Demonstrationen, mit seinen Positionen verschafft er sich in konservativen und rechten Kreisen den Ruf als „Stören-Fried“. 1952 zweite Ehe, zwei Kinder, 1965 geschieden. 3. Ehe, Zwillinge. ame Tochter Petra zur Welt, 1969 die Zwillinge Klaus und Tom.
Vom Berliner Polizeipräsidenten angezeigt, weil er Erschießung Georg von Rauchs durch Polizeibeamten als „Vorbeugemord“ bezeichnet. Amtsgericht Hamburg spricht Fried frei. Seine Liebesgedichte einer der erfolgreichsten Lyrikbände der deutschen Nachkriegszeit
Was es ist/Gespräch über Bäume
Georg von Rauch (1947-1971) "Stadtguerillero", aktiv in der Studentenbewegung der 1960er Jahre, Angehöriger der linksradikalen militanten Szene in West-Berlin. Drei Mittäter schlagen Quick-Journalisten zusammen, Rauch 1970 verhaftet und wegen Nötigung, Körperverletzung und versuchten schweren Raubes angeklagt. 1971 gelingt ihm Flucht. Am 4. Dezember 1971 stellen ihn Zivilfahnder und Polizeibeamter erschießt ihn bei Schusswechsel.



Louis Fürnberg (1909-1957) * Iglau/Mähren, tschechoslowakisch-deutscher Schriftsteller, Dichter, Journalist, Komponist, Diplomat. Er schreibt das 'Lied der Partei', Hymne der SED.
Sohn einer jüdischen Textilfabrikantenfamilie im mährischen Iglau, Kindheit und Jugend in Karlsbad, die Mutter stirbt kurz nach der Geburt. Lehre als Kunstkeramiker muss er 1926 wegen Tuberkuloseerkrankung abbrechen. Mit 17 Eintritt in die Sozialistische Jugend. 1927 Prag Deutsche Handelsakademie. Veröffentlicht erste Gedichte in der deutschsprachigen bürgerlichen Presse.
1928 Mitglied in der Kommunistischen Partei, 1937 Heirat mit Lotte Wertheimer Tochter jüdischen Unternehmers, ebenfalls Kommunistin. Bis 1939 für die kommunistische Presse tätig, 1936 erneut Tbc, zur Kur in Lugano. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Prag im März 1939 versucht Ehepaar Fürnberg nach Polen zu fliehen, wird verraten und inhaftiert. Frau Frünberg nach zwei Monaten frei, flieht nach London, foltert die Gestapo ihn. Später gelingt es der Familie seiner Frau, Louis Fürnberg durch Bestechung der Gestapo freizukaufen und Abschiebung nach Italien zu erreichen. Das Paar flieht weiter über Jugoslawien, wo 1940 in Belgrad Sohn geboren wird, nach Palästina. Die im deutschen Machtbereich verbliebene Familie ermorden die Deutschen im Holocaust.
1946 Rückkehr nach Prag zurück, Journalist. 1947 Geburt Tochter. Tätigkeit im Informationsministerium, 1949 bis 1952 Kulturattaché der tschechoslowakischen Botschaft in Ost-Berlin, Rückkehr in Tschechoslowakei. Das von antisemitischen Tendenzen gekennzeichnete politische Klima der spätstalinistischen Sowjetunion greift stark auf die Tschechoslowakei unter Klement Gottwald über. Fürnberg ändert seinen Namen in Lubomír Fyrnberg.
1954 Übersiedelung der Familie nach Weimar. Tätig in den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur Herzinfarkt Tod mit 48. Frau stirb 2004 mit 92.
Fürnberg verstand sich als ein politischer Dichter. "Was ich singe, sing ich den Genossen. Ihre Träume gehen durch mein Lied." Gedichte, Erzählungen und Romane. Fürnbergs Dramen, Festspiele und Kantaten zeugen von seiner kommunistischen Gesinnung, der er bis ans Lebensende treu bleibt.
Text des Erfolgshits der Puhdys 'Alt wie ein Baum' bezieht sich auf das Gedicht Fürnbergs Gedicht 'Alt möcht ich werden'
Alt möcht ich werden



Emanuel Geibel 1815 - 1884
Er ist der meistgelesene Lyriker Deutschlands im 19. Jahrhundert. 1815 geboren und 1884 in Lübeck gestorben. Sammeltassen zierte sein Bild, eine Zigarre war nach ihm benannt. Alle Welt stellte ihn auf eine Stufe mit Goethe. Und ein Gedicht von ihm kennen Sie alle. Ob Sie wollen oder nicht. Es ist das
Wanderlied



Christian Fürchtegott Gellert (1715 - 1769).
Zeit der Aufklärung: Gerade mal 10 % der Deutschen können lesen und schreiben (was sich bis 1800 auf 25 % steigert). Immanuel Kant auf die Frage, was Aufkläarung sei: »Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.«
Gellert, als eines von sechzehn Kindern einer Pastorenfamilie im Erzgebirge geboren, wird Professor in Leipzig, gefeierter Dichter, der im Alter seine Jugendgedichte vernichtet (»Ich habe sie in den Jahren meines gereinigten Geschmackes nie ohne Ekel in die Hände nehmen können.«) Berühmt machen ihn seine Erfindung des "Rührenden Lustspiels" und seine Anerkennung des Briefs als literarischer Gattung (was zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther" führt).
Der Blinde und der Lahme



Stefan George (1868–1933). Geboren in Büdesheim bei Bingen am Rhein. Der Großvater ist als französischer Weinbauer dort eingewandert, der Vater, ebenfalls Weinbauer, aber auch Gastwirt, ist mit einer Frau aus Büdesheim verheiratet. Eine einfache, gefühlskalte Frau, in unglücklicher Ehe lebend. Mit 14 verlässt der Sohn das Elternhaus, um in Darmstadt zum Gymnasium zu gehen. Nach dem Abitur macht er Bildungsreisen, mit genügend Geld vom Vater versorgt, nach London, in die Schweiz, nach Italien, nach Paris, wo er den Dichtern Mallarmé und Verlaine begegnet, auch nach Spanien, um schließlich in Berlin zu studieren, was aber als geordnetes Studium im Sande verläuft.
1890 erscheint "Hymnen", in 100 Exemplaren als Privatdruck.
George läuft in Gehrock und mit Zylinder, im Auge das Monokel und auf der brennenden Zigarre ein Weihrauchkorn, durch Berlin. Er hat zwar ein Zimmer bei den Eltern, solange sie leben, aber keinen festen Wohnsitz bis zum Tode. Er wohnt jeweils bei Freunden, erst von den Eltern finanziell unterstützt, dann erlaubt er es Freunden, wie er es formuliert, ihn auszuhalten. Er dichtet nicht um schnöden Mammon. Er ist kein Bohemien, kein zum Proletariat abgesunkener Künstler. Er ist ein Dandy, wie ihn Charles Baudelaire schildert, ein allerdings deklassierter Intellektueller den wirklich reichen, oberen Schichten gegenüber. Doch das schöngeistig interessierte, wohlhabende, großstädtische Publikum fühlt sich durch ihn bestätigt und wird zu seiner Kundschaft.
Er verliebt sich in Hugo von Hofmannsthal, das Wunderkind. 15 Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen trennen sich 1906 ihre Wege. Georges Weg führt zu dem immer enger werdenden Kreis des Meisters und seiner Jünger. George klammert sich an die Übermensch-Visionen Nietzsches, durch die sich seine Anhänger auch wie Übermenschen vorkommen. Das alles führt letztendlich zu den Nazis, nahezu alle Jünger Georges werden Nazis und der Meister selbst, der Hitlers Machtübernahme miterlebt, und sich als Ahnherr jeder nationalen Bewegung versteht: »Dies ist immerhin das erste Mal, dass meine politischen Ansichten mir von außen widerklingen.« Das Einzige, was ihn hindert, sich völlig mit den Nazis zu verbrüdern, ist ihre Vulgärheit. Goebbels feiert ihn, ersinnt einen George-Preis, und weiß: George ist einer der Ihren.
Mit 34 verliebt er sich in den 14-jährigen Maximilian Kronberger, lässt ihn nach dessen Tod zwei Jahre später als den göttlichen Maximim von seinen Jüngern als Gott verehren.
Mit 65 stirbt George an Nierenversagen.
Bert Brecht:
»Viele Dichter schreiben Wahrheiten wie: 'Stühle haben Sitzflächen' oder 'Der Regen fällt von oben nach unten'. Sie gleichen Malern, die die Wände untergehender Schiffe mit Stillleben bedecken. Unbeirrbar durch die Mächtigen, aber auch durch die Schreie der Vergewaltigten nicht beirrt, pinseln sie ihre Bilder. Das Unsinnige ihrer Handlungsweise erzeugt in ihnen selber einen tiefen Pessimismus voller Leere. Ich wende gegen die Dichtungen Georges nicht ein, dass sie leer erscheinen: ich habe nichts gegen Leere. Aber ihre Form ist zu selbstgefällig. Seine Ansichten scheinen mir belanglos und zufällig, lediglich originell. Er hat wohl einen Haufen von Büchern in sich hineingelesen, deren Vorteil darin bestand, gut eingebunden gewesen zu sein, und mit Leuten verkehrt, die von Renten leben. So bietet er den Anblick eines Müßiggängers, statt den vielleicht erstrebten eines Schauenden. Die Säule, die sich dieser Heilige ausgesucht hat, ist mit zuviel Schlauheit ausgesucht, sie steht an einer zu volkreichen Stelle, sie bietet einen zu malerischen Anblick …«
Entrückung



Paul Gerhardt (1607–1676). Geboren bei Wittenberg als Sohn eines Gastwirts. Fürstenschule Grimma, Theologiestudium in Wittenberg. Hauslehrer, mit 43 Propst in Mittenwalde, Diakon an der Berliner Nikolaikirche. Die adeligen Reformierten entlassen den streng lutherischen Gerhardt, er geht nach Lübben in den Spreewald.
Sehr bekannte Gedichte: Befiehl du deine Wege/Geh aus, mein Herz, und suche Freud/Nun ruhen alle Wälder
O Haupt voll Blut und Wunden




Robert Gernhardt (1937 - 2006). Geboren im Estland, Vater Richter (gefallen 1945), Mutter Chemikerin. 1939 müssen die Deutschbalten von Estland nach Posen übersiedeln. Die Mutter flieht mit den Söhnen Robert, Per und Andreas nach Göttingen. Robert studiert Malerei und Germanistik. Von 1964 bis zu seinem Tod lebt er als freiberuflicher Maler, Zeichner, Karikaturist und Schriftsteller in Frankfurt am Main.
Bis 1965 ist er Redakteur bei Pardon, wo er die Nonsensbeilage 'Welt im Spiegel' mitbegründet. Satiriker mit hohen Auflagen.
1965 heiratet er die Malerin Almut Ullrich (+ 1989), 1972 kauft er in der Toskana ein altes Gebäude.
Er ghört zur Neuen Frankfurter Schule, deren Publikationsorgan nach der Zeitschrift Pardon das Satiremagazin Titanic ist. Co-Autor diverser Otto-Shows, gibt dessen Bücher heraus und schreibt für ihn Drehbücher.
Sein Werk entwickelt sich von Nonsens-Versen und humoristischen Formen der 1960er und 1970er Jahre zu einer vielseitigen Lyrik weiter. Zum Fundstück Robert Gernhardt
Spassmacher und Ernstmacher




Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803), Vater Obersteuereinnehmer, studiert Jura und Philosophie, nach 7jährigem Herumziehen als Hauslehrer und Ähnlichem Sekretär des Domkapitels Halberstadt bis zu seinem Tod. Klopstock, "Gleim hatte einen brennenden Durst, Freunden ein Freund zu sein«. Von der Liebe und vom Wein singt Gleim in seinen Gedichten, schreibt auch Epigramme. Zu Lebzeiten wird Gleim mit seinen Preußischen Kriegsliedern aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges bekannt.
Gleims Haus neben dem Dom in Halberstadt steht noch, daneben ein schönes, neues Museum, dort auch 138 Porträts seiner Dichterfreunde.
Heinrich von Kleist (1801): »einer der rührendsten und interessantesten Greise, die ich kenne«.
Letztes Lied
Meine Blumen sind verblüht!
Sing es, kleines Lied! –
Meine Blumen sind verblüht,
Aber andre, hoff ich, werden
Schöner blühn auf schönern Erden,
Wo die Kleinste nicht verblüht.
Sing es, kleines Lied.

Urteil/An die Schwalbe



Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
»Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich. Die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag. Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nicht widerwärtig. Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig. Nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen. Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wussten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein. Denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, dass ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlass nahm, dass ein Geburtshelfer angestellt, und der Hebammenunterricht eingeführt wurde, was denn manchen der Nachgeborenen mag zugute gekommen sein.«
Als Goethe 1765 mit sechzehn Jahren nach Leipzig aufbricht, um dort Jura zu studieren, da glaubt er - trotz der selbstironischen Schilderung des Horoskops seiner Geburt - die Welt, in der er leben musste, aus den Angeln heben zu können. Er wurde nach manches Germanisten Meinung, unser größter Dichter. Und - weiter in seiner Autobiografie - steht er selbstredend über allem:
»Meine Kollegia besuchte ich anfangs emsig und treulich. Die Philosophie wollte mich jedoch keineswegs aufklären. Von der Welt, von den Dingen, von Gott glaubte ich ungefähr soviel zu wissen als der Lehrer selbst und es schien mir an mehr als einer Stelle gewaltig zu hapern. Doch ging alles noch in ziemlicher Folge bis gegen Fasnacht, wo in der Nähe des Professors Winckler auf dem Thomasplatz, gerade zur Zeit der Unterrichtsstunde, die köstlichsten Krapfen heiß aus der Pfanne kamen, wodurch wir uns so verspäteten, dass unsere Hefte locker wurden und bis zum Frühjahr mit dem Schnee zugleich zerschmolzen. Mit den juristischen Kollegien ward es bald ebenso schlimm ...«
Goethe zeichnet lieber, beschäftigt sich mit Literatur, und genießt ansonsten das freie Leben fernab vom Elternhaus und vom gestrengen Herrn Papa, der ihn bislang selbst erzogen hat, unter gelegentlicher Zuhilfenahme von Privatlehrern, wenn er selbst nicht weiter wusste.
DEr Großvater hat beträchtliches Vermögen hinterlassen, war Damenschneider in Lyon gewesen, musste als Hugenotte aus Frankreich fliehen, ging nach Frankfurt und heiratete dort eine reiche Wirtswitwe und mit ihr das größte Wirtshaus am Platz und verdiente wohl das meiste Geld mit Weinhandel.
Ein Sturz vom Pferd zwingt Goethe im dritten Studienjahr zurück nach Frankfurt ins Elternhaus, um sich dort anderthalb Jahre gesund pflegen zu lassen. 1770 geht er nach Straßburg, um die vom Vater so heiß ersehnte Promotion nun endlich zuwege zu bringen.
Nach anderthalb Jahren beendet er das Jurastudium. Elsass, Rheintal, die ganze herrliche Natur, die ihn dort umgibt, begeistern ihn aber mehr als seine trockenen Studien. Die gotische Schönheit des Straßburger Münsters, auf dem er herumkraxelt, um seine Höhenangst zu überwinden, lernt er schätzen, und er begegnet einem für ihn damals wichtigen Menschen, nämlich Herder, dem Dichter und Denker des sich emanzipierenden Bürgertums, was sich nachhaltig auf sein dichterisches Schaffen auswirkt.
Kurze Zeit, nach seiner Liebe zur Pfarrerstochter Friederike Brion in Sesenheim, lebt er wieder bei den Eltern in Frankfurt. Die junge Mutter umsorgt ihn, der alte Vater erledigt die Geschäfte der Anwaltskanzlei, die der Dichter nach außen hin betreibt. Goethes Stern geht auf. Götz, Werther - Deutschland liegt ihm zu Füßen, wie wohl nie wieder während seines langen Lebens. Goethe ist Hauptdarsteller "Sturm und Drang"-Zeit.
Seine Werke aus dieser Zeit rufen den Widerstand von Staat und Kirche hervor, Goethe passiert es in dieser Zeit mehr als einmal, dass irgendein Kleinstaat sie verbietet.
1775 lädt der junge, aufgeschlossene Herzog Carl August von Weimar, 18jährig Goethe in sein winzig kleines Fürstentum, das er gerade geerbt hat, ein. Ganze 90 000 Einwohner leben dort, in der Hauptstadt noch nicht einmal 7000 Menschen. Wer damals über die Straße geht, muss immer über Schweine und anderes Getier springen.
Goethe: »Wenn ich meine Tür aufmache, dann trete ich auf Kot, und ich möchte das nicht.«
Der junge Herzog will mit Goethe im Bund den Staat umkrempeln und neu gestalten. Der revolutionäre Stürmer und Dränger schien gerade der Rechte zu sein. Goethe schlägt ein, ist froh, von Frankfurt wegzukommen, wird Mitglied der der Regierung, Verkehrsminister, Leiter der Ilmenauer Bergwerke und Kriegsminister (der das Heer um die Hälfte reduziert und von dem frei gewordenen Geld Bücher für die Bibliothek kauft und Straßen bauen lässt), auch noch Finanzminister - und alles gleichzeitig.
Der 26jährige scheibt:
»Ich bin nun ganz in alle Hof- und politischen Händel verwickelt und werde fast nicht wieder weg können. Meine Lage ist vorteilhaft genug und die Herzogtümer Weimar und Eisenach immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht stünde. Obgleich ich mehr als jemals in der Lage bin, das durchaus Scheißige dieser zeitlichen Herrlichkeit zu erkennen.«
Seine 10jährige Regierungszeit bweansprucht ihn so sehr, dass er kaum etwas dichtet. In seinen ersten 10 Jahre in Weimar begleitet ihn Charlotte, sie hat sieben Kinder, ist ein paar Jahre älter und mit dem Stallhofmeister von Stein verheiratet, von der Goethe sagt: »Warst in abgelebten Zeiten meine Schwester oder Frau.«
Je länger Goethe versucht, die Gesellschaft zum Besseren hin zu verändern, desto mehr spürt er Widerstände, die die Adligen dem Bürgerlichen entgegenbringen. So geht es nicht weiter, seine Stimmung wird immer depressiver.
Des "Wanderers Nachtlied" schreibt er auf dem Ettersberg, genau an der Stelle, wo 200 Jahre später das deutsche Volk, das einen Goethe hervorgebracht hat, das KZ Buchenwald errichtet.
»Ich habe oft einen bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit anderen Völkern erregt mir peinliche Gefühle, über die ich auf jegliche Weise hinwegzukommen suche. Und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch die man sich darüber hinwegzuhelfen vermag. Denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität. Aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt nicht das stolze Bewusstsein einem großen und geachteten Volke anzugehören.«
Goethe hält es in Deutschland nicht mehr aus. Am 3. September 1786 schleicht er sich wie ein Dieb, nachts um drei, während eines Kuraufenthaltes in Karlsbad, in der Postkutsche davon. Niemand weiß, wo er ist. Ein paar Monate später erhält sein Herzog einen Brief aus Italien mit einem Urlaubsgesuch auf unbestimmte Zeit. Es sollte für sein ganzes Leben gelten, denn als er zwei Jahre später aus Italien zurückkehrt, versorgt er nur noch Theater, Bibliothek und Universität in Jena - als quasi Weimarer Kultusminister.
Nach Schillers Tod wird Carl Friedrich Zelter während der letzten 25 Lebensjahre Goethes Freund. Dieser ist von diesem Maurer begeistert, der erst in der Mitte seines Lebens sich seinen Jugendtraum erfüllen kann, Chorleiter und Komponist wird, was ihm der Vater untersagt hatte.
Mit dem Christentum kann Goethe nicht so recht was anfangen und ganz besonders nicht mit dem Symbol der Christen, dem Kreuz, an dem ein toter Mensch angenagelt hängt. »Wie kann man sich nur ein so grausames Symbol wählen!« Für Jesus interessierte er sich dennoch, der sich als gesellschaftliches Wesen in seiner Zeit betätigte und soziale Reformen anstrebte.
Mit Frauen pflegt Goethe viele tiefe Beziehungen. Seine Einstellung mit einem Schlagwort zu schildern ist aber schwierig. Der 73jährige lässt der 17-jährigen Ulrike von Levetzow durch Großherzog Carl August von Weimar einen Heiratsantrag machen, den nicht nur Ulrikes Mutter, sondern auch Goethes Sohn und Schwiegertochter für unsittlich halten. (Ulrike von Levetzow ist 1899 unverheiratet in einem Damenstift gestorben, siehe Marienbader Elegie )
Karl Marx und Friedrich Engels: »Goethe verhält sich in seinen Werken auf eine zweifache Weise zur deutschen Gesellschaft seiner Zeit. Bald rebelliert er gegen sie als Götz, Prometheus, Faust, oder er schüttet als Mephisto seinen bittersten Spott über sie aus. Bald ist er ihr aber befreundet, schickt sich in sie, feiert sie, ja verteidigt sie gegen die aufdrängende geschichtliche Bewegung wie in Hermann und Dorothea oder in seinen Huldigungsstücken für den Weimarer Adel. So ist Goethe bald kolossal, bald kleinlich, bald trotziges, spottendes, weltverachtendes Genie, bald rücksichtsvoller, genügsamer, enger Philister. Auch Goethe war nicht imstande, die deutsche Misere zu besiegen, im Gegenteil, sie besiegte ihn, und dieser Sieg der Misere über den größten Deutschen, und nicht nur den größten deutschen Dichter, ist der beste Beweis dafür, dass sie von innen heraus gar nicht zu überwinden ist. Goethe war zu universell, zu aktiver Natur, zu fleischlich, um in einer Schillerschen Flucht ins Kantsche Ideal Rettung vor der Misere zu suchen. Sein Temperament, seine Kräfte, seine ganze geistige Richtung wiesen ihn aufs praktische Leben an, und das praktische Leben, das er vorfand, war miserabel.«
In Faust II ist es keineswegs eine emsige Völkerschaft, die der blinde Faust da um sich herum Dämme schaufeln hört, keine Gleichen, keine Freien, die brüderlich zusammenarbeiten, das sind keine Menschen, die Faustens, Goethes, soziale Vorstellungen verwirklichen. Nein, ganz im Gegenteil. Im Theaterstück sind es die Lemuren, die Faustens Grab ausheben. Der greise Goethe kannte die sozialen Utopien, von denen der blinde Faust träumt und auch noch in unseren Tage sie Forderung.
Goethe, bis zu seinem Tod 1832 die beherrschende Figur des literarischen Lebens in Deutschland und Europa, wird im Alter Zeitgenosse und Beobachter der Moderne, die mit Dampfmaschinen, Aktien, Industrie und Straßenbau ihren Einzug hält. Faust, Wilhelm Meister, Wahlverwandtschaften, Italienische Reise, Dichtung und Wahrheit und vieles andere ist in seinen letzten 30 Lebensjahren noch entstanden. Sehenswert Gigant Goethe
Johann Peter Eckermann, treuer Mitarbeiter, 1832: »Am anderen Morgen nach Goethes Tod ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloss mir das Zimmer auf, wo man ihn hingelegt hatte. Auf dem Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender. Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhaben-edlen Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht verhinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllt, und als Friedrich das Tuch auseinanderschlug, erstaunte ich über die göttliche Pracht seiner Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös, die Füße zierlich und von der reinsten Form. Und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung oder Verfall. Ein vollkommener Mensch lag da in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, dass der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen.«
Der Zauberlehrling




Nora Gomringer * Neunkirchen/Saar 1980, schweizerisch-deutsche Lyrikerin, Rezitatorin.
Seit 2010 Leiterin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia Bamberg. Mutter Germanistin, Vater Eugen Gomringer, Dichter. Aufgewachsen in Wurlitz bei Hof. 1998 High-School-Diplom in Lititz, Pennsylvania. Studiert Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Praktika und Arbeitsaufenthalte am Leo Baeck Institute in New York City und Academy of Motion Picture Arts and Sciences, Los Angeles.
Lyrik im Selstverlag, 2002 'Silbentrennung'. 7 Lyrikbände und zahlreiche Einzelveröffentlichungen. Zusammenarbeit mit Musikern und Bildenden Künstlern, bis 2006 in der Poetry-Slam-Szene aktiv.
Liebesrost




Oskar Mari Graf 1894 - 1967 deutsch-amerikanischer Schriftsteller. Seine Romane Der Abgrund (1936) und Anton Sittinger (1937) zählen zu den „scharfsinnigsten literarischen Analysen des Verhältnisses von Kleinbürgertum und Faschismus“
9. von 11 eines Bäckermeisters in Berg am Starnberger See. geboren. Nach Tod des Vaters 1906 arbeitet er in der von seinem ältesten Bruder Max übernommenen Bäckerei. Die Misshandlungen, die ihm dort widerfahren, schildert er in seiner Autobiographie "Wir sind Gefangene" (1927). Das bäuerliche Umfeld hatte für die Neigung zur Literatur keinerlei Verständnis. Bücher müssen heimlich beschafft und in einem Versteck aufbewahrt werden. Als Grafs Bruder Max davon erfährt, schlägt er ihn erneut brutal zusammen. Daraufhin verlässt Graf 1911 das Elternhaus, um im nahegelegenen München als Schriftsteller tätig zu werden.
Anfänge von Orientierungslosigkeit und existenzieller Not geprägt. Die Großstadt überfordert den mittellosen 17-Jährigen aus der Provinz. Durch Zufall Kontakt zur anarchistischen Gruppe „Tat“ um Erich Mühsam und Gustav Landauer. Hält sich u.a. als Bäcker, Posthelfer und Liftboy über Wasser, immer wieder arbeitslos.
1912/13 vagabundiert er durch Oberitalien, begleitet vom Maler Georg Schrimpf, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Zeitweise arbeiteten beide auch in der Künstler- und Reformerkolonie Monte Verità bei Ascona und begegnen deren Gründern, den Brüdern Karl und Gusto Gräser. Durch seine fortwährende Zahlungsunfähigkeit unter Druck. Zeigt er sich vom Lebensstil in der „Anarchistenkolonie“ angewidert und überzeugt Schrimpf, mit ihm nach München zurückzukehren.
„Wir fahren wieder zurück in unseren Sumpf, diese ganze Naturtrottelei kann mir gestohlen bleiben! ... Das ist was für Verdauungsphilister und Grasfresser! ... Das ist kein Leben!“
1914 erste Gedichte, 1915 bei einer bayerischen Eisenbahntruppe an der Ostfront in Ostpreußen und Litauen. 1916 soll er wegen Befehlsverweigerung abgeurteilt werden. wird jedoch in die Irrenanstalt eingewiesen, zunächst in Brandenburg, dann in Haar bei München, und schließlich nach zehntägigem Hungerstreik aus dem Militärdienst entlassen.
1917 Heirat mit Karoline Bretting. 1918 Geburt Tochter Annemarie, Trennung im selben Jahr. Graf bezeichnet Ehe als „von Anfang an schlecht“. Tochter von Grafs Mutter aufgezogen. Stipendium. 1918 Graf, Paul Guttfeld und Georg Schrimpf in der Münchener Druckerei Mannzmann verhaftet, als sie versuchen, den Druck der „Denkschrift des Fürsten Lichnowsky“ in Auftrag zu geben. Anfang 1918 wegen der Teilnahme am Munitionsarbeiterstreik kurzzeitig inhaftiert. 1919 wegen der Teilnahme an revolutionären Bewegungen in München erneut für einige Wochen Gefängnis.
1919 Lebensgemeinschaft mit Mirjam Sachs, Cousine von Nelly Sachs, ab 1920 Dramaturg am Arbeitertheater Die neue Bühne tätig, wo sich eine Freundschaft mit Bertolt Brecht entwickelt.
1927 mit "Wir sind Gefangene" literarischer Durchbruch, der ihm Existenz als freischaffender Schriftsteller ermöglicht.
1938 mit Mirjam Sachs über die Niederlande in die USA. 1944 Heirat mit Mirjam Sachs.
Das Leben meiner Mutter (engl. 1940, dt. 1946), sein Hauptwerk. 1959 Tod seiner Frau Mirjam an Krebs. 1962 Heirat mit dritter, ebenfalls jüdische Frau Gisela Blauner.
Brecht, hat sie als die 'Vergessenen' bezeichnett. Die verbrannten Dichter, das sind die Dichter, die die die Nazis in Gefängnissen einsperren und in KZs ermorden. Das sind die Dichter, die sie ins Exil jagen, die dort in der Ferne versuchen, ihren Körper am Leben zu erhalten. Das sind die Dichter, die im Widerstand kämpfen, selten erfolgreich, meist unter unvorstellbaren Entbehrungen, und manchmal, indem sie ermatten, sich das Leben nehmen.
An alle deutschen Zeitungen!
Verbrennt mich!
Laut 'Berliner Börsencourier' stehe ich auf der 'weißen Autorenliste' des neuen Deutschlands, und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes 'Wir sind Gefangene', werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des 'neuen deutschen Geistes zu sein! Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient? Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen.
Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!
Alle anständigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht.
Hochachtungsvoll
Oskar Mari Graf

Er ist ein Bayer wie aus dem Bilderbuch, mit Krachledernen, Hütchen und Gamsbart, massiger Körper, laut, kräftig. So sitzt er mit dem zierlichen Schwaben Bertolt Brecht in der Kneipe vor einer Maß.

Nicht in Bayern allerdings. In New York im Exil. Über Wien und Tschechien ist er 1938 dorthin gegangen und dort auch 1967 als 73-Jähriger gestorben.
Vom Brot der Sprache




Günter Grass (1927-2015). 1959 'Blechtrommel', und seither erscheint er der Welt ein sehr wichtiger deutscher Gegenwartsautor, in den 70er Jahren sogar als der wichtigste. In Deutschland gerät er in die Kritik, weil er seine SS-Mitgliedschaft verschwieg. Er tritt gegen den Krieg in Vietnam ein. Seine zentrale Motivation ist der Verlust seiner Heimat Danzig und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, die sich vielfach in seinen Werken widerspiegelt. Seine Popularität als Schriftsteller nutzt er häufig, um das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen öffentlich zu kommentieren. Er ist langjährig in Wahlkämpfen für die SPD und die Grünen aktiv und präsent. Grass’ Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und teilweise verfilmt. 1999 Nobelpreis.
Pünktlich




Fritz Graßhof (1913-1997), Zeichner, Maler, Schriftsteller und Schlagertexter.
Jugendzeit in Quedlinburg, wo sein Vater (früher Seemann) Kohlenhändler ist. Nach dem Abitur 1933 Lehre als Kirchenmaler, dann journalistisch tätig. 1938 eingezogen, im Krieg in der Sowjetunion und in britischer Gefangenschaft. 1946-1967 Celle, reist viel nach Griechenland, lebt zeitweise auch in Schweden. Bei seiner ersten Ausstellung (1954 in Hannover) kauft die Kunsthalle Hamburg und das Lehmbruck-Museum Duisburg Werke. Parallel dazu schriftstellerische Tätigkeit, verdient sein Geld hauptsächlich mit Schlagertexten (etwa dem Evergreen Nimm mich mit Kapitän, auf die Reise für Hans Albers), während er neben oft derben Songs und Balladen (vertont von Musikern wie Heinz Gietz, Lotar Olias, Siegfried Strohbach, Bert Grund, Wolfgang „Schobert“ Schulz von Schobert und Black oder James Last) auch ernsthafte Lyrik schreibt sowie Texte des schwedischen Nationaldichters Carl Michael Bellman und aus der römischen und griechischen Antike übersetzt. Zeitweise ist Graßhoff einer der meistrezitierten deutschen Schriftsteller – namhafte Interpreten wie René Deltgen, Gustav Knuth, Inge Meysel oder Heinz Reincke machen seine Werke durch mehrere Schallplattenproduktionen populär. Auch Graßhoffs eigene Lesungen, z. T. als Jazz- und Lyrik-Events mit Schlagzeugbegleitung von einem Lastwagen herunter gesprochen, haben Zulauf.
Dem Literaturbetrieb hält Graßhoff sich fern; er leidet darunter, dass man ihn hauptsächlich nach seinen Schlagertexten bewertet und als sein biographischer Roman Der blaue Heinrich 1980 kaum Beachtung findet, wanderte er, enttäuscht von den deutschen Verhältnissen nach Kanada aus, wo er die letzten 14 Jahre seines Lebens in seinem Haus am Ottawa-River verbringt.
Inzwischen hat Graßhoff, vor allem durch seine späte Lyrik (Von der Wichtigkeit der Dinge) und eine Neubewertung seines Romans Der blaue Heinrich einen anerkannten Platz in der Literatur gefunden.
Die Winde des Herrn Prunzelschütz




Andreas Gryphius (1616-1664). Der Schlesier wurde trotz unvorstellbaren Leids in seiner Kindheit und Jugend nicht nur ein großer Dichter und hochgeehrter Politiker, sondern auch einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit in Europa. Als er 2 ist, beginnt der Dreißigjährige Krieg, als er 5 ist, stirbt der Vater, als er 11 ist, die geliebte Mutter an Schwindsucht. Seine neue Mutter, die er wie seine eigene liebte, stirbt, nachdem sie 6 Kinder tot zur Welt gebracht hat. Die Pest wütet. Sie rafft die Hälfte der Bewohner Schlesiens dahin.
Gryphius wird Hauslehrer in hochgestellten Familien, findet Gönner, die ihm ein Studium auf der damals fortschrittlichsten Universität Europas, in Leiden ermöglichen. Philosophie, Jura und Medizin studiert er, beschäftigt sich außerdem mit Astronomie und Anatomie. Er hält Vorlesungen über Geographie, Trigonometrie, Logik, Physiognomie, Poetik, Wahrsagekunst und Altertumskunde.
Mit 25 erkrankt er schwer, die Ärzte geben ihn auf, er überlebt. Mit 31 kehrt Gryphius nach Schlesien zurück, vorher besucht er Rom, Paris, Marseille, Florenz, Venedig und Straßburg. Mit 34 wird er oberster Richter in Glogau und stirbt mit 48 während einer Ratssitzung an einem Schlaganfall.
Menschliches Elende




Caroline von Günderode (1780-1806).
Clemens Brentano wirbt um sie vergebens, sie ist in Creuzer verliebt, einen Göttinger Mythenforscher.
Ich erwachte zu einem süßen Leben im Schoß duftiger Büsche. Leise murmelte ein Bach durch blumige Wiesen, und der blaue Himmel schaute ruhig und klar durch das grüne Gezweig, als ich mich zum ersten Mal umschaute in der Welt.
Juden und Frauen beginnen sich in Folge der Aufklärung und Französischen Revolution umzuschauen, sprich zu emanzipieren. Die Bürger lassen Mädchen Lesen und Schreiben lernen und Männer fangen an, es schick zu finden, mit einer gebildeten Frau verheiratet zu sein.
Caroline von Günderode wächst in der behüteten Atmosphäre des Bildungsbürgertums auf. Zwar stirbt der Vater, ein badischer Kammerherr, als sie 6 ist, die Familie verarmt. Mit 17 kommt sie in einem evangelischen Damenstift in Frankfurt am Main unter, das Töchtern aus dem verarmten protestantischen Adel vorbehalten ist. Dort lernt sie Bettine Brentano kennen, deren Großmutter die bekannte Schriftstellerin Sophie von La Roche ist, und deren Mutter Maximiliane von La Roche in ihrer Jugend mit dem jungen Goethe befreundet war. Die 5 Jahre jüngere Bettine setzt ihrer Freundin 1840 mit dem Briefroman "Die Günderode" ein Denkmal.
Als Caroline sich umschaut, erblickt sie einen Heißluftballon und setzt dem Luftschiffer mit ihrem Poem auch ein Denkmal.
Ihre ersten Gedichtbände muss Günderode unter einem männlichen Pseudonym, Tian, veröffentlichen, um ernst genommen zu werden. Die Frauenliteratur steht damals noch am Anfang und sie merkt, dass ihrer aller Luftschiff immer wieder zur Erde muss, der Schwerkraft der Männerwelt gehorchend. Sie beschäftigt sich mit den Mythen und findet durch die Schriften Creuzers und des Schweizers Bachofen heraus - er führt den Begriff Mutterrecht in die Justiz ein -, dass es das Patriarchat nicht immer gab, sondern auch eine Zeit existierte, die den Frauen eine natürliche Lebensweise gestattete: das Matriarchat.


All die genannten matriarchaischen Symbole, die Jungfrau, die alle beherrscht, die Göttin, die Kinder, die mit giftigen Schlangen spielen, der Schoß der Mutter, die verhüllte Quelle des Lebens, hat sie durch ihre Freundschaft mit Creuzer kennen gelernt. Sie war 24, als diese Freundschaft beginnt und Creuzer verspricht, obwohl noch verheiratet, ihr die Ehe, kann sich aber von seiner Frau nicht trennen. 1806, 2 Jahre später, nach sseiner endgültigen Absage, erdolcht sich Caroline von Günderode am Rheinufer bei Winkel, am Fuße des Johannisberges, dort wo Franz Brentano mit seiner Frau Antonia lebt.
Nicht nur Bettina Brentano hat ihr ein ein literarisches Denkmal gesetzt, auch Christa Wolfs mit ihrem Buch "Kein Ort. Nirgends"
Der Luftschiffer




Johann Christian Günther (1695 – 1723) Ein armer, verzweifelter Dichter am Übergang vom Barock zur Aufklärung und zum Geniekult des Sturm und Drang. Geboren in Schlesien und mit 27 in Jena gestorben. Der Vater armer Stadtmedicus, der ihn unterrichtet. Günther findet zwar Gönner, die ihn in Wittenberg und Leipzig studieren lassen, aber er ist einfach arm. Das führt dazu, dass er die Zeche bei seiner Doktorfeier nicht bezahlen kann und ins Schuldgefängnis muss.
Der Vater ist der Feind seiner Poesie, falsche Freunde flüstern ihm ein, der Sohn führe ein lockeres Leben, suche keine Anstellung usw., usf. Und so verstößt der Vater den Sohn, was damals schlimme Folgen hat, er findet erst recht keine Anstellung und kann seine über alles geliebte Eleonore nicht heiraten, denn dazu hätte er den Segen des Vaters gebraucht.
Immer wieder versucht Johann Christian, sich mit ihm zu versöhnen, sechsmal. Immer in Gedichtform – wohl wissend, dass der Vater seine Gedichte nicht mochte. Den 6. Versuch macht er 1722 mit 26 - einem langen Briefgedicht.
An meinen Vater
Sag wie lange soll ich noch, dich,
Mein Vater, selbst zu sprechen,
Mit vergeblichem Bemühen
Hoffnung, Glück und Kräfte schwächen?

Macht mein Schmerz dein Blut nicht rege,
O so rühre dich dies Blatt,
Das nunmehr die letzte Stärke
Kindlicher Empfindung hat.

Fünfmal hab ich schon versucht,
Nur dein Antlitz zu gewinnen,
Fünfmal hast du mich verschmäht,
O was sind denn dies für Sinnen!

Hab ich dich nicht überall
Treu gerühmt und froh gepriesen?
Hat sich ein verstockter Sinn
Gegen deine Zucht gewiesen?

Hab ich nicht mit Lust studieret,
Um dich Vater zu erfreun,
Und mit wohlgeratnen Früchten

Lass doch nun nicht durch die Neider
Dich in mir so arg verlachen,
Lass dir doch nicht deine Mühe
Durch ihr Maul zuschanden machen!

Trau doch deinem Fleisch und Blute,
Gönne mir Geduld und Ohr.
Wäre ich mit Recht verklaget,
Warum lässt du mich nicht vor?

Was ich dann und wann getan,
Ist die Hitze junger Jahre.
Denn wo wird wohl einer alt,
Der nicht Gleiches auch erfahre?

O warum bestraft man denn
Meine Menschlichkeit so scharf?
Welcher Richter ist so grausam,
Dass man gar nicht bitten darf?

Und was sind es denn nun auch
Für so grob und schwere Sünden,
Die so mühsam und so spät
Ablass und Errettung finden?

Sag, was sind sie? Meistens Lügen,
Junge Torheit, viel Verdacht
Und mit einem Worte Mücken,
Die man zu Kamelen macht.

Scheint dir auch die Art und Weise
Meines Lebens wunderlich,
Ach, dem ist bald abgeholfen.
Und womit? Versöhne dich!

Strafe nehm ich willig an,
Nur bestrafe mich bescheiden
Ohne Aufsehn und gerecht.
Denn dies Volk kann ich nicht leiden,

Das uns fast auf all und jedes
Eine Sittenpredigt hält
Und alsdann am ärgsten denket,
Wenn es sich am frömmsten stellt.

Jene sind es, die da gleich
Donner, Blitz und Höll erwecken,
Die da ein verirrtes Schaf
Mit der gröbsten Keule schrecken,

Jene sind es, die sich selbst
Für gerecht und heilig halten,
Mit Verachtung auf uns sehn,
Die befleckten Hände falten.

Kommt es zu der Nächstenliebe,
Zum Vergessen, zum Verzeihn,
Ja, dann wird von solchen Christen
Niemand wohl zu Hause sein.

Strafe sollte uns doch nie
Nur als Zornlust oder Hass erscheinen
Und die Rute, die da schlägt,
Muss der Kinder Bestes meinen.

Wo hingegen Straf und Schärfe
Das Vergehen übersteigt,
Wird das edelste Gemüt
Mehr gebrochen als gebeugt.

Wilder Frevel ist es wert,
Dass ihn Draht und Geißel schwäche,
Und die Bosheit braucht Gewalt,
Dass man ihr den Starrkopf breche.

Aber Irrtum, Fall und Schwachheit,
Fällt ein Mensch auch noch so oft,
Fordert billig nichts als Liebe,
Die allzeit das Beste hofft.

Such ich mich auch noch so wohl
Unter Leuten aufzuführen,
Muss ich dennoch überall
Freund und Ansehn bald verlieren,

Wenn man hört, dass selbst der Vater,
Den ein guter Leumund schmückt,
Mich, sein Kind, nicht hören will.
Das ists, Vater, was mich drückt.

Dadurch fällt mein zeitlich Wohl
Und das Heil des ganzen Lebens.
Alles was ich denk und tu,
Wird durch deinen Zorn vergebens.

Sage mir, wer soll mir denn
Auf der Welt noch weiter traun?
Bin ich meiner Eltern Gräuel,
Muss auch Fremden vor mir graun.

Vater, blicke doch zurücke
Und erinnre dich der Zeit,
Da ich als ein Kind voll Hoffnung
Dein und vieler Aug erfreut.

Mein Gehorsam, wie du weißt,
Hat dir zwanzig Jahr gefallen;
Was ich dann und wann verbrach,
Das geschieht doch beinah allen.

Ach, ihr Väter, du im Himmel
Und auch du auf dieser Welt,
Seid mir gnädig, dass mein Leben
Noch ein wenig Kraft behält!

Jetzo bet ich Tag und Nacht
Bei so überhäufter Plage:
Nimm mich doch, mein Gott,
Nicht weg in der Hälfte meiner Tage!

Führe mich durchs Kreuz zur Weisheit,
Gib mir aber auch dabei,
Dass ich klug, getreu, geduldig
Und der Welt noch nützlich sei.

Vater, denkt denn deine Liebe
Gar an keine Wiederkehr?
Ach, ich bitte deinetwegen,
Mach uns nicht das Sterben schwer!

Lass den demutsvollen Kuss
Die Versöhnung wiederbringen;
Denn danach, ich weiß gewiss,
Wird mir alles wohl gelingen.

Ich verspreche dir die Freude,
Die der Eltern Kreuz versüßt,
Wenn das Wachstum guter Kinder
Ihres Nachruhms Spiegel ist.

Es war niemals meine Art,
Große Dinge zu begehren
Noch des lieben Gottes Ohr
Mit viel Wünschen zu beschweren.

Denn er weiß, was ich in meiner
Not, von dir, mein Vater, will:
Gibt er mir dein Herz bald wieder,
Schweig ich gern zu allem still.

Günther ist ein Überflieger, ein Frühreifer. Schon mit 10 schreibt er Gedichte und Theaterstücke, als er im schlesischen Schweidnitz die Lateinschule besucht. Als er mit 19 in Wittenberg und Leipzig Medizin studiert, beginnt für ihn ein recht lockeres Leben, Günther ist willkommener Gast bei jeder Schmauserei, wo er zur Laute seine Gedichte singt. Er verlobt sich mit Eleonore Jachmann, die er heiß und innig liebt (ihretwegen hat er den schweren Traum). Der Alkohol, zu reichlich genossen, bekommt weder ihrer Liebe noch seinem beruflichen Fortkommen. Als sein Leipziger Professor ihm ein Vorstellungsgespräch am Dresdner Hof Augusts des Starken vermittelt, damit er heiraten und seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann, erscheint Günther dort betrunken. Und als auch noch sein Loblied auf Prinz Eugen, den Sieger gegen die Türken, auf wenig Gegenliebe beim gelobten Prinzen stößt, entlobt er sich von Eleonore, zieht ruhelos umher, findet Unterschlupf bei einem Freund in Schlesien, lässt sich als Arzt an der polnischen Grenze nieder, versucht noch einmal durch eine neue Liebe seine Alkoholkrankheit zu besiegen und stirbt mit 27 in Jena an Entkräftung.

Hier starb ein Schlesier, weil Glück und Zeit nicht wollte,
Dass seine Dichtkunst ganz zur Reife kommen sollte.
Mein Pilger, lies geschwind und wandre deine Bahn,
Sonst steckt dich noch mein Staub mit Lieb und Unglück an.

Goethe: »Johann Christian Günther besaß eigentlich alles was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen. Aber er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm dieses Leben ebenso wie sein Dichten.«
Als er ihretwegen einen schweren Traum hatte




Peter Hacks (1928-2003) Dramatiker, Lyriker, Erzähler und Essayist. Er begründet in den 1960er Jahren die „sozialistische Klassik“ und gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker der DDR. Hacks war der einzige deutsche Bühnenautor, dessen Stücke sowohl in der DDR als auch in der BRD oft gespielt wurden. 'Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe' sein größter Erfolg.
Sohn eines sozialistisch-antifaschistischen Elternhauses, Kindheit und Jugend bis 1944 in Breslau, wo sein Vater Rechtsanwalt ist. Nach RAD versucht er in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, sich dem Wehrdienst zu entziehen, gerät in Gefangenschaft der Waffen-SS, danach kurzzeitig in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 Abitur. Studium München Ludwig-Maximilians-Universität Neuere Deutsche Literatur, Theaterwissenschaft, Philosophie und Soziologie. Dr. phil. 1951 bis 1955 Schriftsteller in München, arbeitet mit James Krüss für den Rundfunk und tritt im Kabarett mit eigenen Texten auf. Knüpft Kontakt mit Erich Kästner, Bertolt Brecht und Thomas Mann.
Heirat mit der Schriftstellerin Anna Elisabeth Wiede, 1955 Übersiedelung DDR, Berlin, wo er zunächst für Brechts Berliner Ensemble arbeitet. 1960 Dramaturg Deutsches Theater Berlin.
Verhältnis der DDR zu Hacks widersprüchlich. Viele Funktionäre und Dichterkollegen sehen ihn als „bürgerlich“ bzw. „aristokratisch“ an, aber durch seinen Erfolg findet er mehr und mehr Anerkennung.
Hacks begrüßt 1976 in der 'Weltbühne' die Ausbürgerung Wolf Biermanns, infolgedessen greifen ihn viele Vertreter des westlichen wie des östlichen Kunstbetriebs scharf an und boykottieren ihn.
Das Ende der DDR kein Anlass für Hacks, von seiner kommunistischen Überzeugung Abstand zu nehmen. Er tritt aus der Akademie der Künste aus und weigert sich, am Kulturbetrieb des vereinigten Deutschland teilzunehmen. Allgemein Beachtung findet die vielgelobte Werkausgabe von 2003. Hacks stirbt im selben Jahr in seinem Landhaus in Groß Machnow.
Die Intensität, mit der Hacks Lob und Tadel betrieb, war für viele irritierend. Er nimmt jedoch so intensiv und umfassend wie kaum ein anderer Schriftsteller die literarische Produktion seiner Zeit wahr, setzt sich hierbei oft und energisch für Kollegen und junge Talente ein, ist aber auch streng in seinen ästhetischen und politischen Urteilen. In den 1960er und 1970er Jahren im Literatur- und Theaterbetrieb eine Persönlichkeit, an der sich viele orientieren und deren Nähe oft suchen.
Als Lyriker mit hohem Anspruch tritt Hacks erst spät hervor.
Der Herbst steht auf der Leiter




Haftbefehl * 1985 in Offenbach am Main (bürgerlich Aykut Anhan) als Sohn türkeistämmiger Eltern, zazaisch-kurdischer Vater aus dem osttürkischen Dersim, türkische Mutter aus Giresun am Schwarzen Meer stammend. Schullaufbahn ohne Abschluss, flüchtet 2006 vor einer Freiheitsstrafe wegen Betrugs nach Istanbul und weiter in die Niederlande, wo er in Amsterdam und Arnheim lebt. In dieser Zeit ersten Texte. Rückkehr nach Offenbach, dreiwöchige Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker abgebrochen. Betreibt Wettbüro und Aufnahme erster Lieder.
Ab 2010 Soloalben, Kritik wegen angeblich antisemitischer Textstellen („ticke Kokain an die Juden von der Börse“), Lied Free Palestine sowie Auftritt in Video, wo ein Mitstreiter mit Bazooka-Attrappe Freiheit für Palästina fordert. Haftbefehl gebe sich sich gern als jüdischer Teppichhändler Jakob Goldstein aus, um bei der Zimmerreservierung in Hotels eine bevorzugte Behandlung zu bekommen.
Ein Sohn.
Ihr Hurensöhne!



Kai-Uwe Hain * Karl-Marx-Stadt 1964 Elektriker, Bergführer, Segler, Unternehmer, DJ, Lyriker. Verwitwet, zwei Kinder, lebt in Chemnitz




Osterspaziergang 2020



Ferdinand Hardekopf (1876-1954) einige Pseudonyme, Journalist, Schriftsteller, Lyriker, Übersetzer.
Hochbegabter Sohn eines Textilkaufmanns, aufgewachsen in Varel, „stenografisches Wunderkind“, Abitur Thomasschule Leipzig, Studium Germanistik, Romanistik und Philosophie Leipzig und Berlin. Dort bald gefragter Kritiker, vor allem Varieté- und Theaterrezensent, seit seinem Studium auch Stenograf in Landtagen, 1904 bis 1916 Reichstag. 1916 geht der Pazifist Hardekopf in die Schweiz. Anfang der 1920er Jahre Rückkehr. Wandert 1922 nach Paris aus, als Übersetzer tätig (André Gide, Jean Cocteau).
Mit seiner späteren Frau, der Schauspielerin Sita Staub in Paris und an der Riviera. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs interniert, kommt dank des Einsatzes André Gides wieder frei, geht in Süden Frankreichs, 1946 übersiedelte Schweiz, 1954 gestorben in Psychiatrischer Klinik.
Literarisches Werk klein, vorrangig Lyrik und kleine Prosa (Paul Raabe: „heimlicher König des Expressionismus“) Experimentiert mit „bewusstseinserweiternden“ Drogen, Spuren dieser Erfahrungen z. B. in 'Speen' Als Dichter heute nahezu in Vergessenheit geraten.
Thomas Mann: "...Hardekopf ist, glaube ich, unser bester Übersetzer aus dem Französischen."
Im Fernseh-Dokudrama (2017) über den Reichstag spielt die Figur Hardeekopf als kritischer Beobachter der Parlamentsdebatten eine Hauptrolle.
Melancholie



Albrecht Haushofer (-1945) Privatdozent, Dichter In den letzten Kriegstagen hat ihn die Gestapo im Gefängnis Moabit erschossen. D Haushofers Vater war hoher Nazi, er war Professor, Erfinder der "Geopolitik", die Hitlers "Volk ohne Raum-Phrasen" wissenschaftlich begründen sollte. Albrecht Haushofer versucht den Nazis entgegenzuwirken, die ihn 1941 und 1944 verhaften und 23. April 45 erschießen, als die sowjetischen Armeen auf Berlin vorrücken und die Gefängnisaufseher ihr Opfer zusammentreiben und blindlings auf sie schießen, solange, bis sich keiner mehr rührt. Bei der Massenerschießung, der Haushofer zum Opfer fällt, überlebt wie durch ein Wunder ein Gefangener, der weiß, dass Haushofer Manuskripte in seiner Jacke eingenäht hatte. Und so findet man ein zerschossenes, blutverschmiertes 12-seitiges DIN-A4-Heft: die 'Moabiter Sonette.'
In Fesseln



Heinrich Heine (1797-1856), bedeutender Dichter, Schriftsteller und Journalist des 19. Jahrhunderts. Gilt als letzter Vertreter und zugleich als Überwinder der Romantik, der die Alltagssprache lyrikfähig macht, Feuilleton und Reisebericht zur Kunstform erhebt und der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit verleiht. Kaum ein Werk eines anderen Dichters bis heute wird so häufig übersetzt und vertont.
Als Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker bewundert wie gefürchtet. Im Deutschen Bund mit Publikationsverboten belegt, verbringt er seine zweite Lebenshälfte im Pariser Exil. Wegen seiner jüdischen Herkunft und politischen Haltung von Nationalisten über den Tod hinaus angefeindet.
Erlebt 1811 13Jährig den Einzug Napoleons in Düsseldorf. Heine verehrt den Kaiser zeitlebens wegen der Einführung des Code civil, seit 1804 inkraft, stellt Juden und Nicht-Juden gesetzlich gleich. Volontär in Bankhäusern von Verwandten, Studium der Rechts- und Kameralwissenschaft, Promotion, lässt sich evangleisch taufen und nimmt den Vornamen Christian Johann Heinrich an - was er später mehrfach bedauert.
Im Streit mit August Graf von Platen bezeichnet dieser ihn als „des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester“ (siehe Fundtück Dichterkrieg). Heine macht Platens Homosexualität publik.
Auch König Ludwig I. von Bayern wird Zielscheibe zahlreicher spöttischer Verse.
Die Harzreise wird ein erster großer Publikumserfolg.
Heine sah sich selbst als „entlaufenen Romantiker“, unterläuft aber den romantischen Ton ironisch, indem er sich über sentimental-romantische Naturergriffenheit lustig macht:
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! Sein sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.
Wegen seines Judentums, seiner politischen Ansichten und der Zensur zunehmend angefeindet übersiedelt er 1831 nach Paris, wo seine zweite Lebens- und Schaffensphase beginnt und ihm bei dem Versuch, den Deutschen Frankreich und den Franzosen Deutschland näher zu bringen, Analysen von prophetischer Qualität gelingen.
Heine genießt das Leben in der französischen Hauptstadt und tritt mit den dort lebenden Größen des europäischen Kulturlebens in Kontakt, so mit Hector Berlioz, Ludwig Börne, Frédéric Chopin, George Sand, Alexandre Dumas und Alexander von Humboldt.
Heine erkrankt, er selbst ist überzeugt an Syphilis. Er kann kaum noch schreiben und diktiert seine Verse und Schriften einem Sekretär.
Anfangs wollt ich fast verzagen



Johannes Heinrichs * Rheinhausen 1942, Sozialphilosoph, Semiotiker. Nach dem Abitur im Jesuiten-Noviziat Schloss Eringerfeld, Diplom in Theologie, Priesterweihe, Habilitation. 1977 Austritt Jesuitenorden und Verzicht auf Lehrstuhl. 1981 Wechsel zur altkatholischen Kirche, 1983 wieder ausgetreten.
Freier Schriftsteller (ca 40 philosophische Bücher, mehrere Gedichtbände) und Vortragsredner, Duisburg und Berlin, zeitweise im südindischen Auroville.
Auf dem Einband seiner Gedichtsammlung Abdruck eines Gemälde von Heinz Heinrichs, (einer von drei im 2. Weltkrieg gefallenen Onkeln von Heinrichs), das er als 22-Jähriger nicht lange vor seinem Tod 1944 an der Ostfront als stillen Protest gegen den Rassismus der Nazis malte. Zugrunde liegt das Gedicht Lenaus "Die Drei Zigeuner" (siehe 10. Feb.).
Heinrichs dichtet es 2012 "nach".
Drei Zigeuner





Georg Herwegh (1817 – 1875)
»Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch: nämlich gegen Gott, König und Vaterland"
Geboren in Stuttgart in ärmlichen Verhältnissen, auf Grund seiner Begabung und Armut der Eltern kommt nur eine Ausbildung als Pfarrer auf dem kostenlosen Tübinger Stift in Frage. Dort liest er Heine und Börne, die religionskritischen Schriften von David Strauß, beschäftigt sich mit Feuerbach und Marx, wird Linkshegelianer: »Das Wenige was ich bin, verdanke ich der Philosophie. Sie wird unsere Poesie verjüngen.«
Kurz nach dem 19. Geburtstag veweisen sie Herwegh wegen Schulden und Streitereien aus dem Tübinger Stift, Herwegh versucht, ein freies Literatenleben zu führen, wird aber zwangsrekrutiert. Dieser ’Gamaschendienst’ bei der Armee, wie er ihn nennt, wird ihm verhasst, und nachdem er einen Offizier beleidigt hat, flieht er vor der drohenden Strafe in die Schweiz, wo der junge Mann Gönner findet und - frei finanziellen Sorgen schreibt er sein erstes und wichtigstes Gedichtebuch: Die Gedichte eines Lebendigen, was einen gigantischen Erfolg hat. Schon bald sind über 40.000 Exemplare verkauft, für damalige Zeiten ungeheuerlich.
Die Lesereise des 25-jährigen 1842 durch Deutschland ist ein wahrer Siegeszug: Die Menschen, die unter Adel, Militär und Kirche leiden, bereiten ihm einen unbeschreiblicher Empfang. Karl Gutzkow: »Herwegh ist der Matador des Jahres 1842. Er ist jugendlich anziehend, mit Augen wie reife schwarze Kirschen, mit einer Haut wie ein Armenier und dem Riesen Antäus nicht unähnlich, der erstarkt, wenn er den Boden des Vaterlandes betritt.« Überall Festessen, man feiert ihn in Reden und Trinksprüchen, in Gedichten und bringt ihm Ständchen. Er lernte Karl Marx kennen, Robert Prutz, Michail Bakunin und andere, vor allem aber seine spätere Frau, die ein großes Vermögen mit in die Ehe bringt und seine Ideen teilt. Herwegh erhält auf dieser Reise sogar eine Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV, der zwei Jahre zuvor den Thron bestiegen hat und auf dessen Reformbestrebungen große Hoffnungen ruhen.
Die Audienz bringt nichts, im Gegenteil: Der König geht sehr grob mit Herwegh um, die Radikalen nehmen ihm die Audienz übel, beschimpfen ihn als Verräter, hätten ihn am liebsten gekreuzigt, die Reaktionäre sind empört, dass der König einen Revolutionär und Deserteur empfing. Herweghs Stern sank, um am Ende seines Lebens noch einmal zu erblühen. Er zieht sich zunächst wieder in die Schweiz zurück, geht dann nach Paris, wo er, finanziell unabhängig durch das große Vermögen seiner Frau, Naturwissenschaften betreibt. Die Februarrevolution 1848 rüttelt ihn in seinem politischen Gewissen wieder wach, der 31-Jährige setzt sich an die Spitze der deutschen Exil-Demokraten. Mit 700 von ihnen marschiert er schließlich in Richtung Deutschland, um dort eine Republik zu errichten. Schnapsidee? Sie zerstörte seine Reputation nun vollends. Heine (mit ihm war er in Paris befreundet:
Herwegh, du eiserne Lerche,/ Weil du so himmelhoch dich schwingst,/ Hast du die Erde aus dem Gesichte/ Verloren – nur in deinem Gedichte/ Lebt jener Lenz, den du besingst
Herwegh zieht sich erneut in die Schweiz zurück, widmet sich wieder wissenschaftlichen Studien, ist befreundet mit Liszt und Wagner, hatte eine Affäre mit der Frau seines Freundes Alexander Herzen, in deren Verlauf seine Ehefrau dennoch zu ihm hält, deren Vermögen durch einen recht aufwändigen Lebensstil langsam dahinschwindet. Herwegh schließt sich so immer enger an die entstehende Sozialdemokratie an, lernt dadurch Ferdinand Lasalle kennen, auf dessen Wunsch er 1863 das Bundeslied für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein schreibt, das Hans von Bülow, der Pianist und Dirigent (zu der Zeit noch mit der späteren Frau Richard Wagners, mit Cosima, der Tochter von Franz Liszt, verheiratet) vertont. 1871 im Siegestaumel des deutsch-französischen Krieges schreibt Herwegh ein Gedicht, in dem er sehr hellsichtig erkennt, wohin dieser Sieg gegen Frankreich uns Deutsche noch führen wird.
Der schlimmste Feind
Dies Volk, das seine Bäume wieder
Bis in den Himmel wachsen sieht
Und auf der Erde platt und bieder
Am Knechtschaftskarren weiter zieht.
Dies Volk, das auf die Weisheit dessen
Vertraut, der Ross und Reiter hält,
Und mit Ergebenheitsadressen
Frisch, fromm und fröhlich rückt ins Feld.
Es lässt gleich Kindern sich betrügen,
Bis es zu spät erkennt, o weh! –
Die Wacht am Rhein wird nicht genügen,
Der schlimmste Feind steht an der Spree.
Kurz vor einem 58. Geburtstag stirbt Georg Herwegh völlig verarmt in Baden-Baden.
Reiterlied



Hermann Hesse (1877-1962) Schwierigkeiten mit den pietistischen Eltern, nach Flucht, Aufenthalt in Nervenkliniken, verschiedenen Lehrberufen u.s.w. wird er mit 27 Dichter. Hesse ist eher bekannt als Prosadichter. Der Lyriker Hesse ist weitgehend traditionell. Dadaist Hugo Ball: »Hesse war einer der letzten Ritter der Romantik.« 1946 Nobelpreis. Mit 85 stirbt Hesse an Leukämie in der Schweiz, wo er schon fast 40 Jahre lebt. In den letzten Wochen seines Lebens sitzt er am Fenster und schaut auf den alten Baum vor seinem Fenster.
Knarren eines geknickten Astes





Jakob van Hoddis (1887-1942) (bürgerlich Hans Davidsohn) * Berlin
Vater kokainabhängiger Arzt, Mutter schöngeistig und überzeugt davon, dass aus Hans noch etwas Großes würde. Hans muss aber die Schule verlassen, weil er zu aufmüpfig ist. Verschiedene Studiengänge schlagen fehl. Dichter will er werden. Er schüttelt die Buchstaben seines Nachnamens Davidsohn durcheinander, wobei van Hoddis entsteht. Die wilhelminische Zeit war zum Kotzen, man nahm Drogen, schnüffelte Äther wie van Hoddis, versank im Sumpf der Großstadt. Die jungen Leute sehen zwar auf den Fotos, die wir von ihnen haben, noch ganz manierlich aus mit Anzug, Krawatte und weißgestärktem Kragen, aber in ihren Köpfen geht es drunter und drüber. Hoddis erfindet den Expressionismus gewissermaßen, hat schon Anklänge an Dadaismus und Surrealismus.
Mit dem ersten Gedicht der Aktionslyrik wie sie damals heißt, mit "Weltende" beeindruckt er seine Zeit:
»Meine poetische Kraft reicht nicht aus, um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis für uns in sich barg. Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten und von der wir nicht wussten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin. Wir riefen sie uns gegenseitig über die Straße hinweg zu wie Losungen, und wir schworen uns, eine Unruhe zu stiften, dass den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte und sie es geradezu als Gnade betrachten würden, von uns in den Orkus geschickt zu werden.« So Johannes R. Becher.
Und Gottfried Benn, schreibt ein paar Jahre vor seinem Tod: »Es war ein Aufstand an Emotionen mit Eruptionen, Extasen, Hass, neuer Menschheitssehnsucht und Zerschleuderung der Sprache, um die Welt zu zerschleudern. 1910 bis 1920: meine Generation, verlacht, verhöhnt, …. Auf kurzes Leben angelegt. Wir Dichter trugen unsere Fahne über Bastille, Kreml, Golgotha. Nur auf den Olymp gelangten wir nicht oder auf anderes klassisches Gelände.«
Drei Jahre, nachdem Jakob van Hoddis dieses Gedicht geschrieben hat, wird er in eine Nervenheilanstalt eingeliefert, dort muissbrauchen ihn Nazi-Ärzte bei Menschenversuchen, 1942 vergasen die Deutschen ihn im KZ.
Weltende



Friedrich Hölderlin (1770-1843), Sohn eines Klosterhofmeisters, der stirbt als er 2 ist. Die Familie zieht, nachdem die Mutter einen Weinhändler geheiratet hat in Nürtingen in ein repräsentatives Anwesen. Als Hölderlin 9 ist, stirbt auch der Stiefvater. Nach dem Studium Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien. In Jena lernt er Goethe, Schiller und Novalis kennen. Mit Isaac von Sinclairs bwohnt er ab 1795 ein Gartenhäuschen. ER verlässt Jena und taucht verwirrt und mit Zeichen der Verwahrlosung in Nürtingen auf. Susette Gontard die Frau eines Bankiers, wo er als Hauslehrer tätig ist, wird seine große Liebe. Als ihr Mann von der Beziehung eerfähert, flüchtet Hölderlin nach Homburg zu seinem Studienfreund Sinclair. Er leidet an schwerer „Hypochondrie“, geht in die Schweiz und nach Bordeaux. kehrt aus ungeklärten Gründen nach Württemberg zurück, verwahrlost und verwirrt, übersetzt Sophokles und Pindar, Sinclair verschafft ihm 1804 die Stelle des Hofbibliothekars
1805 läst der Kurfürsten von Württemberg Sinclair wegen Hochverrats verhaften. Die Ermittlungen gegen den angeblich darin verwickelten „württembergischen Untertanen“ Hölderlin wurden bald eingestellt, nachdem ein Arzt feststellt, Hölderlin sei zerrüttet und sein Wahnsinn in Raserei übergegangen. Er wird ins Tübinger Universitätsklinikum zwangseingewiesen, danach betreut von verschiedenen Personen betreut. stirbt 1843.
Hälfte des Lebens



Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616-1679). * Breslau und 63 Jahre später dort gestorben. Erlebt das Ende des 30jährigen Krieges als 32-Jähriger, Freund von Andreas Gryphius, der dichtet:
»Wir vergehen wie Rauch von starken Winden«, und Tränen um das geschundene Vaterland weint, so weint Hoffmannswaldau Tränen um die Geliebte:
Wer Epikur (also Leben ohne moralische Gewissensbisse, Leben der Freude, Ästhetik, Lust) nicht für seinen Lehrer hält, der hat den Weltgeschmack und allen Witz verloren.
Hoffmannswaldaus Gedicht etwa Die Wollust (im damaligen Sprachgebrauch die körperliche Liebe - ohne negativen Beigeschmack) ist ein Manifest der Lust, der körperlichen Liebe, der Sexualität, geschrieben während der Pest, der verbrannten Städte, des Hungers und des 30jährigen Krieges.
Zwischen diesen beiden Polen spielt sich menschliches Leben ab und es ist ein Zufall, zwei Dichter zu haben, die zur selben Zeit leben, beide nur wenige Kilometer voneinander entfernt, beide mit einem äußerlich ähnlichen Lebensweg: Dreißigjähriger Krieg, Schlesien, Studium in Leiden, beide Juristen, beide ausgedehnte Reisen in dieselben Länder, beide Politiker, beide hoch geachtet und dennoch innerlich so verschieden.
Hoffmannswaldau ist auch großer Satiriker.
Was ist die Welt?



Hugo von Hofmannsthal (1874-1929).
Sein Urgroßvater namens Isaak Löw, steinreich, beschäftigte durch Seidenraupenzucht und Pottasche-Herstellung in mehr als 30 Fabriken über 1000 Arbeiter und gab außerdem durch Heimarbeit über 50.000 Familien Lohn und Brot. 1835 erhebt ihn Ferdinand I. in den erblichen Adelsstand, er erhält den Namen Edler von Hofmannsthal. Sein Sohn, des Dichters Großvater, heiratet eine Italienerin und tritt zum Katholizismus über. Hofmannthals Vater ist Jurist, gilt als vornehm und gesittet, weltmännisch und gebildet, die Mutter als ängstlich, schwermütig und kränklich. Hugo ist das einzige Kind des Ehepaares. Hofmannsthal besucht eine der angesehensten Schulen Wiens als ständiger Klassenbester und gilt als Wunderkind. Er schreibt schon mit 16 Gedichte, die Aufsehen erregen, verkehrt inkognito unter dem Namen Loris Melikow in gehobenen Wiener Literatenkreisen, da ihm als Schüler so etwas verboten ist.
Stefan Zweig: »Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung. In der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat.«
Stefan George lernt er in Wien kennen. Dieser sucht ihn auf, da Hofmannsthal eine zwar distanzierte, aber doch lobende Kritik über Georges Gedichte geschrieben hat. Es entsteht eine 15-jährige Freund- und Feindschaft, ein Anziehen und Abstoßen, ein Verstehen und Missverstehen. Sicher auch bedingt durch Georges homoerotische Neigungen, die die äußerst romantische Erscheinung des 17-jährigen Hofmannsthal sicher noch gesteigert haben. Und durch eine latente Bisexualität, die er sicher auch vom Vater geerbt hat: »Du hast mich an Dinge gemahnet, die heimlich in mir sind.« George beendet die Beziehung, in der er, im Gegensatz zu Hofmannstahl, herrschen und verführen wollte, mit den Worten: »Bei mir stellt sich Trauer darüber ein, dass es kaum noch einen Punkt zu geben scheint, wo wir uns nicht missverstehen.« Hofmannsthal, im eigentlichen Sinne kein Lyriker sondern eher Theatermann, stirbt mit nur 53, zwei Tage nachdem sich sein Sohn Franz erschossen hat, auf dem Weg zu dessen Beerdigung.
Hofmannsthals Werke heute weitgehend nur noch bekannt durch seine Opernlibretti für Richard Strauss (Der Rosenkavalier, Die Frau ohne Schatten, Arabella oder Elektra) oder das Schauspiel Jedermann, seit 1920 Bestandteil der Salzburger Festspiele.
Was ist die Welt?



Arno Holz (1863-1929) * Ostpreußen, genannt »Vater der Moderne« wegen seines Eintretens für den Naturalismus. Holz hat keine reichen Eltern, kann das Gymnasium nicht beenden, kann nicht studieren und da er literarisch dem Neuen und nicht dem Gängigen verpflichtet ist, verdient er mit seiner literarischen Arbeit wenig. Er ist arm, Sammlungen müssen veranstaltet werden.
1893 Heirat mit Emilie Wittenberg, mit der er drei Söhne hat. 1926 Scheidung, Heirat mit Anita Gewelke.
Holz ist Theoretiker und Praktiker, der sich zum sozialkritischen Autor entwickelt, gefördert von Detlev von Liliencron. Sein Einfluss auf die moderne Sprachkunst ist enorm. Auf dem Theater setzt er den Naturalismus mit anderen zusammen durch und auch in der naturalistischen Lyrik geht er voran. Er zerstört den Reim, die Strophe und das feste Metrum. »Man revolutioniert eine Kunst nur, indem man ihre Mittel revolutioniert«. Holz erfindet die Formel: Kunst = Natur - x.
Als seine Hauptwerke gelten die gemeinsam mit Johannes Schlaf verfassten beiden Arbeiten Papa Hamlet (1889) und Die Familie Selicke (1890) sowie der Gedichtband Phantasus (1898). Gestorben in Berlin, wo er sein gesamtes Dichterleben zubringt.
Unvergessbare Sommersüße





Ernst Jandl (1925-2000) * Wien, wo er bis zum Lebensende lebt. Erst als Englischlehrer, dann als freier Schriftsteller und erfolgreicher Rezitator seiner eigenen Verse.
"ab 1952 erschienen meine gedichte in zeitschriften, 56 in einem buch, andere augen. 55 erfolgte, parallel zu privaten umwälzungen, die zuspitzung zu groteske und experiment. neue freunde, friederike mayröcker, artmann, rühm, regten an, stramm arp schwitters gertrude stein wurden angewandt, die möglichkeit zur publikation endete. 63 sammelte ich meine manuskripte und fuhr damit nach deutschland. in stuttgart traf ich reinhard döhl. er akzeptierte meine experimentellen gedichte und half mir, die isolation zu durchbrechen, in die ich geraten war."
Ab 1966 schreibt er, fußend auf Dadaismus, Surrealismus, aber auch auf Parodie und Satire, auf gesellschaftlichem Protest, Hintersinn und Unsinn, auf kabarettistischem Gag und Kalauer. Spätestens ändert er sich 1979, als sein erfolgreiches Theaterstück "Aus der Fremde" erscheint, seine Texte bitterer werden, voller Alterszweifel, voller Sarkasmus und Pessimismus.
Lichtung



Maria Janitschek 1859 - 19127 deutsche Schriftstellerin österreichischer Herkunft, schreibt zunächst unter Pseudonym Marius Stein
Geboren in Mödling, uneheliches Kind der Anna Tölk, wächst unter ärmlichen Bedingungen auf. Ausbildung in ungarischer Klosterschule. Mit 19 mit Mutter nach Graz, journalistische Tätigkeit. Mit 23 Jahren Heirat mit Hubert Janitschek, Professor für Kunstgeschichte, leben in Straßburg und Leipzig, 1893 Tod des Ehemanns, Berlin, München.
Identifiziert sich mit bürgerlichen Frauenbewegung. Art und Weise, wie sie die Liebes- und Eheprobleme der Frauen ihrer Zeit verarbeitet, als äußerst freizügig empfunden. 1889 erster Gedichtband 'Irdische und unirdische Träume', dort das heftig kritisierte Gedicht 'Ein modernes Weib'. 1909 Novellensammlung 'Die neue Eva in Deutschland' verboten. Émile Zola, Henrik Ibsen und Leo Tolstoi Vorbildcharakter, hat Faible für starke Frauenfiguren, die zu gnadenlosen Rächerinnen werden, sobald ihnen Unrecht angetan wird. In ihren epischen Werken geht sie vordergründig dem Dualismus zwischen der sinnlich und seelisch ausgerichteten Seite im Menschen nach.
Ein modernes Weib



Erich Kästner
Kurzgefasster Lebenslauf

Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren.
Er sitzt im All auf einem Baum und lacht.
Ich wurde seinerzeit als Kind geboren,
Eh ichs gedacht.

Die Schule, wo ich viel vergessen habe,
Bestritt seitdem den größten Teil der Zeit.
Ich war ein patentierter Musterknabe.
Wie kam das bloß? Es tut mir jetzt noch leid.

Dann gab es Weltkrieg, statt der großen Ferien.
Ich trieb es mit der Fußartillerie.
Dem Globus lief das Blut aus den Arterien.
Ich lebte weiter. Fragt mich nur nicht wie.

Bis dann die Inflation und Leipzig kamen:
Mit Kant und Gotisch, Börse und Büro,
Mit Kunst und Politik und jungen Damen.
Und sonntags regnete es sowieso.

Nun bin ich zirka 31 Jahre
Und habe eine kleine Versfabrik.
Ach, an den Schläfen blühn schon graue Haare,
Und meine Freunde werden langsam dick.

Ich setzte mich sehr gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
Die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.

Auch ich muss meinen Rucksack tragen!
Der Rucksack wächst. Der Rücken wird nicht breiter.
Zusammenfassend lässt sich etwa sagen:
Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.


Erich Kästner, 1899 in Dresden geboren, macht Kriegsabitur, arbeitet journalistisch für Zeitungen, Studium und Doktor in Leipzig, geht nach nach Berlin. Der erste Gedichtband und "Emil und die Detektive" erscheinen, dann Pünktchen und Anton, Das fliegende Klassenzimmer, Lyrik ... 1933 verbrennen die Nazis die Bücher des 34jährigen.
Seine Bücher werden verboten und aus den Bibliotheken entfernt. Im Ausland darf er publizieren, in Deutschland unter Pseudonym schreiben, er bleibt. Und 1945 ist nach 12 Jahren das Ende des tausendjährigen Reichs da. In seinen drei letzten Lebensjahrzehnten bis zu seinem Tod 1974 wird Kästner mit Ruhm und Ehre überhäuft. Präsident des Pen-Zentrums, Hans-Christian-Andersen-Medaille, Büchnerpreis, man liest seine Bücher auf der ganzen Welt und verfilmt sie.
Fußartillerie: namensgebend ist, dass die Bedienungsmannschaften der Fußartillerie im Unterschied zur fahrenden bzw. reitenden Feldartillerie nicht beritten waren, sondern zu Fuß marschierten. Nur das Geschütz sowie die Wagen für Munition und Material waren bespannt. Lediglich für schnelle Bewegungen auf dem Schlachtfeld saß die Mannschaft auf Protze und Geschütz auf. Zur Fußartillerie gehörte auch die ortsfeste Küsten- oder Festungsartillerie.
Der Januar



Heinz Kahlau (1931-2012) * Drewitz Lyriker. Nach Schulbesuch zunächst ungelernter Arbeiter in verschiedenen Berufen. 1949 geht er nach Berlin, studiert an der Akademie der Künste, wo ihn u.a. Bertolt Brecht als Meisterschüler unterrichtet. Ab 1956 freischaffend Lyrik, Prosa und Lieder veröffentlicht und als Drehbuchautor tätig.
Wegen kritischer Verse im Zusammenhang mit dem Ungarn-Aufstand 1956 droht ihm die Stasi Haft angedroht, er wird 1956 und 1964 IM, was er 1990 freiwillig bekennt. Er habe gehofft, dadurch der Verfolgung der Stasi zu entgehen. In dieser Zeit als IM entstanden den Bau der Berliner Mauer bejahende Gedichte.
Arbeitet auch mit der Rockgruppe Karat zusammen, Mitglied der FDJ, SED und später Die Linke, 1990 bis 1992 Bezirksverordneter der PDS in Berlin-Pankow.
Zu Lebzeiten erscheinen etwa 20 Bücher, sein bekanntestes Werk ist der Band Du, eine Sammlung von Liebesgedichten. Zu seinem 75. Geburtstag zieht er von Berlin auf die Insel Usedom.
Mehrfach verheiratet, darunter kurz mit der Schriftstellerin Gisela Steineckert.
FAZ: "... Werk Kahlaus speist sich aus einer Urform der Lyrik, der Panegyrik. Seit der Genieepidemie gerät in Vergessenheit, dass die wahre Wurzel der Poesie die Gebrauchslyrik war: panegyrischer Gesang, Memorieren historischer Schicksale, politische Überzeugungsarbeit. Das neue Ideal heißt Subjektivität - und damit Unbedeutsamkeit. Einer aber sträubt sich gegen leeres Virtuosentum: Der auflagenstärkste deutsche Dichter der Gegenwart ist ein wackerer Rhetoriker unter den Poeten.“ Kahlau sei stets dem Ideal des Sozialismus zugetan geblieben: „In der DDR schrieb er ohne falsche Scham, was geschrieben werden musste: Soldatenlieder, Traktoristengedichte, FDJ-Hymnen, engagierte Drehbücher, ein lobendes Poem über den Mauerbau, überhaupt Agitprop-Lyrik, aber auch kritische Kommentare und sehnsuchtsvolle Liebesgedichte. (...) Kahlau dichtet verständlich, doch nicht kunstlos: Die Form hilft stets, eine Idee zur Geltung zu bringen, statt wie so oft Belangloses zu verrätseln.“
Wie viel Erschütterungen erträgt ein Mensch?



Mascha Kaléko (1907 - 1975), geboren nichtehelich als Golda Malka Aufen im galizischen Chrzanów. Mascha Kaléko schreibt Großstadtlyrik mit ironisch-zärtlichem, melancholischem Ton, man nannte sie den „weiblichen Ringelnatz“ oder einen „weiblichen Kästner“. Ihre Gedichte werden als Chansons vertont und noch heute gesungen, z B. Gib mir deine kleine Hand .
Ihr Vater ist der ein jüdisch-russischer Kaufmann, ihre Mutte eine österreichische Jüdin. 1914 übersiedelt Mascha mit Mutter und Schwester nach Deutschland, um Pogromen zu entgehen. In Berlin verbringt Kaléko Schul- und Studienzeit. Ihr Vater adoptiert sie, sie erhält den Namen Mascha Engel. Bürolehre, Abendkurse in Philosophie und Psychologie, 1928 Heirat mit Saul Aaron Kaléko. Bekanntschaft mit Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz, 1929 erste Kabarett-Gedichte. Heidegger 1959 über ihr Lyrisches Stenogrammheft: "Ihr ‚Stenogrammheft‘ sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“ 1933/1934 studiert Kaléko Werbungs- und Publicity-Schreiben. 1938 Ehe mit Saul geschieden, sie heiratet den jüdisch-polnischen Komponisten Chemjo Vinaver.
Die Nazis verbieten ihre Bücher als „schädliche und unerwünschte Schriften“, sie emigriert 1938 in die USA, lebt 1942 bis 1957 in Greenwich Village.
Rowohlt verlegt erfolgreich ab 1956 ihre Werke, sie kehrt nach Westdeutschland zurück, wo sie als Alibifrau fungiert - die Gesellschaft will sich nicht ernsthaft mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Als Kaléko der Fontane-Preis verliehen werden soll und sie erfährt, dass der ehemalige SS-Standartenführer Hans Egon Holthusen in der Jury sitzt, lehnt sie die Nominierung ab. Herbert von Buttlar wirft ihr Verbreitung falscher Gerüchte vor: "Wenn es Emigranten nicht gefällt, wie wir hier die Dinge handhaben, sollten sie fortbleiben." Im selben Jahr wandert sie nach Jerusalem aus, wo sie unter der sprachlichen und kulturellen Isolation sehr leidet, enttäuscht und einsam lebt. 1968 stirbt ihr Sohn in New York, 1973 ihr Mann.
1974 besucht Kaléko Berlin und denkt in ihrem Vortrag darüber nach, neben ihrem Domizil in Jerusalem auch eine kleine Wohnung in Berlin zu nehmen, um in dem Ort zu leben, an den sie glückliche Jugenderinnerungen besizt. Auf dem Rückweg stirbt sie in Zürich an Magenkrebs.
Kompliziertes Innenleben



Anna Louise Karsch (1722–1791) * Schlesien in untersten Verhältnissen, mit 5 stirbt der Vater, Mutter gibt sie daraufhin zu einem Onkel, Pfarrer, der ihr an Hand der Bibel und der Kirchenlieder Lesen und Schreiben beibringt. Als die Mutter wieder heiratet, muss sie Kinder und Kühe hüten, und liest nur noch heimlich Volksbücher und Märchen.
Mit 15 an einen Weber verheiratet, der sie quält und erniedrigt und als sie mit dem dritten Kind schwanger ist, wirft er sie auf die Straße. Sie heiratet den Schneider Karsch, mit dem sie 4 Kinder hat und der sich als Alkoholiker entpuppt. Sie muss sich und ihre Kinder selbst durchbringen. Sie kann das, weil sie aus dem Stegreif Gedichte erfindet. Sie zieht mit ihren Kindern an der Hand sommers wie winters durch Schlesien, geht von Hochzeit zu Hochzeit, von Taufe zu Taufe, von Fest zu Fest und macht an Ort und Stelle Gedichte auf die jeweils gefeierte Person. Sie bekommt zu essen, manchmal kleine Geschenke, wenig Geld. Da sie ihre Kinder nicht ausreichend kleiden kann, erfrieren ihr in einem Winter zwei Kinder an den Händen.
Soldaten Friedrichs II. werden auf sie aufmerksam, ihr Talent hat sich bis nach Berlin herumgesprochen. 1761 holt man sie dorthin, Anna Louise Karsch wird zur Sensation der Berliner Salons. Der Adel reißt sich um sie, man delektiert sich an ihrer Kunst, aus dem Stegreif Gedichte machen zu können. Sie ist die Naturdichterin, die neuerstandene Sappho. Man überhäuft sie mit Geschenken. sie genießt dieses neue Leben, ohne das alte zu vergessen.
Anna Louise Karsch verliebt sich in den berühmten Dichter Gleim, leider homosexuell. Er gibt 1764 ein Buch mit ihren Gedichten heraus, das einen sensationellen Erfolg erzielt. 2.000 Taler Honorar (etwa 100.000 €), das höchste Honorar, das jemals bis dahin für ein Buch gezahlt worden ist.
Anna Louise Karsch, heute fast in Vergessenheit geraten, ist der erste dichtende Mensch Deutschlands, der von seiner schriftstellerischen Arbeit ausschließlich leben kann.
Der preußische König schenkt ihr sogar ein Haus in Berlin.
Ihre Tochter Louise von Klenke und ihre Enkelin Wilhelmine von Chézy, von Heine im Wintermärchen unsterblich gemacht, sind beide ebenfalls erfolgreiche Schriftstellerinnen.
Lob der schwarzen Kirschen



Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) (ihr Dichtername)
Als eine ewige Autobiographin, eine im eigenen Umkreis befangene Schreiberin, werde ich, wenn überhaupt, in die Literaturgeschichte eingehen, und mit Recht. Denn meine Erfindungsgabe ist gering. Ich sehe und höre, reiße die Augen auf und spitze die Ohren, versuche, was ich sehe und höre, zu deuten, hänge es an die große Glocke.
Marie Luise von Holzing-Berstett, 1901 in Karlsruhe geboren, in Berlin und Potsdam als Tochter eines preußischen Generals aufgewachsen, lernt in Weimar und München Buchhändlerin und geht ab 1924 nach Rom, wo sie 25-jährig Freiherrn Guido von Kaschnitz-Weinberg kennen und lieben lernt. Er ist Archäologe und seine wechselnden Lehrstühle bestimmten ihre Wohnorte: Königsberg, Marburg, Frankfurt am Main. Während der Nazidiktatur dichtet Marie Luise Kaschnitz, veröffentlicht aber nicht. Erst danach erscheinen ihre Erzählungen und Gedichte.
Einen tiefen Einschnitt bedeutet der Tod ihres Mannes 1958, den sie um 16 Jahre überleben soll. Erst gegen Lebensende entwickelt sie ihre unnachahmliche Technik "Kargwort neben Kargwort" zu stellen. In Frankfurt hält sie an der Universität Vorlesungen über Poetik und macht Studentinnen und Studenten zu "praktischen Mitwissern", lässt sie Einblick gewinnen. Sie stirbt in Rom.
Hiroshima



Alfred Kerr (1867-1948) Berühmter Theaterkritiker, Dichter.
Geboren in Breslau, in vielen Funktionen vom Ausland her gegen den Faschismus gearbeitet. Am Tag seiner Rückkehr nach Deutschland am 12. Oktober 1948 im Hamburger Hafen, vor Freude und Aufregung wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben, gestorben an einem Schlaganfall.
Die Illegalen







Sarah Kirsch (1935-2013) Geboren als Ingrid Bernstein in Limlingerode im Harz, in Halberstadt aufgewachsen. Vater Rundfunkmechaniker, Großvater Pfarrer. Forstarbeiterlehre, Biologiestudium. Heirat mit Rainer Kirsch, ab da Künstlername Sarah Kirsch. 1963 bis 1965 Studium am Leipziger Literaturinstitut. 1965 erhält das Paar je die Erich-Weinert-Medaille für das gemeinsame Buch "Gespräche mit den Sauriern". 1968 Scheidung, Sarah Kirsch zieht mit ihrem Sohn nach Ostberlin, 1977 als Mitunterzeichnerin des Biermann-Briefes aus der DDR ausgebürgert.
Westberlin, dann igelt sie sich in Tielenhemme, einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein ein. 1980 (zusammen mit Günter Grass, Thomas Brasch und Peter Schneider) Aufruf in offenem Brief an Bundeskanzler Schmidt zu einer kritischen Haltung gegenüber US-amerikanischer Außenpolitik. Seit 1996 Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel.
Legende über Lilja



Karin Kiwus * Berlin 1972. Studium der Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaft FU Berlin. Lehrbeauftragte, Verlagslektorin; Lyrikerin
1976 ihr erste Gedichtband: Von beiden Seiten der Gegenwart Wolfgang Hildesheimer, Karl Krolow und Helmut Heißenbüttel begeistern sich für ihre Gedichte, Heinz Ludwig Arnold: »Soweit ich sehe, ist Karin Kiwus, vielleicht dank ihrer Unbefangenheit, die einzige Lyrikerin, der es gelungen ist, zwischen den Erkenntnissen der siebziger Jahre und der großen lyrischen Tradition zu vermitteln: beide zu verbinden in einem neuen Ton, der auch neue Maßstäbe setzt.« Gesamtausgabe der Gedichte: Das Gesicht der Welt
Im ersten Licht



Klabund (1890-1928)(bürgerlich Alfred Henschke). Geboren in Crossen an der Oder (heute Krosno Odrzanskie). Mit 16 Lungentuberkulose, zur damaligen Zeit Todesurteil.
1911 Studium in München der Pharmazie, 1917 lernt er den 8 Jahre jüngeren Bertolt Brecht kennen, in Medizin immatrikuliert. Beide studieren nur sehr vage, widmen sich ihren Dichtungen, treten zusammen auf, singen ihre Gedichte zur Gitarre, auch im 'Simpl', wo Ringelnatz Hausdichter ist. Manchmal gesellt sich Karl Valentin oder Frank Wedekind dazu, manchmal die Schauspielerin Carola Neher, Klabunds zweite Frau, die in Brechts Dreigroschenoper die Polly singt, für die Klabund das Gedicht Kukuli schreibt.
Mit 20 hat sein Dichterleben begonnen, das 20 Jahre dauert, als er stirbt. Während dieser Zeit nennt er sich Klabund, eine Verbindung aus Klabautermann und Vagabund, bringt in dieser Zeit 70 Bücher zu Wege, d.h. alle 3, 4 Monate ein Buch. 25 Dramen, 14 Romane, 21 Gedichtbände, dazu Erzählungen und Nachdichtungen meist chinesischer Lyrik. Ein Wettlauf mit dem Tod durch meist südliche Sanatorien.
In einem lernt er seine erste Frau kennen, die nach kurzer Ehe bei Geburt des ersten Kindes stirbt. »Mit dem Kinde habe ich sie getötet. Meine höchste Seligkeit wurde meine tiefste Schuld.«
Gottfried Benn nennt ihn in der der Totenrede einen »sich selbst verzehrenden, genialischen Künstler.«
Carola Neher flieht 1933, 5 Jahre nach Klabunds Tod vor den Nazis in die UDSSR, wo Stalins Schergen sie als "Agentin" zu 10 Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilen und wo sich ihre Spur im Dunkel verliert.
Liebeslied



Wilhelm Klemm (1881-1968) * Leipzig. Mediziner, Kriegsteilnehmer, Verleger, Lyriker.
Sohn des Kommissionsbuchhändlers Otto Klemm, Geschwister: Otto Klemm, Vertreter der Leipziger Schule der Gestaltpsychologie, Annemarie Jacob, expressionistische Malerin.
Thomasschüler, Medizinstudium, Dr. med. 1908 Übernahme der väterlichen Buchhandlung. Verheiratet mit Erna Kröner 4 Söhne (2 gefallen), 1947 geschieden. 1914 bis 1918 Regimentsarzt an der Westfront. 1948 zweite Ehe mit Ilse Brandt, 1 Tochter. Tod in Wiesbaden.
Der Autor gerät nach 1945 in Vergessenheit. Rezeption des Werkes beginnt 1961 zu seinem 80. Geburtstag.
An der Front



Andreas Kley *1955







Der Schoible



Theodor Körner (1791-1813), Dichter und Dramatiker, berühmt durch seine Dramen für das Wiener Burgtheater und besonders durch seine Lieder in den antinapoleonischen Befreiungskriegen. Als „Sänger und Held“ im Lützowschen Freikorps gefallen, wird er zur patriotischen Identifikationsfigur.
* Dresden als Sohn eines Oberappellationsgerichtsrats, Freund und Förderer Schillers, der eine Zeit lang bei Körners wohnt. Neben Schiller bestehen enge Kontakte zu Goethe, Heinrich von Kleist, dem Grafen Friedrich Leopold von Geßler, Christoph Friedrich Nicolai, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Novalis und den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Körner verfügt über musikalisches und zeichnerisches Talent. Studium an der Bergakademie Freiberg, fährt in Bergmannstracht unter Tage und fühlt sich bei der harten Arbeit der mächtigen Natur verbunden. Fußreisen zur Burg Gnandstein, über das Elbsandsteingebirge ins Böhmische Mittelgebirge und ins Riesengebirge. Eine reichliche Auslese von Naturgedichten ist die Folge. Universität Leipzig, beginnt Geschichte und Philosophie zu studieren, wechselt 1811 nach Berlin, dann Wien.
Schauspiele für das Burgtheater, k. k. Hoftheaterdichter, wo er Ludwig van Beethoven trifft. 1813 als prominenter Dichter Eintritt ins Lützowsche Freikorps.
Das Gedicht "Frisch auf" schreibt er in jugendlicher Verwirrung.
Frisch auf, mein Volk!



Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner) (1894-1943) Lyrikerin, Schriftstellerin
Erst ihr Nachlass offenbart: Gertrud Kolmar ist eine der größten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten ist ihr Werk größtenteils ungedruckt – denn sie war Jüdin. Sie ist nicht bereit, aus Deutschland wegzugehen. Denn ihr alter, kranker Vater, hochdekoriert als Offizier im 1. Weltkrieg, ist der Meinung, dass Deutsche sich nicht an einem deutschen Soldaten vergreifen werden und die Tochter will ihn nicht im Stich lassen. So gehen sie gemeinsam ins Gas. Ihre Lyrik überlebt, denn ihre Manuskripte hat sie in der Schweiz gesichert Deutschlandfunk 2019.
Gertrud Kolmar ist die Tochter des Rechtsanwaltes Ludwig Chodziesner und seiner Frau Elise (Cousine von Walter Benjamin). Sie wächst im Charlottenburger Westend auf, besuchte nach mehreren privaten Berliner Mädchenschulen eine haus- und landwirtschaftliche Frauenschule bei Leipzig, lernt Russisch und erwirbt Diplom für Englisch und Französisch. Zu dieser Zeit hat sie Liebesbeziehung mit Offizier, die mit einer Abtreibung und anschließender Trennung endet. Sie erleidet schwere Traumata.
1917 erster Gedichtband, Erzieherin in verschiedenen Berliner Familien, Studienreise nach Frankreich mit Aufenthalten in Paris und Dijon. 1928 erkrankt die Mutter schwer, Gertrud Kolmar arbeitet als Sekretärin für ihren Vater, um seinetwillen bleibt sie nach 1933 in Deutschland, während ihre Geschwistern flüchten.
Ab 1936 darf sie nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren. Ihr dritter Gedichtband 'Die Frau und die Tiere' von 1938 wird nach der Reichspogromnacht mit Auflösung der jüdischen Buchverlage verramscht. Familie Chodziesner ist im Zuge der verschärften Judenverfolgung zum Verkauf ihres Hauses und Umzug in eine Etagenwohnung in einem Judenhaus gezwungen.
Ab 1941 leistet Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie. Ihren Vater depoertieren die Nazis 1942 ins Ghetto Theresienstadt, er stirbt dort im Februar 1943. Gertrud verhaftet die SS am 27. Februar 1943 und deportiert sie ins KZ Auschwitz. Von den etwa 1500 Berliner Juden, die in Auschwitz ankommen, registriert die SS nach der Selektion an der 'Alten Rampe' 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähig“ , die übrigen etwa 820 Deportierten, darunter Gertrud Kolmar, ermorden die Wärter vermutlich sofort in der Gaskammer.
Ich werde sterben



Hans-Peter Kraus * 1965 in einer Stadt, die es nicht mehr gibt, lebt seit 1996 in Essen an der Ruhr. Nach einigen beruflichen Wirren Webdesigner und Texter. Er entdeckt Haiku Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends, einige Webseiten unter dem Titel HaikuHaiku, mit reger Besucherbeteiligung. Seine aktuelle Website: www.ziemlichkraus.de.
2014 „Freund Hain – Die einzig wahre Geschichte seiner Freundschaft mit dem Dichter Matthias Claudius", 2018 Die Fesselung ist immer und überall (tolles Schachbuch)
Ein Soldat stirbt nicht



Quirinus Kuhlmann (1651-1689) Ob er ganz normal war? Sein Ende in Moskau jedenfalls ist grässlich: Man brennt ihm glühende Kreuze in den Rücken, foltert und verbrennt ihn öffentlich.
In seiner Vaterstadt Breslau besucht der Sohn eines Kaufmanns das Gymnasium. Als kränkliches Kind - es hat auch Probleme beim Sprechen - verbringt er viel Zeit in der Stadtbibliothek, hat erste Visionen (glaubt, zwei Engel an seiner Seite zu haben).
Aufgrund einer Sonettensammlung wird er zum kaiserlichen Poeta laureatus erhoben, findet einen adligen Gönner.
Kuhlmann studiert Jura in Jena, weitere Gedichtbände verbreiten seinen Ruhm als Dichter. In der Jenaer Zeit beginnt sein Hauptwerk, "Der Kühlpsalter". 1673 Leiden. Unter dem Einfluss Jacob Böhmes sagt er dem Luthertum den Kampf an. Wegen seiner öffentlichen Auftritte weist ihn Leiden aus, er geht nach Amsterdam. Missionarischen Versuche führen ihn über Lübeck und Hamburg nach London.
Er entwickelt die Lehre der „Kühlmonarchie“, worin er die Funktion eines neuen Gottessohnes innehat. 1678 Paris, dann Konstantinopel. In London 1682 Hierat mit Mary Gould, die nach 4 Jahren stirbt. Reisen in die Schweiz, nach Troja, Berlin. 1687 2. Heirat, eine Tochter, die im Kindesalter stirbt.
1689 machte er sich auf, die Kirche Russlands zu missionieren. Ein lutherischen Pastor denunziert ihn, Verhaftung und Ende.
54. Kühlpsalter Teil 1



Günter Kunert (1929-2019) Lyriker und Schriftsteller. Sein Werk behandelt vor allem die beiden deutschen Staaten in der Zeit der Teilung, das heißt die Kompliziertheit ihrer Wechselbeziehungen und ihre unterschiedlichen Befindlichkeiten, sowie dann das wiedervereinigte Deutschland.
Mutter Jüdin, deswegen ist es ihm auf Grund der NAZI-ischen Rassengesetze nicht möglich, die höhere Schule zu besuchen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges Studium Ost-Berlin Grafik, Abbruch. 1948 Eintritt SED, er lernt Bertolt Brecht und Johannes R. Becher kennen. 1972/73 Gastdozent an der University of Texas in Austin, 1975 an der University of Warwick in England. 1976 Unterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Entzug der SED-Mitgliedschaft. 1979 mehrjähriges Visum, er verlässt die DDR geht mit seiner Frau nach Kaisborstel bei Itzehoe, wo er bis zuletzt als freier Schriftsteller lebt. Einer einer der vielseitigsten und bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller. Neben Lyrik Kurzgeschichten (Parabeln) und Erzählungen, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen und Satiren, Märchen und Science-fiction, Hörspiele, Reden, Reiseskizzen, Drehbücher, usw.
Tritt auch als Maler und Zeichner hervor.
Unterwegs nach Utopia II



Isolde Kurz 1853 - 1944 deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin
Zweites von 5 Kindern und einzige Tochter des Schriftstellers und Bibliothekars Hermann Kurz. Marie Kurz unterrichtet ihre Tochter selbst. 1859 zieht Familie nach Oberesslingen. Tod des Vaters 1873, Isolde geht nach München, um dort ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und Sprachunterricht zu bestreiten. Ein Jahr darauf mit Mutter und dem jüngsten Bruder nach Italien, wo sich Bruder in Florenz als Arzt niedergelassen hat. 1890 "Florentiner Novellen". Im Seebad Forte dei Marmi lernt sie Eleonora Duse und den Schriftsteller Gabriele D’Annunzio kennen. 1905 bis 1911 abwechselnd in München und Forte dei Marmi.
1911 kehrt Jugendfreund Ernst von Mohl als Witwer aus Russland zurück und bis zu seinem Tode 1929 Lebensgefährte. 1912 Reise nach Griechenland. 1933 in die Preußische Akademie der Künste berufen. Kurz hat in Nazizeit kaum Schwierigkeiten, sich auf den ‚neuen Geist‘ einzuschwingen. Schreibt auf Druck des Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst Eloge zum 50. Geburtstag des Führers. 1943 aus Joseph Goebbels’ Hand die Goethe-Medaille.
Nein, nicht



Else Lasker-Schüler (1869-1945)
»Ich bin in Theben in Ägypten geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging bis ich 11 war zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich."
Else Lasker-Schüler hat ihr Leben immer mystifiziert. Sie macht sich 7 Jahre jünger. Ihr Eltern stammen aus großen jüdischen Handwerker- und Geldwechsler-Familienverbänden, sie hat 4 ältere Geschwister. 1894, vier Jahre nach dem Tod der Mutter, heiratet sie in Wuppertal den Berliner Arzt Bertold Lasker, Bruder des damaligen Schachweltmeisters. Nach einigen Monaten siedeln sie nach Berlin über. Ihr Mann richtet ihr ein Atelier ein, wo sie zeichnet und fotografiert. Sie genießt das Großstadtleben, sitzt im Cafe des Westens, der berühmten Berliner Künstlerkneipe, beginnt Beziehungen zu anderen Männern, auch zum Vater ihres einzigen Kindes, dessen Namen sie nie verrät. Sie verlässt ihren Mann, verarmt völlig.
Den Sohn bringt sie im Hörsaal - Anschauungsobjekt für Studenten - zur Welt. Sie ist 30, die ersten Gedichte erscheinen und ihr Dichterinnenleben beginnt. »Zu der Zeit, als ich die Gedichte meines ersten Buches Styx schrieb, hatte ich meine Ursprache, ein mystisches Asiatisch wieder gefunden. Noch aus der Zeit Sauls, des königlichen Wildjuden herstammend. Ich verstehe sie heute noch zu sprechen, die Sprache, die ich wahrscheinlich im Traume einatmete.«
Elbanaff
Min salihihi wali kinaha
Rashi hatiman
Fi is bahi lahu fassunMin hagas assama anadir,
Wakan liachad abtal,
Latina almu ligadina binassre.
Wa min tab ihi
Anahu jate lahu
Wanu bilahu
Asama ja saruh
Fi es supi bila uni
El fidda alba hire
Wa wisuri-elbanaff!

Else Lasker-Schüler wirkt irritierend auf ihre Mitmenschen, die ihr auch schon mal »Hepp, hepp, Juda verreck« hinterherrufen, In der kommuneartigen Wohngemeinschaft mit mehreren Künstlern um den Kunst-Guru Peter Hille (in den sie auch eine zeitlang verliebt ist) lernt sie Georg Levin, ihren zweiten Mann (9 Jahre jünger) kennen, ein Musiker, dem sie später den Namen 'Herwarth Walden' gibt, und der einer der wichtigsten Kunst- und Kulturförderer der Weimarer Republik und Herausgeber der Zeitschrift Der Sturm wird. 1903 Heirat, nach 8 Jahren ist die Ehe zu Ende, Waldens Lebensweg, der als linker Jude in die Sowjetunion emigiert, verläuft sich in Stalins Lagern.
Verblüffend sind ihr vielen Kontakte zu den Künstlern der Zeit. Max Brod, Martin Buber, Theodor Däubler, Ida, Paul und Richard Dehmel, Alfred Döblin, Tilla Durieux, Jürgen Fehling, George Grosz, Maximilian Harden, Gerhart Hauptmann, John Heartfield und dessen Bruder Wieland Herzfelde, Friedrich Holländer, Alfred Kerr, Oskar Kokoschka, Karl Kraus, Gustav Landauer, Franz Marc, Erich Mühsam, Otto Pankok, Max Pechstein, Max Reinhardt, Ernst Toller, Georg Trakl, Paul Wegner, Franz Werfel und Paul Zech.
Für ihren Geliebten Gottfried Benn, 17 Jahre jünger, schreibt sie ihr vielleicht schönstes Gedicht: "Ein alter Tibetteppich" und für ihn ist sie die »größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte«, für Karl Kraus »die stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland«.
Ab 1911 hat sie nie mehr eine Wohnung. In Hotels, Mansardenbuden oder Kellern lebt sie die letzten 34 Jahre ihres Lebens ruhelos. Als Nazis sie 1933 mit einer Eisenstange auf offener Straße bedrohen und niedergeschlagen, fährt sie mit dem erstbesten Zug nach Zürich, wo sie niemanden kennt, schläft auf der Parkbank, sechs Tage später greift sie die Fremdenpolizei entkräftet, halb erfroren auf. Nach dem Bericht in den Zeitungen melden sich Freunde und versorgen sie.
Ständig von Schweizer Polizeispitzeln aufgesucht, ist sie lediglich geduldet, darf ihren Beruf nicht ausüben, keinem Erwerb nachgehen und da sie immer neue Aufenthaltsgenehmigungen braucht, muss sie immer wieder die Schweiz verlassen. In ihrem Exil ist sie 'Hotelaufenthalterin', 'Rubrikantin', 'Gesuchstellerin', 'Petentin', 'Obgenannte'. Dreimal reist sie nach Palästina, beim dritten Mal 1939, beginnt der 2. Weltkrieg, sie kann nicht mehr zurück und lebt bis zu ihrem Tode in Jerusalem, wo sie Mülleimer nach Essbarem durchstöbert, an Sohn Paul denkt, der 1927 an Lungentuberkulose starb.
Mein blaues Klavier heißt der letzte Lyrikband der 74jährigen Dichterin, 1943 erschienen in einer Auflage von 330 Exemplaren als Privatdruck.
Im Sechstagekrieg 1968 wird ihr Grab zerstört und ihr Grabstein umgeworfen.
Die Verscheuchte



Christine Lavant (1915-1973) * als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau, einer Flickschneiderin. Sie nennt sich nach dem Fluss ihrer Kärntner Heimat Lavant und ist wie die Mutter Stickerin. Als Bergmannskind besucht sie lediglich die Volksschule. 1939 heiratet sie den 30 Jahre älteren Josef Habernig. Über ihr Schreiben sagt sie: "Das Schreibenkönnen kommt nur als Zustand über mich und führt dann aus, was weder in meinem Gehirn noch in meinem Gemüt je wissentlich geplant worden ist. Sobald der besagte Zustand nachlässt, verfalle ich einer unschöpferischen Schwermut, die nichts mehr will als den Tod."
Lavant zeitlebens mit einer stark angegeriffenen Gesundheit und verfasst viele Prosawerke.
Würdigung der Bayerischen Akademie 1963: "Bei ihr zum ersten Mal darf sie sich ganz aussagen, die mit Zauberkräften begabte und geschlagene Kreatur, in Hexenliedern, Beschwörungen, Fluch- und Segenssprüchen. Dass dies alles mit heutigen Mitteln, mit den Worten und den Bildern unserer Stunde gelingt, ist fast ein Wunder zu nennen"
Ich bin sehr reich



Nikolaus Lenau (1802-1850) * in Ungarn, gestorben bei Wien in einer Nervenheilanstalt. Der wirkliche Name des österreichischen Dichters ist Nikolaus Edler von Strehlenau.
Der Vater - spielsüchtig, verlässt die Familie. Lenau, ein Mensch voller Unruhe, studiert Philosophie, Landwirtschaft und Medizin, wandert für ein Jahr in die USA aus, kommt zurück, schließt sich der Schwäbischen Dichterschule um Ludwig Uhland und Gustav Schwab an, lebt abwechselnd in Stuttgart oder Wien (wo er eine öffentliche Affäre mit der Ehefrau seines Freundes hat), bis er sechs Jahre vor seinem Tod körperlich und seelisch zusammenbricht. Geistig völlig umnachtet stirbt er.
Lenaus Melancholie mündet aber 1832 bis 1844 in eine kreative Schaffensphase mit einem umfangreichen Werk.
Drei Zigeuner



Heinrich Lersch (1889-1936) Kesselschmied, Arbeiterdichter. Erlernt vom Vater das Kesselschmiedhandwerk, geht auf Wanderschaft. Erster Weltkrieg Kriegsfreiwilliger.
Der Refrain seines Gedichtes „Soldatenabschied“ macht ihn 1914 als Kriegslyriker bekannt: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!“ Wegen der Folgen einer Verschüttung (Asthma, nervöse Magenbeschwerden) ab 1915 dienstuntauglich. Führt die Kesselschmiede seines Vaters bis 1924, wegen Lungenleiden aufgegeben. Erholungsaufenthalte 1926 Davos, 1926 bis 1928 sowie 1931 auf Capri und 1931 Griechenland. Als Schriftsteller Autodidakt, gilt neben seiner sozialistischen Ausrichtung als Vertreter eines katholisch geprägten Expressionismus.
1933 unterzeichnet er unter 88 Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler. 1935 Eintritt NSDAP, Tod mit 46 Jahren an Lungen- und Rippenfellentzündung.
Lersch beschreibt in die Härte des Arbeiterdaseins, aber auch politische Themen, in einigen Gedichten verherrlicht er den Nationalsozialismus.
Slim singt: „Deutschland muß sterben, damit wir leben können“
Ich glaube an Deuschland!



Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781). * in Kamenz als drittes von 12 Kindern eines Pfarrers. Die berühmte Fürstenschule St. Afra in Meißen verlässt er als Primus. Studiert in Leipzig Theologie und später Medizin, beschäftigt sich aber vornehmlich mit Philosophie und Literatur, verspottet die Herrschenden und trinkt dabei Wein. Mit 22 beendet er das Studium, schlägt sich als Journalist in Berlin und als Kritiker und Dramaturg in Hamburg durch. Das Geld reicht nicht aus, um seinen nicht unaufwändigen Lebenswandel, seine Spielleidenschaft, seine ausschweifenden Bücherkäufe, usw. zu finanzieren, oder auch noch eine Familie zu ernähren.
Er nimmt mit 41 die Hofbibliothekarsstelle in Wolfenbüttel an, verlobt sich ein Jahr später mit Eva König, die er erst 5 Jahre später heiraten kann, als sie den nicht unerheblichen Besitz ihres verstorbenen Mannes zu Geld gemacht hat. Das erste Kind stirbt einen Tag nach der Geburt.
Lessing an einen Freund: »Ich ergreife den Augenblick, da meine Frau ganz ohne Besinnung liegt, um Ihnen für Ihren gütigen Anteil zu danken. Meine Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte so viel Verstand! So viel Verstand! – Glauben Sie bitte nicht, dass die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. – War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen musste? Dass er so bald Unrat merkte? – War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? – Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen! Aber es ist mir schlecht bekommen.«
Und 14 Tage soäter: »Meine Frau ist tot und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, dass mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht.«
3 Jahre später, gerade 52, stirbt Lessing, berühmter Bühnenschriftsteller: 'Nathan der Weise' und 'Minna von Barnhelm'.
Der über uns



Detlev von Liliencron 1844 - 1909 Lyriker, Prosa- und Bühnenautor
Er hat die Lyrik seiner Zeit mehr als jeder andere beeinflusst. Geboren in Kieln. Vater Zollverwalter, Mutter amerikanische Generalstochter. Seine Eltern gehören zum verarmten Adel, denn sie sind von der freiherrlichen Erbfolge ausgeschlossen, da der Großvater eine Leibeigene geheiratet hat. So wird der 19-jährige Detlev Soldat und da er adlig ist, auch gleich Offizier. Ein Jahr später nimmt er am Feldzug gegen Polen teil. Und im Krieg gegen Österreich, 1866, wird er, ebenso wie vier Jahre später im deutsch-französischen Krieg ehrenhaft verwundet.
Das macht seine Sprache dichter, knapper. Das Grauen des Krieges wird ungemütlich. Nicht mehr wie es bei Geibel heißt: "Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen." 1875, mit 31, verlässt er das Militär. Nicht freiwillig, sondern weil er immense Schulden hat und weil er Spieler ist. Und weil er sich immer noch auf Grund seiner Herkunft als adliger, freiherrlicher Großgrundbesitzer fühlt, der er aber nicht ist. Er muss Privatmensch sein, und dadurch wird er Dichter. So wie vor der ebenfalls adlige Nikolaus Lenau geht er nch Amerika. Durch die zweisprachige Erziehung seiner amerikanischen Mutter findet sich Liliencron schnell zurecht als Sprachlehrer, Pianist und Stallmeister, aber er fühlt sich nicht wohl. Nach zwei Jahren kommt er zurück, wird ohne Erfolg Gesangslehrer in Hamburg und heiratet eine Freiin von Bodenhausen, wird Verwaltungsbeamter auf der Nordseeinsel Pellworm. Dann im holsteinischen Kellinghusen. Schlecht bezahlte Stellen. Die Schulden häufen sich wieder. Der Gerichtsvollzieher ist ständiger Gast im Hause des Freiherrn und seiner Freifrau. Er muss den Offenbarungseid leisten, damals ein äußerst unehrenhafter Vorgang.
Liliencrons Ehe zerbricht. Doch an Frauen, die mit ihm zusammen sein wollen, manegelt es ihm nie. Kurze Zeit später ist er wieder verheiratet.
Liliencron ist der Bahnbrecher des Naturalismus in Deutschland und hat das klassischromantische Epigonentum seiner Zeit überwunden.
Dreimal ist er verheiratet, muss Alimente zahlen, und verschuldete sich dadurch immer mehr. Er lebt jahrelang in größtem Elend und mit ganz realem Hunger in einer schäbigen Kate. Der Satz: "Vornehm geht die Welt zugrunde", gilt auch für Liliencron. Er schreibt:


Der Handkuß

Viere lang,
Zum Empfang,
Vorne Jean,
Elegant,
Fährt meine süße Lady.

Schilderhaus,
Wache raus.
Schloßportal,
Und im Saal
Steht meine süße Lady.

Hofmarschall,
Pagenwall.
Sehr graziös,
Merveillös
Knixt meine süße Lady.

Königin,
Hoher Sinn.
Interessant,
Ihre Hand,
Küßt meine süße Lady.

Viere lang,
Vom Empfang,
Vorne Jean,
Elegant,
Kommt meine süße Lady.

Nun wie wars
Heut bei Czars?
Ach, ich bin
Noch ganz hin,
Haucht meine süße Lady.

Nach und nach,
Allgemach,
Ihren Mann
Wieder dann
Kennt meine süße Lady

Des Dichters Not wird so groß, dass berühmte Künstler zu einer Sammlung für ihn aufrufen und zu seinem 60. GEburtstag 1904 kommt auch soviel Geld zusammen, dass er schlagartig aller Schulden ledig ist und bis zu seinem Tod 1909 vom Rest leben kann.
Zwischen Spätromantik und Moderne liegt sein Werk. Die Naturalisten sehen ihn als ihren Vorläufer, als ihren Lyrischen Gott, der in der Lyrik das erreichte, was sie in Romanen und Dramen noch vorhaben.
Über den Naturalist schlechthin in Deutschland, Arno Holz, schreibt Liliencron:
"Arno Holz ist ja leider wüster, rotester Sozialdemokrat. Aber fort mit der Feigheit! Es ist mir egal. Arno Holz ist ein aller – allererster Dichter. Da entsteht eine ganz kolossale Revolution in der Dichterwelt zur Zeit. Eine neue Epoche. Ich fühls in jeder Fiber. Und ich marschiere mit. Die politische Geschichte geht mich darin nichts an. Ich bin königstreu und bleibe Royalist bis zum letzten Atemzuge."
Tod om Weizenfeld



Martin Luther (1483-1546) Augustinermönch, Theologieprofessor, Initiator der Reformation. Lutherbibel,seine Theologie und Kirchenpolitik tragen zu tiefgreifenden Veränderungen der europäischen Gesellschaft und Kultur in der Frühen Neuzeit bei.
Der erste Sohn eines Hüttenmeisters wächst in Mansfeld mit 4 Geschwistern auf. Bis 1497 Mansfelder Lateinschule, Magdeburger Domschule, Universität Erfurt, Magister artium.
1505 Jura in Erfurt, in einem Gewitter gelobt er der Heiligen Anna, Mönch zu werden, 1505 bei Augustiner-Eremiten in Erfurt. Studiert Theologie, 1510 Romreise. Dr. theologiae. Vorlesungen in Wittenberg. Das Ablassthema bringt Luther in zunehmenden Konflikt mit kirchlichen Autoritäten und ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Thesen am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Großer öffentlichen Widerhall, 1521 exkommuniziert.
Buchdruck, allgemeine soziale Unzufriedenheit und politische Reformbereitschaft verhelfen ihm zu einem außergewöhnlichen publizistischen Erfolg. Bis 1522 auf der Wartburg, 1524 bis 1526 Bauernkrieg. Luther bezeichnet die Aufständischen als „Rotten- und Mordgeister“, verfasst die Schrift "Wider die Mordischen und Reuberischen Rotten der Bawren", bezeichnet die Aufstände als Werk des Teufels und fordert die Fürsten gleich welcher Konfession auf, die Bauern mit aller notwendigen Gewalt niederzuschlagen.
Heirat mit Katharina, 1523 aus dem Kloster geflohene Zisterzienserin und gnadenlose Antisemitin. Das Ehepaar ist mehr oder weniger mittellos, Hochzeitsgeschenke bilden die Basis für den Hausstand. 3 Töchter und 3 Söhne.
Im Alter Harnsteinleiden mit starke Schmerzen. Die Reise von Ausgsburg nach Wittenberg rettet Luther das Leben, durch die Erschütterungen im Reisewagen löst sich die Harnverhaltung. Kurze Zeit später tot.
Ein feste Burg ist unser Gott



Peter Mailwald (1946-2008). Der Schriftsteller und Lyriker, Sohn eines Angestellten und einer Hilfsarbeiterin, studiert Theaterwissenschaft, Germanistik und Soziologie, bricht das Studium ab und lebt ab 1968 als freier Schriftsteller in München, wo er im selben Jahr Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei wird. 1970 zieht er nach Neuss. Die Mitbegründung der linken Monatszeitschrift Düsseldorfer Debatte führt zu seinem Ausschluss aus der DKP. Ab 1985 lebt er in Düsseldorf.
Seine frühe Veröffentlichungen sind Agitprop-Stücke in Brecht’scher Manier, Gedichte und Lieder, die in teils ironischer, teils bitterer Weise Zeitprobleme ansprechen, am bekanntesten die mehrfach vertonte Ballade von der Hester Jonas. Später greift er auf traditionelle Formen, Strophe und Reim zurück, für ihn unverzichtbares Merkmal echter Lyrik. Das enthusiastische Lob Marcel Reich-Ranickis hilft Maiwald zu weiterer Bekanntheit. Neben Lyrik entstehen Essays, Hörspiele und Rundfunkbeiträge.
Das Meer



Georg Mannheimer (1887-1942) österreichisch-tsch. Journalist, Schriftsteller.
Studiert Jura, Promotion. Übersiedelt nach Prag, seit 1918 Hauptstadt der Tschechoslowakei, Journalist. Als nach der Machtübergabe an die Deutschen 1933 ihr Einfluss auf seine Zeitung größer zu werden droht, gründet er 'Die Wahrheit'. Mit dieser Zeitschrift führt er ohne Rücksichtnahme den publizistischen Kampf gegen den Faschismus in Europa, in Deutschland kommen seine Schriften auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. 1940 verhaftet ihn die Gestapo, deportiert ins KZ Dachau, wo er 1942 an "Entkräftung" stirbt, womit die Sadisten Folter umschreiben.
Ihr fragt



Hans Manz (1931-2016) * Wila bei Zürich. Ausbildung zum Primarlehrer, 1953 bis 1987 Lehrer in Erlenbach, später in einem Zürcher Industriegebiet.
1968 beginnt Manz zu schreiben, übersetzt nebenher Bilderbücher von Maurice Sendak und Tomi Ungerer und arbeitet für Fernsehen und Rundfunk. 1987 Aufgabe des Lehrerberufs, freier Schriftsteller und Journalist. Schreibt Sprachspielbücher, Erzählungen, Märchen, Kindergedichte und Romane für Kinder und Erwachsene. Lebt in Zürich und der Toscana.
Zahlenre4e



Reinhard Mey * 1942 Berlin, einer der populärsten Liedermacher (Pseudonyme Frédérik Mey, Alfons Yondraschek, Rainer May).
Zweites Kind des Rechtsanwalts Gerhard Mey und der Lehrerin Hertha, Besuch des Französischen Gymnasiums, 1963 ranzösisches Baccalauréat und deutsches Abitur. Ausbildung zum Industriekaufmann, Studium BWL abgebrochen, widmet sich ganz der Liedermacherei.
Mit 12 erste Klavierstunde, mit 14 erste Gitarre (als Leihgabe seiner Tante), bringt sich selbst Trompetespielen bei. 1964 erstes Chanson 'Ich wollte wie Orpheus singen', trägt 1964 auf Festival Chanson Folklore International Burg Waldeck Lieder vor. Lernte 1966 den gleichaltrigen Hannes Wader kennen und tourt mit ihm 1967 zeitweise durch Deutschland. 1971 Doppel-LP Reinhard Mey live (bis Oktober 250.000 verkaufte Exemplare) sowie Lied 'Der Mörder ist immer der Gärtner' bringen den Durchbruch zum Massenpublikum.
1967 Heirat mit Französin Christine, 1976 geschieden. 1977 Heirat mit Hella, lebt Berlin-Frohnau, zwei Söhne, Tochter. 2014 Tod des Sohnes Maximilian nach 5jährigem Wachkoma aus einer verschleppten Lungenentzündung.
Bis 2016 hat Mey 27 deutsche Studioalben. „Wir alle haben irgendwo in der Erinnerung, oder gerade im Ohr, so ein Lied, wo es dich packt, dass du nicht weißt, wie dir geschieht, wie ich mal versucht habe, es zu beschreiben. Ich habe viele solcher Lieder aus der Feder sehr naher oder ferner Kollegen, die mir doch alle über ihre Musik gleich vertraut sind. Manche begleiten mich schon mein ganzes Leben, manche entdecke ich vielleicht erst jetzt, aber von nun an werden auch die zu Weggefährten für immer. Lieder, die ich für mich singe, einfach weil sie mir Freude machen, weil sie mich trösten der bewegen und manchmal, wenn nach einem Studiotag noch ein bisschen Zeit ist und die Kollegen Lust haben, oder Besuch kommt, den ich – wie meine Tochter – zum Mitsingen überreden kann, dann nehme ich schon mal eins davon auf, einfach so. Über die Jahre ist daraus über ein gutes Dutzend Aufnahmen entstanden aus der spontanen Lust am Musizieren, am Experimentieren, aus dem Wunsch, nach einem Tag voller Musik im Studio, nicht ohne eine letzte Zugabe auseinander zu gehen. Ich nenne sie die Lieder von Freunden.“
Mey hat großen Erfolg in Frankreich und den Niederlanden. 7 Frédérik-Mey-Alben und 2 Live-LPs in Französich, zuletzt 2007. Texte von Meys in französischen Schulbüchern. Auf Niederländisch 1975 Doppel-Platin-Platte Der Versuch, 1970 mit der LP 'One Vote for Tomorrow' in Großbritannien Fuß zu fassen, schlägt fehl.
Größter Erfolg 1972 'Mein achtel Lorbeerblatt', enthält den Evergreen-Titel 'Gute Nacht, Freunde'. 1974 'Über den Wolken' 2005 bei der Wahl der 100 besten Lieder des Jahrhunderts 4. Platz.
2003 Doppelalbum Mey, Wader, Wecker. Tourneen auf 1390 Konzerten durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Belgien, Niederlande.
Seit den 1990er Jahren zunehmend gesellschafts- und zeitkritische, oft von pazifistischen Haltung geprägte Stücke. Überzeugter Vegetarier und Tierschützer.
2005 Buch 'Was ich noch zu sagen hätte' (Autor: Bernd Schroeder).
1973 Pilotenlizenz, kauft Freund zweimotorige Cessna 340, mit der sie Charterflüge durchführen; besitzt Haus in Kampen. Segelt er? "Ich bin zwar schon immer zu Wasser gewesen, aber der Titel ist nur als Bild gemeint: Der Einhandsegler zu sein, der sich allein um den Kurs kümmern, das Segel hissen und auch noch das Ruder halten muss."
Mein Testament



Eduard Mörike (1804-1875)
Zu Lebzeiten hat er mit seinen Gedichten keinen Erfolg. In Ludwigsburg geboren als viertes von neun Kindern. Der Vater stirbt früh, die Familie verarmt. Eduard muss Pfarrer werden, was bedeutete, dass der Staat ab dem 14. Lebensjahr Ausbildung und Unterhalt zahlt. Die Klosterschule besteht er nach vier Jahren mit mäßigem Erfolg. Zu dieser Zeit schreibt er seine ersten Gedichte. Mit 18 geht Mörike ans Tübinger Stift, wo er mit großer Mühe sein theologisches Examen ablegt. Mit 19 begegnet er Maria Meyer, einer ruhelosen, jungen Frau, zwei Jahre älter als er, ausnehmend schön, belesen und durch und durch geheimnisvoll. Sie geht, kommt wieder, er liebt sie, er verstößt sie.
Auffassungsgabe »gering«, Urteilsvermögen »konfus«, Predigt »mittelmäßig, unangemessen ausgeführt, unangenehm vorgetragen«. Arreststrafen wegen »Herumtreibens, Verspätung, ungehöriger Kleidung, verbotenem Tabak-Rauchens in der Öffentlichkeit« und ähnlichem. Vikar Oberboihingen. Versucht erfolglos als freier Schriftsteller zu leben. Mit 30 Pfarrer in Cleversulzbach, seine Mutter und Schwester Klara ziehen auch mit ein, und die Schweser bleibt für immer da wohnen.
Mörikes Frau, Margarete Speeth, katholischen Glaubens. Mörike lässt sich nach 10jähriger Tätigkeit und dem Tod der Mutter vom ungeliebten Pfarramt pensionieren, der Mischehenskandal ist beträchtlich. Die eifersüchtige Schwester ist im Dreiecksverhältnis die Stärkere, und so trennt sich das Ehepaar (um sich einige Tage vor Mörikes Tod wieder zu versöhnen).
Mit 51 erscheint die Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag", sein berühmtestes Werk (neben "Maler Nolten"). In den letzten 20 Jahren verstummt Mörika nahezu als Dichter, bereitet sich auf den Tod vor und stirbt mit 70 in Stuttgart.
An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang



Walter Mossmann (1941-2015). Der Liedermacher und Protagonist bei Kampagnen und Aktionen der linken Bewegungen beginnt seine musikalisch-lyrische Laufbahn Mitte der 1960er Jahre bei den legendären Folkfestivals auf Burg Waldeck, die die gesellschaftlich unangepasst-kritische Liedermachertradition gegen den vorherrschenden Schlager-Mainstream in Westdeutschland begründen. Als Student ist er in der APO. Höhepunkt seines Engagements wird säter sein anhaltender Einsatz für die Anti-Atomkraft-Bewegung. Sie führt zur erfolgreichen Verhinderung zumindest des im südbadischen Wyhl geplanten Kernkraftwerks. Mossmann ist auch bekannt als Autor, Journalist und Regisseur.
Für meine radikalen Freunde



Raphael Müller * 1999 Aichach, hochbegabter Autist, stummer Jung-Autor
Besucht mit einer Begleitperson das Deutschherren-Gymnasium in Aichach. Schon vor seiner Geburt Schlaganfall, sitzt im Rollstuhl, leidet unter Epilepsie und Autismus. Mittels gestützter Kommunikation (FC) verständigt er sich schriftlich.
Müller liest, schreibt und dichtet gerne. 2009 im Gedichtband „Waldwege“ erscheinen 15 seiner Gedichte, u. a. Realität Mit 14 Jahren verfasst er seine Biografie „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“, die 2017 auch in französischer Sprache erscheint. Er regt zum Nachdenken über Inklusion an: "Ich will nicht in einem Ghetto leben"
Realität



Wilhelm Müller (1794 – 1827) 'Griechen-Müller', geboren in Dessau, studiert in Berlin Philologie, lernte Fouqué und Brentano kennen, später Goethe, Tieck, Uhland und Schwab und wird mit seinen Liedern berühmt, die mehr als 40 Komponisten zu seinen Lebzeiten vertonen. Schon in Heines Harzreise singen die Studenten 'Müllersche Lieder', und der fast Gleichaltrige scchreibt Müller:
»Ich liebe keinen Liederdichter außer Goethe so sehr wie Sie. Denn Ihre Lieder sind rein und klar und sämtlich sind es Volkslieder, aus denen Sie neue Formen gebildet haben, ohne dass Sie die alten Sprachholprigkeiten nachgeahmt hätten.«
Durch Franz Schubert sind diese Lieder von der Schönen Müllerin auch heute noch populär, ebenso aus Schuberts Winterreise.
'Griechen-Müller' heißt er, weil er sich wie Lord Byron, der englische Romantiker, der ebenfalls jung stirbt, für den Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken engagierte, wobei beide das Ziel, die Befreiung der Griechen (erste 1829) nicht mehr erlebten.
Nach zwei jugendlichen Wanderjahren in Italien wird Müller Gymnasiallehrer, später Bibliothekar in seiner Heimatstadt Dessau, wo er mit dreiunddreißig Jahren schon stirbt.
Wanderschaft



Joachim Neander (1650-1680), gilt als bedeutendster reformierter Kirchenlieddichter Deutschlands, Pastor und Kirchenliederkomponist (nach ihm das Neandertal und folglich mittelbar der Neandertaler benannt!)
Erster Sohn einer Pastorenfamilie, die sich gräzisierend von Neumann in Neander umbenannt. Er studiert reformierte Theologie in Bremen, Erzieher u. a. in Heidelberg und Frankfurt/M. Seit 1670 unter dem Einfluss des Erweckungspredigers Theodor Undereyck, der ihm eine Stelle als Hauslehrer in einer Frankfurter Kaufmannsfamilie verschafft. 1674 in Düsseldorf Rektor der Lateinschule der reformierten Gemeinde und Hilfsprediger, verfasst Texte und Melodien zu zahlreichen Kirchenliedern, die man auf separatistischen Erbauungsversammlungen singt. 1679 Hilfsprediger in Bremen. Neander komponiert den Choral Lobe den Herren, nach weniger als einem Jahr Tätigkeit stirbt Neander jung.
Der Lobende



Friedrich Nietzsche (1844-1900), aus Pfarrersfamilien stammend, verliert den Vater mit 5, beginnt mit 10 zu dichten, erklärt mit 14: »Überhaupt war es stets mein Vorhaben, ein kleines Buch zu schreiben und es dann selbst zu lesen. Diese kleine Eitelkeit habe ich jetzt immer noch ...«
Studiert Theologie und Klassische Philologie, wird mit 25 Professsor für ein Jahrzehnt, erbt ein riesiges Vermögen vom Onkel.
Nach schweren wissenschaftlichen Fehlern verlässt er die Universität, widmet sich ganz der Schriftstellerei: Also sprach Zarathustra, Ecce homo, Der Antichrist, Jenseits von Gut und Böse u.s.w. u.s.w.
Hat Nietzsche je einen Mistral erlebt? ( Wir schon ...)
Von Kindesbeinen an leidet er an schier unerträglichen Kopf- und Augenschmerzen, später an fortwährenden Magenkoliken und Unterleibsschmerzen, mit 45 ist sein Hirn zerstört, die Schwester pflegt ihn zu Tode.
Warum schließt er Krüppel aus, verscheucht die Kranken, alles unwertes Leben für ihn den Übermenschen, Sänger der Elite, der sagt: »Die vielen Nöte der vielen Kleinen bilden keine Summe. Den Menschen, die mich allein etwas angehen, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Entwürdigung«? Sein Wunsch hat sich an ihm selbst erfüllt:
»Ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob einer Wert hat oder nicht: ob er standhält« Herr Nietzsche hatte demnach keinen ...



Novalis (1772-1801), beduetender Vertreter der Frühromantik, meint, dass 'nicht Zahlen und Figuren Schlüssel aller Kreaturen' sind, und, dass man 'aus Märchen und Gedichten die ewgen Weltgeschichten erkennen' könne.
Er heißt eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg und stammt aus altem norddeutschem Adel. Der Vater, kursächsischer Salinendirektor, ist Mitbesitzer eines kleinen Renaissanceschlosses mit Gutshof und in zweiter Ehe mit Auguste Bernhardine von Bölzig verheiratet, die ihm elf Kindern schenkt, als zweites Friedrich.
Jurastudium in Jena, Leipzig und Wittenberg, Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel.
1795 verlobt er sich mit der 12jährigen Sophie von Kühn, die mit 15 qualvoll stirbt, was Hardenberg in seinen Dichtungen stark prägt. 1797 beginnt er ein Studium an der Bergakademie in Freiberg, wo er sich 1798 mit Julie von Charpentier verlobt. Hardenberg trägt maßgeblich zur Erschließung der Braunkohlelagerstätten in der Gegend um Profen bei. Er stirbt in Weißenfels an einem Blutsturz infolge seiner Tuberkulose.
Novalis' Werke wurden erst durch die postume Drucklegung durch Tieck und Schlegel bekannt.
Der ist der Herr der Erde



Louise Otto (1819–1895)
Im Vormärz mit seinen radikalen Tendenzen, ausgelöst durch Metternichs Karlsbader Beschlüsse von 1819, die den Bürgern den Mund verbieten, nimmt auch die Frauenliteratur politische Züge an. Louise Otto wird Lerche der deutschen Frauenbewegung genannt. Mit 21 wird sie zur sozialen Schriftstellerin und sieben Jahre später erscheint ihr Gedichtband "Lieder eines deutschen Mädchens." Ein Jahr nach der gescheiterten Revolution gibt sie die Deutsche Frauenzeitung heraus und 1865 ist sie Mitbegründerin des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, dem die männlich beherrschten Gewerkschaften noch lange die Zusammenarbeit verwehren sollen.
Verheiratet mit dem Schriftsteller August Peters, stirbt sie mit 77 gestorben. Klöpplerinnen Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen Die Wangen bleich und die Augen rot? Sie mühen sich ab für einen Bissen, Für einen Bissen schwarzes Brot! Großmutter hat sich die Augen erblindet, Sie wartet, bis sie der Tod befreit – Im stillen Gebet sie die Hände windet: Gott schütze uns in der schweren Zeit. Die Kinder regen die kleinen Hände. Die Klöppel fliegen hinab, hinauf. Der Müh und Sorge kein Ende, kein Ende! Das ist ihr künftiger Lebenslauf. Die jungen Frauen, dass Gott sich erbarme, Sie ahnen nimmer der Jugend Lust – Das Elend schließt sie in seine Arme, Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust. Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen, Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt: Ihr Reichen, Großen – hat das Gewissen Euch nie in der innersten Seele gebebt? Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben, Genießt das Leben in Saus und Braus, Indessen sie vor Hunger sterben, Gott dankend, dass die Qual nun aus! Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen? Und fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit? Dann werde Euer Sterbekissen Der Armut Fluch und all ihr Leid!
Klöpplerinnen



August von Platen (1796-1835) eigentlich August Graf von Platen-Hallermünde, * Ansbach, wo ich auch mal gewohnt habe. Mit 10 auf ein bayrisches Kadetteninstitut, dann Schule für königliche Edelknaben, um Soldat zu werden. Abneigung gegen das Militär wird stärker und wegen seiner Homosexualität das Leben in Deutschland immer schwieriger. Krankhafte Sehnsucht nach Dichterruhm und Anerkennung vergällen ihm zusätzlich sein Leben. Geht mit 29 nach Italien, wo er die letzten 10 Jahre seines kurzen Lebens zubringt, finanziell unabhängig durch eine Rente des bayrischen Königs. Er ist sprachbegabt. Liest und spricht zwölf Sprachen, ist ein unbestrittener Meister der Form und der Formen.
Karl Immermann beschimpft er als »dichterischen Versager« und Heinrich Heine als »penetranten Juden«, vgl. . Felix Mendelssohn-Bartholdy: »Graf Platen ist ein kleiner, verschrumpelter, goldbebrillter Greis von fünfunddreißig Jahren. Er hat mir Furcht gemacht. Er schimpft auf die Deutschen grässlich, und vergisst dabei, dass er es auf Deutsch tut.«
Platen erhebt sich über die übrigen Menschen, läuft mit lorbeerumkränztem Hut durch die Straßen der Städte. Sein Tod ist genauso skurril: Aus Angst vor der grassierenden Cholera flüchtet er ins vermeintlich sichere Syrakus. Dort bekommt er eine Magenkolik, glaubt, er habe Cholera, nimmt eine Überdosis von Gegenmitteln und stirbt daran.
Das Grab im Busento



Stefan Pölt * München 1962. Einziges Kind seiner Eltern, 10 Jahre Ruhrgebiet, lebt Hattersheim am Main.




Verfolgungsjagd



Prinz Chaos II * München 1975 (bürgerlich Florian Ernst Kirner) Journalist, Kabarettist und Liedermacher. 1995 Hamburg, Mitbegründer der trotzkistischen Organisation Linksruck, 1996 Chefredakteur deren gleichnamiger Monatszeitung. 2000 Austritt.
Debüt-CD, sein Vorbild Degenhardt nimmt ihn in die „Bruderschaft der Sänger“ auf. In den Arbeiten als Kabarettist spiegelt sich sein Engagement gegen Rechtsradikalismus, Homophobie, Atomkraft, Militarismus und soziale Ungerechtigkeit. 2001 Studium an der Uni Köln Anglo-Amerikanische Geschichte, Mittlere und Neuere Geschichte und Japanologie.
Von 2004 bis 2006 Japan und MA. Berlin, schreibt unter den Pseudonymen Donna San Floriante und Commander Shree Stardust in Zeitungen.
2008 Erwerb Schloss Weitersroda, veranstaltet dort jährlich das Liedermacher-Festival Paradiesvogelfest. 2008 von der örtlichen Naziszene tätlich angegriffen, 2012 rechte Morddrohungen und Brandanschlag auf Fahrzeug. Langjährige Zusammenarbeit auf der Bühne mit Konstantin Wecker, 2013 'Aufruf zur Revolte'. Autor und Mitbegründer des Autorenblogs Rubikon. 2019 Roman 'Leichter als Luft'.
Prinz Chaos II. und seine Hymne auf den passiven Analverkehr Kirner war mit gleichaltrigem japanischen Lebenspartner verheiratet. Sein "möglichst uneinheitliches Werk" enthält Songs aus allen schwulen und nicht-schwulen Lebenslagen, die frivol, frech und politisch provokativ sind. Schwul-lesbisches Journalistenseminar.
Wir schwören ab



Thomas Pyrin * Stuttgart 1985, früher bekannt als Thommy Walker (mit bürgerlichem Namen Thomas Lesniak). Lebt in Leonberg. Gehört 2008 zu den großen Battle-Rappern, 2010 nimmt er an seinem letzten Freestyle-Battle teil.
Pyrin erzählt auf blumige Art und Weise vom Versagen, von Ängsten und von den Abenteuern, die die Menschen und das Leben an sich so bereit halten.
Pyrin: Ich bin auf jeden Fall ein Melancholiker, aber es gelingt mir immer eine Grenze zu ziehen. Wann ist etwas sinnvoll und wann ist etwas sinnlos. Ja doch, wenn ich sauf, höre ich oft „House Of The Rising Sun“ und schwelge gerne in Melancholie.
Bei Freestyle-Battles schwingt das eigene Gefühl zwischen Adrenalinstößen, wenn das Publikum eine Zeile feiert, und enormer Verunsicherung, wenn keine Reaktion kommt.

Entfernt sich zunehmend von der Hiphop-Szene, lernt neue Musikrichtungen verstehen und schätzen, erweitert seinen Schaffenskreis um die Vielfalt verschiedenster Genres, wobei sein Augenmerk stets auf neue und fremdartige Klänge gerichtet ist. Mit Einfallsreichtum und der Renitenz seiner eigenen, groß-kleinen Welt stemmt er nun anspruchsvollen Rap gegen die Festgefahrenheit des kollektiven Einheitsbreis. Seine Lyrik ist schwierig, hermetisch und doch offen, einmaliges und oberflächliches Hören reicht unmöglich aus, um sein Werk zu erschließen und seine Aussagen vollständig zu ergründen. Erfahrung aus vergangenen Tagen schenken ihm seine technische Versiertheit, sein psychosophisches Gemüt und die Inhalte seiner Kunst.
2020 Godot, (Nicht) Verrückt
Quantenselbstmord



Ferdinand Raimund (1790-1836).
Der Wiener, von Beruf Zuckerbäcker, geht mit 18 zum Theater, macht als Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Dramatiker Karriere, schreibt bekannte Stücke wie 'Der Bauer als Millionär', 'Der Alpenkönig und der Menschenfeind', oder 'Der Verschwender'. Er hat, wie es in den Akten heißt: ’eine polizeiamtlich bekannte heftige Gemütsart’, d.h. er prügelt sich gern und hat gefürchtete Temperamentsausbrüche. Dazu ist er extremer Hypochonder, was zu seinem frühen Tod mit 46 führt, denn, obwohl ihn nur ein Hund biss, fürchtet er, die Tollwut zu bekommen. In einem depressiven Temperamentausbruch schießt er sich eine Kugel in den Kopf.
Das Hobellied



Rainer Maria Rilke (1875-1934) * als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria in Prag. Vater muss seine Soldatenlaufbahn (Kommandant des Kastells von Brescia) wegen eines Halsleidens aufgeben, worauf er sich als gescheitert betrachtet. Die Mutter liebt das einzige Kind abgöttisch, sieht voller Verachtung auf den gescheiterten Mann und träumt vom Adel, trennt sich von ihm und lebt in Wien, wo sie der adeligen Gesellschaftsschicht näher zu sein glaubt. Sei ist sehr fromm und hat einen sehr schwierigen Sohn, der durch unglaublichen Fleiß als Autodidakt zum Dichter wird. Dass er Offizier werden muss, scheitert wie beim Vater. Er holt mit 20 das Abitur nach, studiert ohne Erfolg, aber schreibt und schreibt. Er ist zielstrebig, beginnt regen Briefwechsel mit jedem, der ihm nützlich sein kann, sieht gut aus und vermögenden älteren Damen fördern ihn.
Mit 24 vernichtet er nahezu alles bis dahin Geschriebene, lernt die 12 Jahre ältere Lou Andreas-Salomé kennen und lieben und wird zum Dichter Rainer Maria Rilke.
1910 bis 1914 lebt er an 50 verschiedenen Wohnorten, rast- und ruhelos ohne festes Einkommen, ohne reiche Eltern, ohne große Erbschaft. Angewiesen auf Bucherfolge, die noch ausbleiben und auf Frauen, die ihn aushalten. Und die dazu noch seine Bedingungen erfüllen, nämlich ihn allein zu lassen, ihm Einsamkeit zu gönnen. Ein Jahr lang ist er verheiratet, eine Tochter. In Briefen bleibt das Verhältnis zu seiner Frau ein Leben lang bestehen. Er ist ein europäischer Künstler. Von Russland bis Nordafrika kennt er Europa, verkehrt mit Künstlern von Tolstoi bis Picasso. Paris, seine Wahlheimat und Französisch, seine zweite Muttersprache, in der er auch Gedichte schreibt. 1902, mit 27, geht er nach Paris und schreibt ein Buch über Auguste Rodin - und ist 3 Jahre später Privatsekretär des alten Mannes für ein knappes Jahr.
1899 schreibt Rilke 'Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke', eine kleine lyrische Geschichte: »Der Cornet war das unvermutete Geschenk einer einzigen Nacht, einer Herbstnacht, in einem Zuge hingeschrieben bei zwei im Nachtwind wehenden Kerzen; das Hinziehen von Wolken über den Mond hat ihn verursacht.«
1912 erscheint der Cornet in der Insel-Bücherei und erreicht eine Auflage von 2.000.000 bis in unsere Tage.
Durch seine Gedichte und 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge' geht Rilkes Stern auf. Er vertritt eine Kunstauffassung, die die alltägliche Welt als zu dürftig betrachtet, die er als nicht würdig ansieht, sich mit ihr künstlerisch auseinanderzusetzen. Rilke spürt keinen anderen künstlerischen Auftrag als den, sich in seinem Elfenbeinturm mit schönen Worten auszudrücken, was natürlich einer Kapitulation vor der beginnenden Barbarei gleichkommt.
Kurz vor seinem Tod mit 51 entsteht das Spätwerk des qualvoll an Blutkrebs Gestorbenen: die 'Sonette an Orpheus' und die 'Duineser Elegien', die er 1922 in einem dreiwöchigen Schaffensrausch schreibt. (Ein Mäzen hat ihm in der Schweiz einen einsamen Turm zur Verfügung gestellt, inklusive Personal, das der Dichter aber in dem gesamten Dreivierteljahr, das er dort verlebt, keine einzige Sekunde zu Gesicht bekommt, was Rilkes Bedingung war).
Bertold Brecht über solche Gedichte:
»Wir haben die Wörter studiert und gemischt wie Drogen./Und haben nur die besten und allerstärksten verwandt./ Die sie von uns bezogen, haben sie eingesogen/Und waren wie Lämmer in unserer Hand.«
Und er spricht von dem »unbeschreiblichen physischen Ekel unserer jungen Leute vor den Erzeugnissen der Älteren wie George und Rilke und dem übrigen Gesindel und deren demokratischer Seichtheit, Geistesschwäche und Harmlosigkeit. Diese Dichter erscheinen mir als der erfolgreiche Typ des bourgeoisen Herstellers künstlicher, eitler und unnützer Bücher.«
Obwohl ein jeder von sich strebt



Joachim Ringelnatz (1883-1934) * als Hans Böttcher in Sachsen. Erich Kästner: "Merken denn so wenige, dass man keine Kabarettnummer, sondern einen Dichter vor sich hat? Er reißt keine Witze. Er hat Humor; also jene Gemütskrankheit, die eine große Traurigkeit mit Ironie und Güte zu kurieren sucht. Mit Güte für die andern und mit Ironie gegen sich selbst."
1919 legt er sich das Pseudonym Ringelnatz zu. Vater Unterhaltungsschriftsteller und Musterzeichner, der Sohn, ein schlechter Schüler, wird mit 18 Schiffsjunge. Nach 2 Jahren kaufmännische Lehre, Dienst bei der kaiserlichen Marine, zwei wilde, unruhige Wanderjahre. 1909 Hausdichter beim Simplicissimus München. Inhaber des Tabakladens "Zum Hausdichter" in München. Reisen, tausende Jobs. Am Ende des WK I Kommandant eines Minensuchbootes als Leutnant zur See. Heirat mit Leonarda Pieper, tritt mit seinen Turnergedichten auf Kabarettbühnen in ganz Deutschland auf. Markenzeichen: Dunkelblauer Matrosenanzug, schwebender, schwankender Seemannsgang und Weinglas ... Betrunken stand er nie auf der Bühne - obwohl alkoholkrank.

Denken wir jetzt nicht an den Halunken,
Der betrügt, indem er sich besäuft,
Auch nicht an den andern, der betrunken
Schimpft und androht oder Amok läuft,

Nicht an Witzler, nicht an Vielversprecher,
Noch an den, der morgen früh bereut,
Oder den, der vor der Nacht sich scheut.
Was ich meine, gilt für andre Zecher.

Ihrer denk ich. Nach dem sechsten Glase,
Oder nach dem dritten oder zehnten,
Kommen sie – nicht etwa in Ekstase –
Sondern in den variiert ersehnten

Zustand, klar und dennoch mild zu sehen,
Mild zu horchen auf die andern, Fremden,
Und wie Engel in schneeweißen Hemden
Sozusagen vor sich selbst zu stehen.

Manchmal schießen sie mit der Pistole
Dann in sich ein ewig tiefes Loch.
Manchmal lächeln sie und trinken noch
Kognak, Zwetschkenwasser, Sekt und Bowle.

Aber immer nehmen sie sich vieles
Vor und nehmen vieles still zurück
Und erkennen in Betreff des Zieles
Und der Zukunft ihren Weg zum Glück.

Und man wird um solch entrückte Zeit
Sie beneiden, und man wird sie lieben.
– Wenn sie doch - zu frühem Tod bereit –
Unverändert derart trunken blieben!


Kunstfigur Kuttel Daddeldu - sein Alter Ego? Macht sich lustig über sich selbst, eine Fähigkeit, die nur wenige von uns Deutschen besitzen.
Frau Loni ist mitverantwortlich für das riesige Werk ihres Mannes. In nur 14 Jahren (1919 bis 1933) schreibt Ringelnatz über 2000 Gedichte, mehr als 20 Novellen, acht Theaterstücke, drei Filmdrehbücher, vier Romane, und es entstehen hunderte, ja tausende Zeichnungen und Gemälde, mit denen er auch als bildender Künstler seinen Weg hätte machen können. Als die Mehrheit in Deutschland nichts dagegen hatte, dass die Nazis die Macht übernehmen, verbieten sie Ringelnatz. Nicht das Politische stört sie an Ringelnatz, sondern seine Offenheit im Geschlechtlichen, seine ironische Betrachtung des Kleinbürgertums, und seine Abscheu vor den deutschen Tugenden Zucht, Ordnung und Sitte.
Als ich noch ein Seepferdchen war



Ephraim Rosenstein (* Berlin 1940) deutscher Lyriker, Herausgeber und Filmemacher
Nach Ende der Schulzeit 1956 Arbeit in verschiedenen Berufen, Hilfsarbeiter, Heizer und Bote, bis 1959 Lehre als Mechaniker, anschließend in Großbetrieb für Feinmechanik. 1960 bis 1966 Armee, bis 1969 in Filmstudio Kameraassistent, Aufnahmeleiter und Regisseur.
Seit 1970 freiberuflich Regisseur und Filmautor, redaktionelle Aufgaben im Hörfunk, bis 1982 studiert er am „Institut für Literatur“ in Leipzig, seither freiberuflich, lebt im Allgäu. 2017 "Unterm Fluss" Erzählungen und Gedichte
Für Victor Jara



Friedrich Rückert (1788-1866), geboren Schweinfurt in bescheidenen Verhältnissen, studiert Jura und Philosophie, aggressiv-feuriger Napoleongegner. Nach dessen Niederlage:
"Kann denn kein Lied
krachen mit Macht,
so laut wie die Schlacht
hat gekracht in Leipzigs Gebiet"
Übersetzt aus orientalischen Sprachen, für die er eine Professur in Erlangen hat. Sein Credo: »Weltpoesie allein ist Weltversöhnung.« Unglaublich produktiv ist Rückert, den ein Zeitgenosse so beschreibt: »Hünenhaft, mit mächtigem Haupt voll langer, weißgrauer Haare, wandelt er durch die Rosenbeete seines Gartens, über eines seiner 10.000 Gedichte sinnend.«
Mit seinen Kindertotenliedern von 1834 (daraus "Du bist ein Schatten am Tage", vertont 70 Jahre später Gustav Mahler) hat Rückert versucht, den Tod eines seiner Kinder zu verarbeiten.
Du bist ein Schatten am Tage



Lars Ruppel* 1985 Gambach, Slampoet und Kabarettist
Tritt seit 2004 als 'Vollzeitslammer' auf Poetry-Slam-Bühnen auf. Gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Genres Poetry-Slam in Deutschland. Gibt Workshops an Schulen und Universitäten, Mitglied der „Poetry-Slam-Boygroup“ SMAAT, mit der er 2007 den Team-Wettbewerb der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften gewinnt. 2009 'Laruppel-Trilogie'.
Leitung des Projektes „Weckworte“, das durch klassische Verse emotionalen Zugang zu Demenzkranken schafft. Anthologie „Geblitzdingst“.
Alter Schwede



Friedrich von Schiller (1759–1805), der bedeutendste deutsche Dramatiker, der unsere Sprache nachhaltig geprägt hat. „Kabale und Liebe“, „Die Räuber“, „Wilhelm Tell“, „Maria Stuart“, viele Balladen (z.B. „Der Handschuh“ und „Die Bürgschaft“) und zahlreiche Gedichte.
Friedrich Schiller wächst in Marbach am Neckar und Lorch auf, studiert Jura, dann Medizin. Direkt im Anschluss an die Aufführung der Räuber erhält ihr Autor, inzwischen Regimentsarzt, Stubenarrest und Schreibverbot. Schiller flieht und taucht unter. In Thüringen unter dem Schutz der Schriftstellerin Henriette von Wolzogen kann er sich schließlich ganz dem Schreiben widmen. Es folgen fruchtbare Jahre in Leipzig und Dresden.
1787 Umzug nach Weimar: er lernt Johann Gottfried von Herder und Christoph Martin Wieland kennen und begegnet Goethe. Gemeinsam mit ihm gibt Schiller ab 1795 die Monatszeitschrift „Die Horen“ heraus, es ist der Beginn ihrer großen und berühmten Freundschaft. In den folgenden Jahren schließen sich dem erlesenen Freundeskreis Hölderlin, Johann Gottlieb Fichte und Wilhelm von Humboldt an. 1805 holt ihn sein chronisches Lungenleiden ein, er stirbt an Tuberkulose.
Die Teilung der Erde



August Wilhelm Schlegel (1767-1845) Bruder von Friedrich Schlegel, dem Theoretiker der Romantik. Literaturhistoriker und -kritiker, Übersetzer, Alt-Philologe und Indologe. Er lehrt an der Universität Jena; zusammen mit seiner Frau Caroline Schlegel, seinem Bruder Friedrich und dessen Frau Dorothea Schlegel, Johann Gottlieb Fichte und später Ludwig Tieck sowie Novalis prägt er die neue „romantische Schule“. Als Übersetzer macht er sich um die italienische, spanische und portugiesische Literatur verdient; seine Hauptleistung ist aber die Übersetzung von 17 der Stücke Shakespeares.
Worte



Friedrich Schlegel (1772-1829) Kulturphilosoph, Schriftsteller, Literatur- und Kunstkritiker, Historiker und Altphilologe. Neben seinem Bruder August Wilhelm Schlegel einer der wichtigsten Vertreter der „Jenaer Frühromantik“.
Er fordert programmatisch: »Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, sondern außerdem die Poesie mit Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das oberste Gesetz anerkennt, dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Denn das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne Verwirrung der Phantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen, für das ich kein schöneres Symbol kenne, als das bunte Gewimmel der alten Götter.«
Lied



Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791) Unsterblich geworden mit seiner Forelle in einem Bächlein helle, die sein Beinahe-Namensvetter Franz Schubert vertont. Schubart stammt aus einem schwäbischen Pfarrhaushalt, die protestantischen Pfarrerskinder sind durch ihr freieres Denken wie ihren Alphabetismus den katholischen Kindern (nur circa 15 % der Deutschen können damals lesen und schreiben!) weit überlegen. Er wächst in Schwaben und Franken auf, bricht das Theologie-studium ab, zieht rezitierend mit großem Erfolg durch Kneipen, singt seine Gedichte und begleitet sich auf der Laute; trinkt zu viel, landet im Schuldturm.
Die letzte Strophe des Forellenpoems hat Schubert gestrichen.
Die ihr am goldnen Quelle
Der sichern Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle.
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
An Klugheit. Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät.
In ihr zeigt sich der Aufklärer Schubart. Er wird mit 21 Hauslehrer, mit 25 Organist, mit 30 Kapellmeister. Doch kurze Zeit später weist ihn der Herscher aus Württemberg aus, weil er sich zu freimütig über das Hofleben geäußert hat: Der besungene Löwe war nicht gnädig.
Daniel Schubart geht nach Augsburg und gibt die Zeitschrift Deutsche Chronik heraus, ist innerhalb weniger Monate einflussreichster politischer Journalist Deutschlands. Antiklerikal, antidespotisch und bürgerlich-patriotisch. Die Mächtigen, vor allem der württembergische Herzog Karl Eugen, beginnen ihn zu hassen und zu verfolgen. Er lockt ihn auf sein Staatsgebiet und kerkert ihn zehn lange Jahre auf dem Hohen Asperg ein: Schreibverbot, vier Jahren Einzelhaft, angekettet in einem dunklen Verlies.
Seine Werke, seine Lebensgeschichte diktiert er einem Mitgefangenen durch die Zellenwand.
Wie zum Hohn ernennt dieser elende württembergische Herzog Karl Eugen ihn danach zum Hofdichter und Theaterdirektor. Aber Schubart ist krank, seelisch gebrochen. Nach vier freien Jahren stirbt er mit 52.
Heinrich Heine: »Er ist nun tot und längst vermodert, aber sein Lied lebt noch. Denn das Wort kann man nicht auf die Festung setzen und vermodern lassen.«



Peter Schütt, * 1939. Der Sohn eines Lehrers studiert Germanistik und Geschichte, promoviert über Gryphius, wird freier Schriftsteller.
1968 ist er Mitbegründer der Deutschen Kommunistischen Partei, war im Parteivorstand und Bundessekretär des DKP-nahen Demokratischen Kulturbundes. Er stellt seine literarischen Werke - in erster Linie Gedichte und Reportagen - ganz in den Dienst der kommunistischen Ideologie, was ihm den Titel „Hofdichter der DKP“ einträgt, engagiert sich in der Friedensbewegung und unternimmt als Funktionär zahlreiche Reisen, u. a. in die Länder des Ostblocks, nach Vietnam und in die USA.
Als Schütt sich in den 1980ern offen zum reformerischen Kurs von Gorbatschow bekennt, wird er 1988 aus dem Parteivorstand ausgeschlossen, tritt aus der Partei aus, bricht mit seinen kommunistischen Überzeugungen und bekennt, einer Irrlehre angehangen zu haben. Nach Heirat mit eine Iranerin konvertiert er 1990 zum schiitischen Islam (vorher war er als lutherischer Christ zum Katholizismus übergetreten!). 1996 pilgert er nach Mekka.
Nach seiner Aussage hat er seine religiöse Heimat im Islamischen Zentrum an der Hamburger Außenalster gefunden. Ulla Hahn (mit Schütt sieben Jahre liiert), macht (so Schütt) in ihrem Roman Wir werden erwartet aus ihm die aus Stade stammende Germanistin Marga Wiedebusch.
Said, ein iranischer Schriftsteller, wirft Schütt vor, ein „ewiger Konvertit“ zu sein und einen Islam zu verteidigen, „der nur in seinem Kopf existiert“, da er die Realität der Menschen im Iran verschweige:
„Ob Du es nun wahrnimmst oder nicht, heute ist es Deine Aufgabe, den Islam publizistisch salonfähig zu machen für europäische Intellektuellenkreise. Du genießt – Gott sei Dank – das Recht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland. Wenn wir diese Freiheit in Teheran hätten, dann hätte es das Regime nicht so leicht.“
Bundesrepublik



W. G. Sebald (1944-2001) * Wertach und aufgewachsen im Allgäu. Vater Berufssoldat. Germanistikstudium in Freiburg/Br., Schweiz und England, Professor in Norwich/GB.
Siehe ausführlich Sebald-Forum
Gilt als einer der wichtigsten deutschen Autoren der Neuzeit, 5 Hauptwerke (Nach der Natur, Die Ausgewanderten, Die Ringe des Saturn, Schwindel.Gefühle, Austerlitz), Essays, Lyrik.
Erinnertes Triptychon





Slime Punk-Band aus Hamburg, gegründet 1979, stilprägend in den 1980er Jahren. Musikalisch und textlich gewandelt, ausgefeiltere Songstrukturen und komplexe, verschlüsselte Texten, beeinflusste durch ihre antifaschistischen Texte die deutsche Punk-Bewegung.
Mehrere Lieder Gegenstand von Ermittlungsverfahren.
Auszüge Urteil Bundesverfassungsgericht zu "Deutschland verrecke":

Das Amtsgericht verurteilte den Beschwerdeführer wegen einer Straftat nach § 90 a StGB zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 25 DM. Er habe durch Abspielen des Liedes bei einer Versammlung die Bundesrepublik Deutschland beschimpft und böswillig verächtlich gemacht. Dies ergebe sich aus dem eindeutigen Wortlaut des Liedtextes und den konkreten Umständen des Abspielens. Die Strafbarkeit des Beschwerdeführers nach § 90 a Abs. 1 StGB sei auch dann begründet, wenn das Abspielen des Liedes im Verlauf der Demonstration dem so genannten Wirkbereich eines Kunstwerkes zugerechnet werde, so dass der Schutzbereich der Kunstfreiheit, dem der Beschwerdeführer auch als bloßer Vermittler eines Kunstwerkes unterliege, berührt sei. Als rechtsstaatlich verfasste Demokratie sei die Bundesrepublik Deutschland in ihrem von der inneren Zustimmung ihrer Bürger abhängigen Bestand auf ein Mindestmaß an Achtung dieser Bürger ihr gegenüber angewiesen, auch um die Grundrechtsausübung und damit die Kunstfreiheit selbst wirksam gewährleisten zu können. Darin liege ein verfassungsrechtlich, aber auch durch § 90 a StGB geschütztes Rechtsgut, das im vorliegenden Fall betroffen sei und gegenüber dem die Berufung auf die Kunstfreiheit unter den konkreten Umständen versage. Die Berufung des Beschwerdeführers gegen dieses Urteil wurde vom Landgericht verworfen. Nach den tatsächlichen Feststellungen habe sich der Beschwerdeführer einer Straftat nach § 90 a Abs. 1 StGB schuldig gemacht. Er könne sich auch nicht auf die "Kunst- und Meinungsfreiheit" berufen. Der Schutzbereich dieser Grundrechte sei durch § 90 a Abs. 1 StGB eingeschränkt. Die vom Beschwerdeführer zum Kammergericht eingelegte Revision blieb ohne Erfolg. Die Prüfung des Urteils auf die allein erhobene allgemeine Sachrüge decke zum Schuldspruch keinen Rechtsfehler auf.
Mit seiner Verfassungsbeschwerde rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung seines Grundrechts aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG ...
Der Verfassungsbeschwerde ist gemäß § 93 c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG stattzugeben. Die angegriffenen Entscheidungen verletzen den Beschwerdeführer in seiner durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gewährleisteten Kunstfreiheit. Die Gerichte haben den Schutzbereich dieses Grundrechts unzutreffend bestimmt und die der Kunstfreiheit gesetzten Schranken im Einzelnen nicht richtig beurteilt.
... sie verstellen sich den Blick auf die Anforderungen, die sich bei der Würdigung des Liedes aus der Kunstfreiheit ergeben, von vornherein durch eine verengte Sicht von der Bedeutung und Tragweite dieses vorbehaltlos gewährten Grundrechts. ...
Die Freiheit der Kunst findet ihre Grenzen allein in den Grundrechten Dritter in anderen verfassungsrechtlich geschützten Gütern Daher schließt Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG eine Bestrafung nach § 90 a Abs. 1 StGB wegen Verunglimpfens oder böswilligen Verächtlichmachens der Bundesrepublik Deutschland nicht generell aus ...
Im Lichte des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG darf der Schutz des Staates und seiner Symbole nach § 90 a StGB aber nicht zu einer Immunisierung des Staates gegen Kritik und selbst gegen Ablehnung führen. Vielmehr bedarf es stets einer einzelfallbezogenen Abwägung der widerstreitenden Verfassungsrechtsgüter
... Das Lied "Deutschland muss sterben" ist Kunst im Sinne dieses Grundrechts. Dies ergibt sich sowohl bei ausschließlich formaler Betrachtungsweise, weil die Gattungsanforderungen des Werktyps "Komposition" und "Dichtung" erfüllt sind, als auch bei einer eher inhaltsbezogenen Definition des Kunstbegriffs. Der Verfasser benutzt die Formensprache eines Liedes, um seine Erfahrungen und Eindrücke zu bestimmten Vorgängen mitzuteilen, die man unter der Überschrift "Bedrohliche Lebensumstände in Deutschland" zusammenfassen könnte. Da eine wertende Einengung des Kunstbegriffs mit der umfassenden Freiheitsgarantie des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG nicht zu vereinbaren ist, kommt es bei der verfassungsrechtlichen Einordnung und Beurteilung auf die "Höhe" der Dichtkunst nicht an.
... berücksichtigt das Amtsgericht aber nicht die der Kunst eigentümlichen Strukturmerkmale und verfehlt damit eine werkgerechte Interpretation. Von daher kommt es zu einer Grenzziehung zwischen Kunstfreiheit und widerstreitenden Verfassungswerten, die den Anforderungen des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG nicht gerecht wird.
Die kritische Absicht des Liedes ist unverkennbar. Deutlich, wenn auch undifferenziert und plakativ, werden etwa Missstände in den Bereichen Politik, Umweltverschmutzung, Kriegsgefahr (Raketen und Panzer sichern den Frieden) sowie der rapide Wandel durch technische Neuerungen (Atomkraftwerke und Computer zur Lebensverbesserung, bewaffnete Roboter) angeprangert. Verantwortlich gemacht für die heillosen Zustände wird der Staat "Deutschland". Dieser Aussagekern wird durch Vers, Reim und Melodie verfremdet und emotionalisiert. Mit der Refrainzeile: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können" wird ein gängiges dichterisches Stilmittel verwendet, mit dem ein Lebensgefühl von Fremdheit und Hoffnungslosigkeit in aggressiver Zuspitzung vermittelt werden soll. Dabei bedient sich das Lied typischer Formen und Inhalte des Punkrock. Bei der strafrechtliche Würdigung des Liedes dürfen diese Elemente der künstlerischen Einkleidung dem Aussagekern nicht zugerechnet werden.


Deutschland verrecke



Bernd Stelter, geboren 1961 in Unna. Der Vater Heimatvertriebener aus dem Wartheland. Verheiratet, zwei Kinder. Karnevalist, Komiker, Schauspieler und Fernsehmoderator.
Als ich so 13, 14, 15 war








Theodor Storm (1817-1888) erstes Kind einer angesehenen Husumer Juristenfamilie, 2 Jahre Katharineum Lübeck, Jurastudium Kiel und Berlin. Advokat in Husum. 1846 heiratet er Constanze Esmerck (Kusine), ein Jahr später verliebt er sich unsterblich in Dorothea Jensen, die schwangere Constanze entdeckt das Dreiecksverhältnis. Dorthea verlässt, um Constanze zu schonen, Husum.
Nach politischen Unruhen ist die dänische Herrschaft in Husum gefestigt und Storm verliert seine Zulassung als Anwalt. Im Exil in Preußen lernt er Fontane, Paul Heyse und den alten Eichendorff kennen. Das Preußenland behandelt den Schleswiger schlecht. Nach langem Zögern darf er in Potsdam Assessor ohne Bezahlung werden und muss auch noch preußisches Recht lernen, nach drei Jahren ist er Kreisrichter in Heiligenstadt. Seine Gedichte erscheinen. Sie beschäftigen sich mit der Natur, mit dem Norden Deutschlands. Er selbst betrachtet sich als den bedeutendsten und letzten Lyriker des 19. Jahrhunderts, überlebt aber als Prosaschriftsteller mit seinen Novellen Immensee, Pole Popenspäler und Schimmelreiter.
1864, deutsch-dänischen Krieg können die Storms nach 11jährigem Exil nach Husum zurückkehren. Storm wird Landvogt im Bezirk Husum und verdient etwa 10 000 € (nach heutigem Geld), Constanze ist mit dem siebten Kind schwanger und stirbt bei der der Geburt stirbt am Kindbettfieber. Ein Jahr später heiratet Storm Dorothea Jensen, hat mir ihr noch eine Tochter. Sein ältester Sohn ist 20 und Dorothea 40 - sie hat 8 Kinder zu versorgen.
Storm stirbt mit 71 qualvoll verdurstend an Magenkrebs - nichteinmal Flüssigkeit konnte er noch zu sich nehmen.
Die Stadt



Eva (1930-2011) und Erwin Strittmater (1912-1994). Die Wessis haben viel von ihnen verpasst. Sie hatte nichts Dissidentenmäßiges an sich und lebte angeblich zufrieden am Gransee, als Dichterin, auflagenstärkste Lyrikerin Deutschlands, DDR-Bürgerin, als Eva Braun 1930 in der Fontanestadt Neuruppin geboren, Germanistikstudium, Lektorin, Kinderbuchautorin.
Eva ehelicht den äußerst erfolgreichen und beliebten Dramatiker und Romancier Erwin Strittmatter, hat mit ihm vier Söhne.
2016 rechnet einer der Söhne (Erwin Berner) in "Erinnerungen an Schulzenhof" gnadenlos mit seinen Eltern ab: Schweigen, Drohen, Lügen, das war der normale Umgangsmodus: Mit dem Vater kam die Angst, jeden Tag.
Erwin hat viele außereheliche Beziehungen und Kinder, Eva erduldet alles und flüchtet in ihre Lyrik.
Der Sohn sagt, wofür er den Eltern zu danken hat – den Sinn für Kunst, Ordnung und Gastfreundschaft – und wofür nicht. Das „System Schulzenhof“ war, wie er am Ende feststellt, keinesfalls eine Erfindung des Vaters, der ja gar keine Kinder wollte und nur ein Tyrann alter Schule war, sondern seiner Mutter, die alles wollte: Den berühmten Mann, den Ruf als Dichterin, den Umgang mit der SED-Kultur-Elite (unter anderen Hermann Kant und Vera Oelschlegel) und eine Familie. Der Sohn begleitet die Tragödie einer am Ende tablettensüchtigen Frau, die ihre Kinder auch benutzte und gegeneinander ausspielte, um die eigenen Lebenslügen zu retten.
Kolo/Pferde/Analyse



Ludwig Tieck (1773 -1853) Seine Zeitgenossen nennen ihn 'König der Romantik', er schreibt die Theaterstücke Vom gestiefelten Kater und Ritter Blaubart, er ist Rezitator und Novellist, der auch auch unter den Pseudonymen Peter Lebrecht und Gottlieb Färber publiziert.
Aufgewachsen in Berlin als Sohn eines Seilermeisters, Gymnasium, wo er sich eng an Wilhelm Heinrich Wackenroder anschließt. Ab 1792 Studium Geschichte, Philologie, alte und neue Literatur. Ziel freier Schriftsteller. Reist mit Wackenroder nach Nürnberg, in die Fränkische Schweiz, ins Fichtelgebirge usw., nachmalig berühmte Reisebeschreibungen. 1794 Studiumsabbruch, Berlin Jurastudium, ebenfalls abgebrochen.
1798 Heirat, lernt Goethe und Schiller kennen, 1801 ziehen Tieck und Friedrich Schlegel nach Dresden. Beziehung mit Henriette von Finckenstein, die ihn nach Dresden und Berlin begleitet. Reisen nach nach Süddeutschland, Rom und Wien. 1819–1841 Dresden, Dramaturg des Hoftheaters, Novellen.
Wunder der Liebe





Volker von Törne (1934-1980). Geboren als Sohn des SS-Standartenführers Hermann von Törne, worunter er Zeit seines Lebens leidet, versucht die Schuld des Elternhauses abzutragen. Schriftsteller, mitunter Pseudonym Waldemar Graf Windei. Umfangreiche engagierte Lyrik, nicht selten Sonette.
Nach Abitur, abgebrochenem Pädagogikstudium, Studium der Politik- und Sozialwissenschaften, Steinhauer, Hoch- und Tiefbauarbeiter, Geschäftsführer der "Aktion Sühnezeichen". Christoph Meckel, sein Dichterfreund:
"Er hat früh Bakunin und Herzen gelesen, er schwärmte für Majakowski, Lessing und Brecht. Seit 1960 in Westberlin, erschien dort sein erstes Buch. Der selbstgerechte Westen erschreckte ihn, und die neue Restauration war sein rotes Tuch. Humaner Sozialismus war seine Parole, die Praxis politischer Aufklärung sein Metier."
1962 Heirat, 2 Töchter.
Frei wie ein Vogel





Kurt Tucholsky (1890-1935), aufgewachsen in Stettin, Vater ein jüdische Bankkaufmann, den er liebte und verehrte. Der Vater stirbt 1905, hinterläst Frau und seinen 3 Kindern ein beachtliches Vermögen. Nach dem Abitur 1909 Jurastudium. Reist 1911 mit einem Freund nach Prag, um Max Brod mit einem Besuch zu überraschen. Franz Kafkas Tagebuch: „… ein ganz einheitlicher Mensch von 21 Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Mißachten seiner eigenen schriftstellerischen Arbeiten. Will Verteidiger werden …“
1913 Verzicht auf das Jurastudium, ausnahmsweise Dr. iur., Journalist. Mit "Rheinsberg" Riesenerfolg, bei der Theaterzeitschrift Die Schaubühne, Die Weltbühne. Soldat, kehrt als überzeugter Antimilitarist heim.
Gefragter und best bezahlter Journalist der Weimarer Republik. Veröffentlicht in 25 Jahren mehr als 3.000 Artikel. Tucholskys Aussgen polarisieren bis heute, wie sein Satz „Soldaten sind Mörder“.
Er schreibt unter den Namen Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser, Kurt Tucholsky.
Zermürbt von politischer Entwicklung und Krankehit, fern von allen Freunden, nimmt er sich in Hindas/Schweden, wo er seit 1929 lebt, 1935 unfreiwillig das Leben: In reichlich betrunkenem Zustand nimmt er seine tägliche Veronal-Schlaftabletten-Dosis mehrmals ein.
Wer schmeißt denn da mit Lehm?



Ria ÜbÜ (Pseudonym) Ulrike Brummert * 1952 deutsche Romanistin, Hochschullehrerin
Keine verstaubte Professorallyrik, die Dicherin spült alle Bedenken sogleich mit reichlich Pastis hinunter und wir begegnen poetisch flatterhaftem Paradiesvogelgezwitscher, voller Lust am schrägbunten Bild des Wortes, mit feinem Gespür für zarte Klangwölkchen. Zudem eine spannend-experimentelle Begegnung der angeblich so harten deutschen mit vor allem romanischen Sprachen. Die jeweiligen Übersetzungen liefert ÜbÜ freundlicherweise gleich mit, doch auch hier blitzt gerne mal der Schelm in ihren Augen auf. 2020 erscheint das Buch Pastis.
Das Pseudonym stützt sich auf den Taufnamen der Autorin, der klangliche Gleichklang mit dem Theaterstück König Ubu (frz. Ubu roi) von Alfred Jarry (1873 - 1907), in zahlreiche Sprachen übersetzt, von Dadaisten und Surrealisten gefeiert, ist ein glücklicher Zufall."
Du bist doch zu etwas nutze



Ludwig Uhland (1787–1862) * in eine Tübinger Professorenfamilie. Studiert und promoviert in Jura. Seine Liebe gehört der Literatur, speziell der Volksdichtung. Überall forscht er nach alten Schriften, und ist begeistert, als er auf der Meersburg am Bodensee bei Annette von Droste-Hülshoffs Schwager Joseph von Laßberg eins der Originale des Nibelungenliedes in Händen hält.
Mischt sich immer wieder in die Politik. Ist streng gesetzestreu, unbestechlich, nie auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern immer darauf aus, die Mehrheit derjenigen zu vertreten, die ihn gewählt hatten. Fürchterlich konservativ. Sitzt 1849 im Paulskirchenparlament in Frankfurt unter schwarz-rot-goldenen Fahnen neben Ernst Moritz Arndt und nimmt an der gescheiterten Ausarbeitung der Verfassung teil. Mit Uhland und den Liberalen der Paulskirche ist keine Revolution und keine Verfassung zu machen. Uhland, von dem die Droste erzählt, dass er doch recht dröge und einsilbig war, auch weil er stotterte, ist ein erfolgreicher Lyriker. Neben Heines 'Buch der Lieder', neben Emmanuel Geibels Sammlung mit dem Titel 'Gedichte' war Uhlands Buch 'Gedichte' der Verkaufserfolg des 19. Jahrhunderts.
Haupt der Schwäbischen Dichterschule, zu der (die Bekannteren) Gustav Schwab, Justinus Kerner und Karl Mayer gehören. Heine 1838 über Mayer:
»Herr Karl Mayer, welcher auf Latein Carolus Magnus heißt, ist ein Dichter der Schwäbischen Schule und man versichert, dass er den Geist und Charakter derselben am treuesten offenbare. Er ist eine matte Fliege und besingt Maikäfer. Er soll sehr berühmt sein in der ganzen Umgebung von Waiblingen, vor dessen Toren man ihm eine Statue setzten will, und zwar eine Statue von Holz und in Lebensgröße. Dieses hölzerne Ebenbild des Sängers soll alle Jahre mit Ölfarbe neu angestrichen werden, alle Jahre, im Frühling, wenn die Gelbveiglein düften und die Maikäfer summen. Auf dem Piedestal wird die Inschrift zu lesen sein: Hunde dürfen diesen Ort nicht verunreinigen!« Unsterblich sein Gedicht: Ich hatt einen Kameraden. Einen besseren findst du nit. Zitat Lutz Görner: "Worauf der dann, wenn wir die Geschichte weiterdenken, gleich versucht, den Kameraden von dem da drüben abzuknallen"
Uhland stirbt kurz nach seinem 75. Geburtstag in Tübingen, Ehrentitel 'Volksdichter'.
Der gute Kamerad



Karl Valentin (1882-1948) (bürgerlich Valentin Ludwig Fey) Komiker, Volkssänger, Autor, Filmproduzent. Beeinflusste mit seinem Humor zahlreiche Künstler, u.a. Bertolt Brecht, Samuel Beckett, Loriot, Willy Astor, Gerhard Polt und Helge Schneider.
In seiner Bühnenkunst steht er dem Dadaismus, aber auch dem Expressionismus nahe, obgleich er sich von beiden Stilrichtungen distanzierte. Der Humor der Sketche und Stücke beruht auf seiner Sprachkunst und seinem „Sprach-Anarchismus“; 1924 lobt ihn Alfred Kerr als Wortzerklauberer. Valentins wichtigste Partnerin auf der Bühne ist Liesl Karlstadt. Mit ihr gelingt ihm 1911 der Durchbruch in München.
Einzelkind, wächst in der Münchner Vorstadt Au auf. Volksschule nennt er später „Zuchthaus“. Schreiner- und Tischlerlehre und bis 1901 Facharbeiter. Beziehung zu Gisela Royes (1881–1956), einem Dienstmädchen, führte 1911 zur Heirat, 2 Töchter.
Nach dem Tod des Vaters übernimmt Valentin mit seiner Mutter die Leitung der Speditionsfirma Falk & Fey, 1906 bankrott, geht mit Mutter in deren Heimatstadt Zittau.
Nach erfolgloser Tournee durch verschiedene Städte kehrt Valentin 1908 nach München zurück, wo er den Monolog 'Das Aquarium' schreibt. Engagement an der Volkssängerbühne im „Frankfurter Hof“ beendet seine Geldnöte. Valentin entwickelt in dieser Zeit seine groteske Körpersprache und die sprachspielerische Selbstironie, mit der er auch auf sein Publikum zielte. 1911 traf er Elisabeth Wellano, die als Liesl Karlstadt seine Bühnenpartnerin wurde.
Ab 1912 Darsteller in etwa 40 Kurzfilmen, teilweise nach seinen Sketchen gedreht. Wegen seiner Asthmakrankheit muss Valentin während des Ersten Weltkriegs keinen Militärdienst leisten. 1915 Direktor des Münchener Kabaretts Wien-München. 1931 eröffnet Valentin ein eigenes Theater (Goethe-Saal) in der Münchner Leopoldstraße, das er allerdings schon nach acht Wochen wieder schließen muss: Valentin beharrte gegenüber der Feuerpolizei auf einem brennenden Zigarettenstummel in einem Sketch.
Dem Nazi-Regime steht Valentin naiv-skeptisch gegenüber; äußert sich aber nicht öffentlich. Von 1939 an hat Valentin neue Bühnenpartnerin und Geliebte: die 35 Jahre jüngere Annemarie Fischer ersetzt auf der Bühne Liesl Karlstadt. Er eröffnete die Ritterspelunke, eine Mischung aus Theater, Kneipe und Panoptikum, die er allerdings im Juni 1940 wieder schließt, bevor die NS-Behörde den Lagerraum für Requisiten zum Luftschutzkeller macht.
Zwei Knaben



Eva Vargas (1930-2010) Sängerin, Komponistin, Journalistin, Dichterin, bildende Künstlerin. 1965 Heidelberg, 1984 Trafohaus des Heidelberger Stauwehrs bei Wieblingen. Nennt ihre selbst kreierte Kunst „Rest-Art“, führt Ausstellungen und Aktionen mit ökologischen, humanitären und politischen Zielsetzungen durch. Ihre Tätigkeiten umfassen Literatur, Musik, Malerei, Gestaltung und Aktion. Inhaberin des Kleinsttheaters auf Rädern „Heidelberger Lumpen-Paradies“. Initiiert wiederholt Förderprogramme in Schulen, Jugend- und Strafanstalten; stirbt an Krebs.
Verheiratet mit Arnfried Astel.
...du Feine



Walther von der Vogelweide (ca. 1170-ca.1230), gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Er dichtet in Mittelhochdeutsch.
Trotz seiner Berühmtheit findet sich sein Name nicht in zeitgenössischen Aufzeichnungen, es sei denn bei Dichterkollegen. Positiv erwähnen ihn Wolfram von Eschenbach (Parzival), Willehalm, Gottfried von Straßburg (Tristan), negativ Thomasin von Zerclaere (Wälscher Gast), Ulrich von Singenberg (Truchsess von St. Gallen)
Andere Dichtern nennen ihn Herr, was aber nicht beweist, dass er adliger Abstammung ist. Die Herkunftsangabe Vogelweide weist jedenfalls darauf hin, dass er nicht zum höheren Adel, der seine Namen von Burgen oder Dörfern nahm, sondern bestenfalls zum unfreien Dienstadel der Ministerialen gehörte.
Das meiste über seine Biographie entnimmt man seinen Werken, obwohl das „Ich“ einer Dichtung sehr oft nicht mit dem Dichter identisch ist. Für heutige Leser ist noch schwerer erkennbar als für die Zeitgenossen, wo die Grenzen zwischen autobiographischen Anteilen und Fiktion liegen. Da es außer seinen eigenen Gedichten keine Quellen über ihn gibt, hat das Walther-Bild notgedrungen unhistorische Anteile. Die Chronologie der Werke steht nur dort auf sicherem Boden, wo er politische Ereignisse eindeutig anspricht.
500 Strophen, 90 Minnelieder und 150 Sangsprüche Walthers sind überliefert, neben der Neidharts und Frauenlobs die umfangreichste Literatur des deutschen Mittelalters. Schon im 13. Jahrhundert gehört er zu den allerersten Vorbildern, später zu den zwölf alten Meistern der Meistersinger. Die erste moderne Ausgabe seiner Werke (1827) stammt von Karl Lachmann.
Die umfangreichste Sammlung seiner Gedichte findet sich in der „Großen Heidelberger Liederhandschrift“, einer Prachthandschrift, um 1300 verfertigt.
Palästinalied



Hannes Wader * 1942 in Gadderbaum, Musiker und Liedermacher. Sohn eines Landarbeiters, wächst in einfachen Verhältnissen mit zwei 8 und 9 Jahre älteren Schwestern auf. Dekorateur in einem Schuhgeschäft. Während dieser Zeit lernt er Mandoline und Gitarre. Hat nie Freude an seinem Beruf, wird immer nachlässiger, 1962 entlässt ihn sein Chef wegen „Unfähigkeit, Streitsucht und Musizierens während der Arbeitszeit“. Wader hatte ihm im Streit „ein paar Schuhe vor den Wanst“ geworfen.
Spielt in verschiedenen Jazzkapellen, Klarinettist und Saxophonist in Bars und Lokalen. 3 Semester Grafik-Studium an der Werkkunstschule in Bielefeld, bekommt Ärger mit Dozenten, verlässt Bielefeld, per Anhalter nach West-Berlin, um sich an der Akademie für Graphik, Druck und Werbung, einzuscheiben. Während dieser Zeit (1962/63) hört Wader zum ersten Mal Georges Brassens und ist „ungeheuer fasziniert“. Beginnt, selbst zu singen, Gitarre zu spielen und eigene Lieder zu schreiben. Hat 1966 beim Festival Chanson Folklore International auf Burg Waldeckselbst seinen ersten großen Auftritt, der ihn bekannt macht. Grafik-Studium abgebrochen, Layouter beim Satire-Magazins Pardon. Tourt mit Reinhard Mey durch Kneipen und Clubs.
Obwohl Politik bei ihm wegen seines politisch aktiven Vaters, der wenig Zeit für die Familie hatte, negativ besetzt ist, wendet er sich nach dem Ende der 68er-Bewegung politischen Themen zu. Überlässt angeblicher Rundfunkredakteurin seine Wohnung, die er nach Rückkehr von Tournee völlig verwüstet vorfindet. „Hella Utesch“ war Gudrun Ensslin, Ermittlungsverfahren.
1974 Heirat mit Susanne Tremper, 6 Jahre später geschieden. 1977 Eintritt DKP, aktiv in der Friedensbewegung. 1986 Heirat mit Psychologin Cordula Finck, ein Sohn, eine Tochter. 1991 Austritt aus DKP. Sommertourneen mit Konstantin Wecker.
2017 Ankündigung, sich nach 50 Jahren „On The Road“ vom Tourneeleben zu verabschieden.
Der sozialkritischer Chansonnier übte Einfluss auf die Studentenbewegung aus, wendete sich später dem traditionellen deutschen und plattdeutschen Liedgut zu. Seit Ende der 1970er machten Arbeiterlieder und sozialistische Hymnen wichtigen Teil seines Repertoires aus. Seit den 1990er Jahren interpretierte er verstärkt Werke von Dichtern früherer Epochen wie Joseph von Eichendorff und dem Schweden Carl Michael Bellman. Seine lyrischen Texte sind meist mit eigenen Kompositionen unterlegt, oft autobiographisch geprägt. Einige Vertonungen Waders werden Volkslieder, wie wohl sein bekanntestes Heute hier, morgen dort.
Heute hier morgen dort



Konstantin Wecker * München 1947, einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher. Musiker, Komponist, Schauspieler und Autor. Mit 6 Klavierunterricht, mit 8 lernt er Geige und mit 14 Gitarre. Lieder erreichen vor allem linkes Publikum. Sexfilmdarsteller. 1980 Übersiedelung mit Freunden in die Toskana. Ballade über von Rechtsradikalen erschlagenen Freund Willy Kult. 1980 - 1988 mit Carline Seiser verheiratet, Kokainkonsum. 1995 Verhaftung, Gerichtsverhandlungen ziehten sich jahrelang hin. 2000 Urteil: 1 J 8 M auf Bewährung. 1996 Heirat mit Annik Berlin (27 Jahre jünger), 1997 und 1999 Söhne, Trennung 2013. Ab 2000 Auftritte mit Hannes Wader und Reinhard Mey, Musicals Ludwig² und Hundertwasser. Lehrauftrag an der Uni Würzburg für Komposition und Arrangement, 2018 Gastprofessor an der Uni Koblenz-Landau
Politisches Engagement für Frieden, gegen Saddam Hussein, Rassismus, Militarismus, Autoritarismus und Dogmatismus.
Wecker: „Ich habe mich immer schon, auch in der 68er Zeit, dem Anarcho-Lager zugehörig gefühlt, weil ich als junger Mann von Henry Miller schwer beeindruckt war. Wir müssen an unseren Utopien einer herrschaftsfreien und gewaltfreien Gesellschaft festhalten, sie zusammen mit anderen weiterentwickeln.“
Jeder Augenblick ist ewig/Heit is so schee



Georg Weerth (1822–1856). Ein Eichendorff schreibt in der Zeit des Vormärz:
"Oh Täler weit, oh Höhen,
oh schöner grüner Wald,
du meiner Lust und Wehen
andächtiger Aufenthalt ...",
ein Heinrich Heine:
»Es ist alles still, wie in einer verschneiten Winternacht. Nur ein leiser monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen. Man hört recht ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Und manchmal klirrt etwas wie ein Messer, das gewetzt wird.«
1848er Revolution: Was hat sie gebracht?
Heute schluchzen Armen nicht mehr, wetzen auch keine Messer. Denn Arme von heute wären damals reich gewesen. Denn arm sein damals in Deutschland hieß, gar nichts zu haben, außer Hunger. So wie heute in der dritten Welt, in der Menschen eben an diesem Hunger sterben wie damals bei uns.
In dieser Zeit schreibt eher wie Heine ein Georg Weerth, der 1820 in Detmold geboren und 34 Jahre später auf Kuba am Tropenfieber gestorben ist. Mit vierzehn verlässt er das Gymnasium, beginnt eine Kaufmannslehre und lernt in Wuppertal den gleichaltrigen Friedrich Engels kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Weerth wird Korrespondent und Buchhalter, findet bei einem deutschen Handelsunternehmen in der Nähe von Manchester eine Stelle, wo auch Friedrich Engels als Kaufmann arbeitet.
Weerth: "Einstweilen wird hier in Manchester eine prächtige Aufklärungskampagne über den Zustand der jetzigen Gesellschaft gemacht, und ich freue mich von Herzen, dass ich mich auf die Seite der Proletarier geschlagen habe und mithelfen kann, die marode Gesellschaft zu verändern.«
Weerth wird Feuilletonchef der Neuen rheinischen Zeitung in Köln, die Karl Marx herausgibt, die Revolutionen scheitern, die Macht bleibt unverändert in den Händen von König, Adel, Klerus, Militär und Großbourgeoisie. Georg Weerth wandert nach Mittelamerika, aus.
33jährig schreibt er an Heine: »Hier in Havanna wird das Feld sein, auf dem die großen Konflikte der neuen Welt zunächst ausgefochten werden.« Heute est Georg Weerth nahezu vergessen, seine Schriften veröffentlicht Friedrich Engels Jahrzehnte später.
Der alte Wirt in Lancashire



Bettina Wegner * Berlin 1947, Liedermacherin und Lyrikerin. Bekanntestes Lied "Kinder" von 1976, gesungen von Joan Baez findet internationale Verbreitung.
Die Eltern, überzeugte Kommunisten, übersiedeln nach Gründung der DDR von Lichterfelde nach Ost-Berlin. Wegner erlernt Bibliotheksfacharbeiterin, 1966 Studium an der Schauspielschule Berlin. 1968 verteilt sie Flugblätter gegen die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten im Prager Frühling, exmatrikuliert, verhaftet und wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu 1 J 7 M auf Bewährung verurteilt.
Erfahrungen mit Zensur und U-Haft (die sie antreten muss, als ihr erstes Kind (gemeinsam mit Thomas Brasch ) gerade geboren ist) prägen fortan ihre Haltung und vor allem ihre Lieder. Nach Bewährung in der Produktion Abendschule, Abitur, Ausbildung als Sängerin, seitdem freischaffende Künstlerin.
Eigene Veranstaltungsreihen mit Klaus Schlesinger, mit ihm von 1970 bis 1982 verheiratet, verbieten die staatlichen Stellen, die sie bespitzeln und unter Druck setzen. Durch „Kennzeichen D“-Sendung 1978 von Dirk Sager im Westen schlagartig bekannt, sie veröffentlicht erste Langspielplatte im Westen. Darf für Auftritte und „Devisenbringerin“ in den Westen reisen. 1983 Wahl: Gefängnis oder Ausgebürgerung, geht nach West-Berlin.
Verlust der Heimat und der kommunistischen Ideale wichtigste Themen ihrer Lieder in den 1980er Jahren.
1988 neunmonatige Beziehung mit Oskar Lafontaine (Ministerpräsident Saarland). Als Liedermacherin Auftritte mit Joan Baez, Konstantin Wecker und Angelo Branduardi. 2007 Abschiedstournee. "Es wird gefeilscht wie um eine alternde Hure. Natürlich habe ich meinen Preis (…) Es muss ein Ende haben, Sängerin ist dann nicht mehr mein Beruf, auch wenn ich weiter singe – Benefiz oder besondere Anlässe zum Beispiel (…)“
3 Kinder.
Kinder



Erich Weinert (1890-1953). Den 17. Juni 1953 erlebt er nicht mehr. 1904 Jugendweihe, 1912 akademischer Zeichenlehrer, Offizier im WK I., Lehrer Kunstgewerbeschule, Anfang 1920 erste Gedichte. Schauspieler, Vortragskünstler. Großen Erfolg im Kabarett. Texte in vielen kommunistischen Zeitschriften, in Preußen Redeverbot. 1929 KPD-Beitritt, ab 1930 Zusammenarbeit mit Hanns Eisler und Ernst Busch.
Exil im Saargebiet, nach dem Saar-Plebiszit 1935 Paris, Sowjetunion, wo er u. a. für Radio Moskau arbeitet, von stalinistischen Säuberungsaktionen betroffen, 1937 bis 1939 bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg Frontberichterstatter (Lied der Internationalen Brigaden). Nach Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion auf sowjetischer Seite Propagandist. 1943 Präsident Nationalkomitees Freies Deutschland.
1946 Rückkehr nach Deutschland, Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung in der SBZ.
Eine deutsche Mutter



Josef Weinheber (1862-1945), soll hier als Exempel eines faschistischen Lyrikers, der zu Hitlers 50. Geburtstag ein Jubelgedicht schreib. Ein Wiener, bis 1932 Postbeamter, der seinen Aufstieg in den düstersten Zeiten Deutschlands als mit Preisen überhäufter Dichter den Nazis verdankt. Zeiten, die mit Millionen Toten enden und in denen er Gedichte schreibt. Nicht etwa ein junger, sondern ein lebenserfahrener Mann. (Ähnlich der Dichterin Agnes Miegel, nach der Dutzende Schulen in Deutschland noch heute benannt sind und die mit 61 dieses bösartige Gedicht auf Hitler schrieb: "Nicht mit der Jugend
Überschäumendem Jubel erlebt ich das Wunder
Deines Nahns.
Sondern mit dem schweigend ehrfürchtigen Staunen
Leidgeprüften Herzens, geläutert im Opfer.
Das seiner Kindheit Welt in Krieg und Stürmen vergehn sah,
Und das anders, groß und glühend ergriffen. Stumm dich grüßte!")
Des weieren sind hier aufzuzählen Erwin Guido Kolbenheyer, der von der "Sehnsucht des Deutschböhmerlands" redet "ins einige Reich heimzukommen". Oder Lulu von Strauß und Torney, die Balladendichterin, deren Gedichte wie der Deckel auf den Pott der Volksgemeinschaftsideologie passen. Oder Rudolf G. Binding, der aristokratisch fühlende Pferdezüchter und Rittmeister, der den 1. Weltkrieg nachträglich feiert und ihn heiligspricht. Was natürlich dazu führt, dass Binding in den Lesebüchern der höheren Nazischulen reichlich vertreten ist. Den Müttern gefallener Söhne empfiehlt der Herr Rittmeister mit kaum zu übertreffendem Zynismus, nicht zu weinen.
Oder Ina Seidel, die ebenfalls einschlägige Führergedichte schrieb und als Protestantin die lutherische Maxime predigt, Obrigkeit als gottgewollte Macht hinzunehmen. Oder Hans Carossa, der nach 1945 sehr zu Unrecht für sich in Anspruch nimmt, zur gegen die Nazis gerichteten 'inneren Emigration' gehört zu haben. Noch 1943 schreibt er Durchhaltegedichte.
Alle diese Reaktionäre, die den Faschisten positiv gegenüberstanden, die von ihnen gehätschelt und gelobhudelt wurden, sind auch in der Adenauerära nach dem 2. Weltkrieg gerngesehene Leute, deren Werke Pädagogen in die Schulbücher aufnehmen.
Judaskuss/Requiem für einen Faschisten



Günther Weisenborn (1902-1969) * in Velbert, Schriftsteller und Widerstandskämpfer.
Germanistik- und Medizinstudium Köln, Bonn und Berlin, Schauspieler, Dramaturg an der Berliner Volksbühne. Nach der Machtübernahme durch die Nazis verbieten sie seine Bücher, nach kurzer Emigration in die USA 1936 Rückkehr 1937. Doppelleben: Einerseits Teil des Nazi-Kulturbetriebs (1941 Dramaturg am Schillertheater), andererseits unterstützt er die Widerstandsorganisation Rote Kapelle. 1941 Heirat mit Margarete. 1942 verhaftung durch Gestapo, 1943 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. April 1945 befreit die Rote Armee Weisenborn aus dem Zuchthaus Luckau.
Ein Jahr vor seiner Verhaftung schreibt er das Gedicht 'Ahnung'. Eines der berühmtesten Theaterstücke von Günther Weisenborn, neben der "Ballade vom Federle, vom Eulenspiegel und von der dicken Pompanne", 1949 in Hamburg uraufgeführt, "Die Illegalen", in dem er seine Zeit im Widerstand verarbeitet.
Rückkehr nach West-Berlin, gründet das Hebbel-Theater, strengt 1947 Prozess gegen den Chefankläger der Roten Kapelle, Manfred Roeder, an. Verfahren von der NS-belasteten Staatsanwaltschaft Lüneburg verschleppt, Ende der 1960er Jahre eingestellt. Vortragsreisen Asien, London, Paris, Prag und Warschau. Engagement als Pazifist gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland und Warnung vor der atomaren Bedrohung.
Filmdokumentationen des Widerstands im Dritten Reich, Drehbuch zu Wolfgang Staudtes Verfilmung von Bertolt Brechts Dreigroschenoper.
Ahnung



Martina Wiemers aus Deutschland. Generalbevollmächtigte bei der Deutschen Hörfilm Berlin.
100 Jahre möchte sie werden, schreibt oft märchenhaft Tatsächliches aus dem Leben und daneben, alt genug, um mitreden zu können. Manche sagen, sie sei ruppig.
Aprilscherz







Christian Wirth * 1945 in Amberg, aufgewachsen in der Oberpfalz und Franken, Wossi. 2 Söhne 1 Tochter (Constanze Wirth). Dichtete schon als kleiner Junge, sein Lehrer jedoch verdarb ihm den Spaß an der Lyrik, weil er nicht glaubte, dass Christian die Gedichte selbst verfasst hatte ...
2 Jahre Bund, 68er, widmet sich neben seinem Beruf als Staatsanwalt und Richter anstelle sehnsuchtsvolle Gedichte übers Meer und die Ferne abzufassen dem Hochseesegeln in Theorie und Praxis , betreibt ein Forum zu dem großen W. G. Sebald und schreibt ein Blog namens Mini-Kosmos, womit alles gesagt ist - und ausnahmsweise unternimmt er einen Törn nach HAIKU und sticht in den Ozean der Kunst ...
Ein Schoner am Wind



Constanze Wirth * 1997, aufgewachsen in Franken, Studentin Grundschullehramt.
Mit 5 ersten Klavierunterricht, großes zeichnerisches Talent, begeisterte Hochseeseglerin
Verwurzelt wortlos








Uljana Wolf * 1979 Berlin, Schriftstellerin, Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch. Studiert Germanistik, Anglistik und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlicht Gedichte in Deutschland, Polen, Weißrussland und Irland. 2005 Gedichtband 'kochanie ich habe brot gekauft', 2009 zweiter Gedichtband 'falsche freunde', befasst sich mit der Problematik und produktiven Unschärfen des Übersetzens. Die zeitgemäße Figur des Migranten und die an ihr vorgenommenen Klassifizierungsprozesse erhalten dichterische Gestalt. Wolf lebt in Berlin und New York.
aufwachraum I und II



Kathinka Zitz-Halein 1801–1877 Schriftstellerin
Geboren Mainz, dort und in Straßburg Pensionatserziehung. Zurück im Elternhaus Arbeit als Erzieherin. Kurz mit Rechtsanwalt Franz Zitz verheiratet, Mitglied des Frankfurter Parlaments, einer der Führer der revolutionären Bewegung in Mainz. Zitz ist zeitlebens arm und schreibt, um zu überleben. Vielschreiberin: 11-bändiges Werk über Goethe, je 6-bändiges Werk über Rahel Varnhagen von Ense und Heinrich Heine, 5-bändiges Werk über Lord Byron. Stirbt fast erblindet mit 76 in Mainz.
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